USA

Senator a.D.

Der Rückzug aus der Politik, den Joe Lieberman im Januar 2011 ankündigte, kam nicht allzu überraschend. Dennoch können sich nur wenige vorstellen, dass der US-Politiker, der seit 1989 den Bundesstaat Connecticut im Senat vertritt, nach dem Ende seiner Amtszeit vollkommen von der Bildfläche des öffentlichen Lebens verschwinden wird. »Langsamer treten, vielleicht. Sich reorientieren, vielleicht. Aber außer Sicht geraten, unwahrscheinlich«, heißt es in einem Zeitungsartikel. Lieberman ist als engagierter Politiker fest im öffentlichen Bewusstsein verwurzelt, doch noch stärker ist sein politisches Vermächtnis als – einziger – orthodoxer Jude im US-Senat.

Capitol Geleitet vom traditionell-jüdischen Prinzip Tikkun Olam, dem Wunsch, die Welt zu verbessern, hat Lieberman zahlreiche andere religiöse jüdische Amerikaner dazu inspiriert, sich ebenfalls in einem öffentlichen Amt zu engagieren. »Joe Lieberman betont stets, dass er ein Senator ist und kein Rabbiner.

Aber er hat den Stein so weit ins Rollen gebracht, dass er Tausenden gläubiger Juden erlaubt hat, von einem öffentlichen Amt zu träumen, ohne darüber nachdenken zu müssen, dass dies ihren Glauben kompromittieren könnte«, sagte Rabbiner Levi Shemtov, Vizepräsident der American Friends of Lubavitch, in einem Interview. Lieberman war jahrelang im Capitol Jewish Forum aktiv, der größten jüdischen Gruppe im Parlament. Das Forum bietet jüdischen Mitarbeitern und Kongressmitgliedern Programme an, die es ihnen ermöglichen, den Anforderungen des politischen Arbeitsalltags gerecht zu werden, ohne ihre jüdische Identität aufgeben zu müssen.

Im Jahr 2000 wurde Lieberman von Al Gore als Vizepräsidentschaftskandidat der Demokraten nominiert. Ein Ereignis, das nicht nur den Höhepunkt seiner politischen Karriere markierte, sondern auch ein Durchbruch für amerikanische Juden war. Vor dem Hintergrund jahrelangen Antisemitismus war es bis zu diesem Zeitpunkt politisch wie gesellschaftlich undenkbar gewesen, einen Juden – noch dazu einen observanten – für ein solches Amt zu nominieren.

Lieberman wurde dadurch unwillkürlich zum Vorbild und, in den Augen einiger Beobachter, zu einer Art Botschafter. »Seine Nominierung und die Kampagne machten Amerika mit dem orthodoxen Judentum vertraut«, sagte Nathan Diament, Leiter des Washingtoner Büros der Orthodox Union, in einem Interview.

Überzeugung Lieberman machte nie einen Hehl aus seiner religiösen Überzeugung, ganz im Gegenteil. Er praktizierte sein Judentum auch im politischen Alltag sehr offen. Debatten und Abstimmungen am Schabbat blieb er grundsätzlich fern, oder er ging, wenn besonders wichtige Dinge wie die Gesundheitsreform beraten oder entschieden wurden, die Strecke von mehr als sechs Kilometern zum Capitol Hill zu Fuß.

Kompromisse wie dieser brachten Lieberman teils harsche Kritik von jüdischer Seite ein und befeuerten die Debatte um seine modern-orthodoxe Interpretation der halachischen Vorschriften. Dabei ist Lieberman wie kein anderer ein Verfechter der Schabbatruhe, der er eigens ein Buch, The Gift of Rest, gewidmet hat. Darin zeigt er die Tradition und die Geschichte des Schabbat und ermuntert alle Menschen, an einem Tag der Woche innezuhalten, Handy und Computer abzuschalten und sich auf die Verbindung zur Familie und zu Gott zu konzentrieren, etwa mit einem gemeinsamen Essen und einem Segen für die Kinder.

Joe Lieberman ist überzeugt, dass der Schabbat neben dem persönlichem Frieden auch einen gesellschaftlichen Nutzen bringt. »Gerade in einer Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit führt uns der Schabbat zu den wirklich wichtigen Dingen zurück«, sagte der Senator einmal in einem Interview. »Wir wollen alle einen Job und eine gesicherte Zukunft, aber der Schabbat erinnert uns daran, dass es ein Geschenk ist, am Leben zu sein, und dass wir die Möglichkeit haben, das Beste daraus zu machen.«

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