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Schwäbin in Queens

»Ich bin das letzte jüdische Kind, das in Kippenheim geboren wurde«: Inge Auerbacher (78) Foto: imago

Des Schwäbisch«, sagt Inge Auerbacher, »des isch wie a Krankheit! Des wird man nie wieder los.« Dann lacht sie laut und herzlich. Inge Auerbacher freut sich, sie hat dieses Jahr gleich drei Ehrungen hintereinander erhalten: die Ehrenplakette der Stadt Göppingen – dort kam ihre Mutter her –, den Verdienstorden des Landes Baden‐Württemberg und außerdem, jetzt gerade, das Bundesverdienstkreuz.

Mehr als diese Ehrungen beeindruckt etwas anderes: Im Frühling ist Inge Auerbacher, die im New Yorker Stadtbezirk Queens lebt, im Bundesstaat Montana als Ehrenmitglied in die Blackfeet Nation aufgenommen geworden. »Die warfen eine Decke über mich und sagten Sprüche und gaben mir Ohrringe, und nachher haben sie in ihrer Hochschule getrommelt und gebetet und Sweet Grass für mich angezündet.« Vorher hatten sie ihr schon einen neuen Namen gegeben: »Little Star Woman«. Denn als Kind in Deutschland musste Inge Auerbacher den gelben Stern tragen.

Schwarzwald Die 78‐Jährige stammt aus dem kleinen Ort Kippenheim am Rande des Schwarzwalds; ihr Geburtsdatum: der 31. Dezember 1934. »Ich bin das letzte jüdische Kind, das dort geboren wurde«, sagt sie. Sechzig jüdische Familien gab es in Kippenheim, auch der Vater des Komponisten Kurt Weill stammte von dort, vielleicht ist sie mit ihm verwandt. Ganz bestimmt gehört zu ihren Vorfahren aber Berthold Auerbach, der Autor der Schwarzwälder Dorfgeschichten. Eigentlich hieß er Moses Baruch Auerbacher und sollte Rabbiner werden. »Der war zu seiner Zeit so berühmt wie der Mark Twain«, sagt Inge Auerbacher.

Was sie vom 9. November 1938 weiß? »Alles.« Dabei war sie noch nicht einmal vier Jahre alt. »Für uns war’s am 10. November«, sagt sie. »Die Eltern meiner Mutter kamen uns besuchen. Opa ging frühmorgens in die Synagoge – wir waren modern‐orthodox. Er wurde von seinem Gebet weggerissen, nach Dachau. Dann kam die Polizei in unser Haus und hat Papa verhaftet. Alle Jungen und Männer in Österreich und Deutschland, die über 16 Jahre alt waren, sind damals in KZs geschickt worden. Bei uns war’s Dachau. Dann fing’s an: Alle Fenster wurden kaputt geschlagen, alles voll mit Scherben – und meine Oma und ich standen im Wohnzimmer. Einer hat geschrien: ›Der Kronleuchter hängt noch da. Los, den müssen wir kriegen!‹«

Dann versteckte sich die kleine Inge mit ihrer Großmutter im Hinterhaus. »Dort war eine Art kleines Zimmer. Den ganzen Tag haben sie an die Tür geklopft. Als das aufgehört hat, sind wir zu jüdischen Bekannten gegangen – es war schon Nacht.«

scherben Sie selbst erinnere sich nicht mehr sehr gut, sagt Auerbacher, aber ihre Mutter habe ihr viel davon erzählt. »Überall waren Scherben. Und nachher mussten wir den Schaden selbst bezahlen. Und dann kam einer zu meiner Mutter mit einem Korb voller Krawatten und Gürtel und sagte: Das sind die Sachen von euren Männern. Und da hat meine Mutter gesagt: ›Leben sie noch?‹ Da hat er gesagt: ›Das wissen wir nicht.‹ Aber nach ein paar Wochen sind sie wiedergekommen. Natürlich war alles vernagelt, die Fenster, es war ja kalt. Daran erinnere ich mich noch sehr, sehr gut.«

Inge Auerbachers Vater war im Ersten Weltkrieg verletzt worden: ein Schulter‐ und Oberarmschuss. »Er hatte das Eiserne Kreuz und meinte immer, das hilft ihm«, erzählt die Tochter. »Aber sie sagten ihm: ›Dein Kreuz kannst’ wegschmeißen.‹ Es war sehr schlimm in Dachau. Er hat meiner Mutter erzählt, wie sie stundenlang stillstehen mussten, in den gestreiften Anzügen ohne Unterwäsche. Wenn einer sich nur die Nase putzen wollte, ist er mit eiskaltem Wasser abgespritzt worden. Als Vater dann nach Hause kam, hat er gesagt: Jetzt müssen wir raus. Aber wie? Die Türen der freien Welt waren verschlossen.«

Dienstmädchen 1939 verkauften Inge Auerbachers Eltern ihr Haus und zogen zu den Großeltern nach Jebenhausen bei Göppingen. An die nächsten zwei Jahre hat sie eher gute Erinnerungen. Die deutschen Kinder spielten mit ihr, und es gab ein christliches Dienstmädchen: Therese. »Für mich ist sie wie eine Heilige«, sagt Inge Auerbacher heute, »weil sie, eine so einfache Frau, in dieser Zeit geholfen hat. Die ist in der Nacht gekommen und hat unsere Gebetbücher sichergestellt. Sie hätte dafür umgebracht werden können. Und hinters Grab von unserem Großvater hat sie Essen gestellt, das wir abgeholt haben.« Am Ende des Krieges, als die Amerikaner einmarschierten und an ihre Tür klopften, machte sie nicht sofort auf und wurde von einem Soldaten durch die Tür erschossen. »Ein furchtbares Ende.«

»Als die Transporte dann losgingen, von Stuttgart nach Riga, da waren wir alle dabei. Mein Vater hat aber einen Brief geschrieben, er sei Kriegsversehrter, ob wir nicht rauskönnten von dem Transport. Er wusste ja von den Lagern. Und irgendwie sind wir da rausgekommen – aber nicht unsere Oma. Nachdem sie deportiert worden war, haben sie uns aus dem Haus geworfen und nach Göppingen gebracht in ein jüdisches Haus. Ab da mussten wir den Stern tragen, das war im September 1941. Ich bin mit der Bahn zur Schule gefahren, allein, und dann auch noch mit dem Stern! Mein Vater sagte mir: Setz dich so hin, dass du den Stern verdecken kannst. Das war nicht immer möglich. Und ich weiß noch, einmal war eine christliche Dame im Coupé, sie hat mich gesehen und ein Beutelchen mit Brötchen neben mich gelegt. Das ist jetzt mehr als 70 Jahre her, und ich erinnere mich immer noch an diese gute Frau. Wenn mehr Leute so gewesen wären, vielleicht wäre das Ganze nicht so schlimm geworden.«

Theresienstadt Im August 1942 wurde Inge Auerbacher mit ihrer Familie nach Theresienstadt deportiert. »Ich war die Jüngste im Transport, ich war sieben Jahre alt.« Mehr als tausend Menschen waren mit ihr zusammen. »Man sagt, es seien über 50 zurückgekommen«, erzählt Inge Auerbacher – »also vielleicht, wenn man alle Transporte zusammenzählt. Von den Kindern aus Stuttgart, die in die Transporte gekommen sind, bin ich die Einzige, die zurückkam.« Ihre beste Freundin aus jener Zeit sah sie nie wieder. Sie wurde mit ihren Eltern nach Auschwitz deportiert.

Dreizehn Familienangehörige von Inge Auerbacher wurden damals umgebracht, und 20 Verwandte insgesamt. Vielleicht wurden sie in Chelmno vergast, so genau weiß man es nicht. Aber Inge Auerbacher selbst, ihr Vater und ihre Mutter haben überlebt – »ein Wunder«. Nach dem Krieg wanderte die Familie nach Amerika aus, Inge Auerbacher überlebte Tuberkulose, holte die Schule nach, studierte und wurde Chemikerin. Heute erzählt sie ihre Geschichte vor amerikanischen Schulklassen von Iowa bis Minnesota.

nahostexpertin Dort, in Minnesota, hatte sie neulich ein merkwürdiges Erlebnis: Es stellte sich heraus, dass sie vor jungen Leuten aus Saudi‐Arabien sprechen sollte. »Die wollten mit mir nur über Palästina reden.« Inge Auerbacher sagte ihnen, sie sei keine Nahostexpertin, sondern könne ausschließlich von ihren eigenen Erlebnissen berichten. Außerdem hätten doch Juden und Araber denselben Stammvater: Abraham. Hinterher hätten sie sich umarmt.

Ja, die Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz hat sie sehr gefreut. Doch dann platzt es aus ihr heraus: »Ich versteh’ die ganze Geschicht’ nicht. Es gibt so nette Deutsche. Wie war das möglich? Dass man einfach die Leute ins Gas schickt. Für was? Das kann man doch gar nicht glauben! Von so einem Land?« Nein, verzeihen kann sie nichts, jedenfalls nicht den Mördern. Das, sagt Inge Auerbacher, kann nur Gott.

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