Grossbritannien

Schotten dicht?

Pro und Contra: Demonstration vergangene Woche in der Stadt Perth nördlich von Edinburgh Foto: Reuters

Henry Wuga (90) wird den Schotten für immer dankbar bleiben. In Nürnberg geboren, war er einer der rund 10.000 Juden, die durch die sogenannten Kindertransporte aus Nazi-Deutschland gerettet wurden. In Schottland nahm ihn 1939 eine christliche Familie auf. Seine in Deutschland zurückgebliebenen Eltern sah er nie wieder.

In Glasgow baute Wuga ein koscheres Cateringgeschäft auf und hatte Erfolg. Bis heute lebt er mit seiner Frau Ingrid, die ebenfalls mit einem Kindertransport nach Großbritannien kam, ein ungestörtes Leben. Doch während der emotionalen Debatten über das Für und Wider der Unabhängigkeit Schottlands, über die am 18. September abgestimmt werden soll, konnte Wuga nicht mehr stumm bleiben. So nahm er vor einigen Wochen an einer Podiumsdiskussion der Zeitung Jewish Telegraph teil, um sich gegen das Referendum auszusprechen. Wuga findet es geradezu »narrenhaft«, Schottlands Unabhängigkeit zu fordern.

Boykott Auch die pensionierte Lehrerin Lesley Danzig (65) aus Edinburgh steht den schottischen Forderungen skeptisch gegenüber. Sie ist besorgt über das Verhältnis der schottischen Mehrheitsgesellschaft zu den rund 6000 Juden im Land. Auslöser dieser Sorgen sind die vielen Aufrufe, beim Edinburgh Festival israelische Theaterproduktionen zu boykottieren.

»Ich hatte das Gefühl, dass die Allgemeinheit die Marginalisierung der schottischen Juden und die Boykotte tolerierte«, sagt Danzig und fügt hinzu, dass kürzlich, während des Konflikts zwischen der Hamas und Israel, auf den Rathäusern von Edinburgh und Glasgow die palästinensische Flagge wehte. Hinzu komme, sagt sie, dass sich im schottischen Parlament von 222 außenpolitischen Anträgen 43 gegen Israel wandten. »Und nicht nur das. Die schottische Kirche ging vor nicht allzu langer Zeit sogar so weit, die rechtlichen Grundlagen Israels infrage zu stellen.«

»Obwohl ich mein ganzes Leben hier verbracht habe, fühle ich mich neuerdings wie meine Großeltern, die aus Holland und Russland geflüchtet sind«, sagt Danzig und erzählt, dass sie jetzt manchmal ans Kofferpacken denke. »Sollte Schottland unabhängig werden, und es verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage, so wird man zuerst die Muslime beschuldigen, aber bald auch die Juden.« Ihre Söhne hätten weniger Bedenken als sie, sagt Danzig. »Sie fühlen sich schottisch, aber ihnen fehlt auch der direkte Kontakt zu meinen geflüchteten Großeltern und dem Vater meines Mannes, der aus Deutschland stammte.«

In diesem Punkt ist Wuga, der die NS-Zeit in Deutschland als Jugendlicher miterlebt hat, weniger empfindlich und witzelt: »Ob man Jude ist oder nicht, spielt in Schottland keine Rolle.« Viel wichtiger für die Schotten sei die Frage, »ob man ein Celtics-Jude oder ein Rangers-Jude sei«. Denn Fan der einen oder anderen Fußballmannschaft zu sein, stehe symbolisch für die Unterstützung der Protestanten oder der Katholiken – »darin besteht die echte Kluft unter Schotten«.

Armut Aber es gibt in Schottland durchaus auch Juden, die die Unabhängigkeit befürworten. Die separatistische Schottische Nationalpartei SNP hat sogar ein jüdisches Mitglied mit Kippa: Frank Angel, ein Zahnarzt in Rente. Eine der klarsten jüdischen Stimmen für die Unabhängigkeit Schottlands ist jedoch Joe Goldblatt (62). Der gebürtige Texaner, der seit sieben Jahren in Großbritannien lebt und seit Neuestem einen britischen Pass hat, argumentiert mit der jüdischen Geschichte: »Aus dem biblischen Buch Exodus geht klar hervor, dass alle Menschen frei sein sollen«, sagt er.

»Als Jude habe ich außerdem die Pflicht, anderen zu helfen und von Armut und Krankheit zu befreien.« Er sei kürzlich in vollkommen verarmten Gegenden gewesen, wo »Menschen unter Hunger, Süchten und Depressionen litten«. Als er ihnen von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung erzählt habe, konnte er »einen Schimmer von Hoffnung in den Augen dieser Menschen sehen«, behauptet Goldblatt. »Schottland braucht einen Wiederaufbau nach 500 Jahren und hat ein Recht auf Autonomie«, fordert er.

Stabilität Von solchen Einstellungen will Ivor Tiefenbrun, Lieferant seiner Majestät und Träger mehrerer Orden, nichts wissen. Tiefenbrun machte mit der von ihm gegründeten Firma Linn, die Audiotechnik für höchste Ansprüche herstellt, ein Millionengeschäft. Er ist ganz klar gegen Schottlands Unabhängigkeit und nennt dafür sowohl wirtschaftliche als auch politische Gründe: Schottische Unternehmen verkauften den Großteil ihrer Produkte nach England, die Stabilität der Währung eines unabhängigen Schottlands sei gefährdet, ebenso die Verteidigungsfähigkeit, argumentiert er.

Wie Goldblatt beruft sich auch Tiefenbrun auf die Freiheit. »Großbritannien muss eine vereinte Überseebastion der Freiheit bleiben«, fordert er. Da auch sein Vater mit einem Kindertransport nach Schottland kam, ist ihm ebenso bange wie Henry Wuga: »Wenn sich Extremisten von rechts und links vereinen und gemäßigte Menschen davon überzeugen, sich ihnen anzuschließen, weiß man am Beispiel Deutschlands, was passiert«, sagt Tiefenbrun.

So uneins wie die Gemeinde in der Frage der Unabhängigkeit ist, verwundert es nicht, dass es keine offizielle Stellungnahme von Scojecs, der Vertretung der schottischen Juden, gibt. Direktor Ephraim Borowski zählt stattdessen – ganz unparteiisch – die verschiedenen Argumente und Fakten innerhalb der jüdischen Bevölkerung auf. »Bitte verstehen Sie«, bat er die Jüdische Allgemeine, »dass ich nichts sagen kann, was dazu benutzt werden könnte, zu behaupten, dass ich zu einer der beiden Seiten stehe.« Und so schreibt er in seinem Statement zum Referendum: »Scojec wird auch weiterhin die Interessen der schottischen Juden vertreten, ob innerhalb eines unabhängigen Schottlands oder innerhalb eines Vereinigten Königreichs.«

Karin Prien

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