Corona-Virus

Schoa-Überlebender Henri Kichka gestorben

Ingesamt neun NS-Lager überlebte Henri Kichka (hier bei einer Gedenkfeier im Jahr 2013) Foto: imago/Belga

Der vielleicht bekannteste Holocaust-Überlebende Belgiens ist tot. Henri Kichka, der als Jugendlicher insgesamt neun NS-Lager überlebt hatte, verstarb am Wochenende im Alter von 94 Jahren an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung. »Ein kleines Coronavirus hat geschafft, woran die ganze Nazi-Armee gescheitert ist«, erklärte sein Sohn, der israelische Karikaturist Michel Kichka.

Henri Kichka wird am 14. April 1926 in Brüssel in eine Familie polnischer Emigranten geboren, die aus ihrem Heimatland wegen antisemitischer Anfeindungen geflohen waren. Wie auch seine Eltern und seine beiden jüngeren Geschwistern Bertha und Nicha bleibt er staatenlos. Der Vater arbeitet als Herrenausstatter. Zuhause wird Jiddisch gesprochen. Schon in der Schulzeit lernt Henri neben Französisch auch Deutsch, was sich später als nützlich erweisen sollte.

FRANKREICH Unmittelbar nach dem Einmarsch deutscher Truppen nach Belgien im Mai 1940 flieht die Familie Kichka nach Südfrankreich. In Agde, an der Mittelmeerküste, werden sie im September vom Vichy-Régime in ein Flüchtlingslager eingewiesen, Frauen und Männer aber getrennt. Dank der Intervention einer Tante, die sich vor dem Krieg in Paris niedergelassen hat, kommen die Kichkas aber frei und gelangen später zurück nach Brüssel.

Dort werden die antijüdischen Maßnahmen der deutschen Besatzer immer schärfer. Im Mai 1942 werden alle jüdischen Schüler an Henris öffentlicher Schule gezwungen, einen Judenstern zu tragen. Seine Klassenkameraden und sein Lehrer zeigen sich aber solidarisch und tragen selbst den gelben Stofffetzen.

DEPORTATION Henris Schwester Bertha erhält am 1. August die Aufforderung der Behörden, sich umgehend zur Dossin-Kaserne in Mecheln, 20 Kilometer nördlich von Brüssel, zu begeben. Der Rest der Familie begleitet sie zum Bahnhof. Von Mecheln aus wird Bertha nach Auschwitz deportiert und dort vergast. Fünf Wochen später werden bei einer Razzia der Nazis im Brüsseler Stadtteil Saint-Gilles auch die anderen Mitglieder der Familie verhaftet und in das Lager in Mecheln gebracht.

Am 12. September 1942 verlässt ein Deportationszug mit den Kichkas Belgien Richtung Osten. Während die weiblichen Familienmitglieder nach Auschwitz gebracht und ermordet werden, müssen Henri und sein Vater Josek kurz vorher aussteigen. Als Männer im »arbeitsfähigen Alter« werden ins Lager Sarkau gebracht. Später werden die beiden getrennt, finden jedoch per Zufall im Arbeitslager Blechhammer wieder, das zu Auschwitz-Birkenau gehört.

BUCHENWALD Von dort werden die beiden am 21. Januar 1945 auf einen Todesmarsch ins Lager Groß-Rosen geschickt, bei zweistelligen Minusgraden. Von den 5000 Menschen überlebten nur 750. Am 10. Februar kamen die völlig erschöpften Gefangenen im KZ Buchenwald bei Weimar an. Dort werden sie acht Wochen später, drei Tage vor Henris 19. Geburtstag, von US-Soldaten befreit. Für Josek Kichka kommt die Befreiung aber zu spät: Er erliegt, in den Armen seines Sohnes, Ende April 1945 den Strapazen. Zuvor war ihm noch ein Fuß amputiert worden.

Als Henri am 5. Mai 1945 nach Brüssel zurückkehrt, fühlt er sich wie »eine wandelnde Leiche.« Er ist er der einzige Überlebende seiner Familie. Henri wiegt er nur noch 39 Kilo, erkrankt kurz darauf an Tuberkulose und kommt 16 Monate lang in ein Sanatorium. Im Sommer 1946 zieht er in ein jüdisches Waisenhaus. Wenige Monate später wird er volljährig und nimmt sich eine eigene Wohnung. Wie sein Vater steigt auch Henri ins Textilgeschäft ein.

BANNERTRÄGER 1949 heiratet er Lucia Swierczynski, mit der er vier Kinder hat. Erst 1952 erhält der in Brüssel geborene und aufgewachsene Kichka die belgische Staatsangehörigkeit.

Lange schweigt er über sein Leiden während des Krieges. Erst in den 1980er-Jahren beginnt Kichka, über das Erlebte zu reden. Er schreibt ein Buch, hält Vorträge und unternimmt zahlreiche Fahrten zu Gedenkfeiern in die ehemaligen NS-Todeslager. Kaum ein offizieller Anlass vergeht, an dem Kichka nicht mit der Fahne des Bundes der jüdischen Deportierten in der Hand teilnimmt. Er wird zum wohl bekanntesten Holocaustüberlebenden Belgiens und oft interviewt, wenn es um Antisemitismus geht.

2015 fährt er noch zur Gedenkfeier in Auschwitz-Birkenau. Im vergangenen Januar – anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Lagers – verfolgt er das Geschehen aber von Brüssel aus.

AUSZEICHNUNGEN Doch dem Fernsehsender RTBF gibt er ein Interview. Das Schlimmste in den NS-Lagern sei die Angst gewesen – vor allem die Angst, nicht zu wissen, was den eigenen Familienangehörigen widerfahren sei, sagt er. Die Tatsache, dass er der deutschen Sprache mächtig gewesen sei, habe ihm geholfen zu überleben, glaubt Kichka. Er habe nämlich verstanden, was die Wärter untereinander sagten.

Er wäre gerne 100 geworden. Doch am 25. April ist Henri Kichka in einem Brüsseler Seniorenheim verstorben. Er hatte sich, wie viele andere Bewohner auch, mit dem Coronavirus angesteckt.

Für sein Engagement erhielt er zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen in Belgien. Unter anderem war Kichka Ehrenbürger der Brüsseler Gemeinde Forest. Seine Tochter Irene sagte am Sonntag, sie werde die Erinnerungsarbeit ihres Vaters fortsetzen.

USA

Schalom, Sydney?

Gossip-Alarm! Angeblich will Schauspielerin Sydney Sweeney Musik-Mogul Scooter Braun heiraten. Und dafür konvertieren

von Sophie Albers Ben Chamo  25.10.2026

Essay

Der Druck der Straße: Kann Frankreich seine Juden noch schützen?

Eine Republik, die ihre Rathäuser nicht schützen kann, wird auch ihre Juden nicht mehr lange beschützen können, meint unser Gastautor

von Rabbiner Pinchas Goldschmidt  23.10.2026

Rom

Papst vor AJC-Delegation: »Kirche duldet keinen Antisemitismus«  

Erstmals empfing Leo XIV. im Vatikan eine Delegation des American Jewish Committee - und betonte in seiner Ansprache, dass der interreligiöse Dialog zum Weltfrieden beitrage

 22.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  21.10.2026

Interview

»Die Situation in Irland ist besonders dramatisch«

Daniel Botmann, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht über seine jüngsten Besuche in Irland und Großbritannien und die Zusammenarbeit innerhalb der J7-Gruppe der großen jüdischen Gemeinden weltweit

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026

London

Jüdinnen auf offener Straße angegriffen

Die Opfer wurden im Stadtteil Clapton Common ins Gesicht geschlagen

 21.10.2026

Israel

»So wollte ich nicht sterben«

Der indische Kapitän des »Fly Dubai«-Fluges schildert erstmals ausführlich, was sich an Bord abspielte

 20.10.2026

Kommentar

Eine unheilvolle Allianz

Wenn wie in Frankreich die radikale Linke und Islamisten Juden für Israels Politik verantwortlich machen, ist eine Grenze überschritten

von Simone Rodan  20.10.2026

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026