Polen

Sand, Stein, Bilder

Mit einem Lehrpfad erinnert Warschaus Gemeinde an den fast vergessenen Künstler Abraham Ostrzega

von Gabriele Lesser  04.04.2019 09:30 Uhr

Grabmahl von Abraham Ostrzega auf dem jüdischen Friedhof in Warschau Foto: Gabriele Lesser

Mit einem Lehrpfad erinnert Warschaus Gemeinde an den fast vergessenen Künstler Abraham Ostrzega

von Gabriele Lesser  04.04.2019 09:30 Uhr

Für einen kurzen Moment scheint die junge Frau die Augen zu schließen und die ersten Sonnenstrahlen zu genießen. Sie trägt einen Schal um den Kopf geschlungen und spitzt die Lippen, als wollte sie gleich »Guten Morgen!« sagen. Doch die junge Frau wird ihre Augen niemals öffnen. Sie ist aus Stein und ein Geschöpf des gerade erst wiederentdeckten Bildhauers Abraham Ostrzega. Mehr noch: Wer nicht weiß, dass sich diese geheimnisvolle Skulptur hinter dem konventionell gestalteten Grabstein der 1920 verstorbenen Zofia Pave versteckt, wird das faszinierende Kunstwerk auf dem jüdischen Friedhof in Warschau nicht entdecken.

»Wir haben einen Lehrpfad auf dem jüdischen Friedhof angelegt«, erzählt Anna Chipczynska von der Warschauer jüdischen Gemeinde. »Das ist ein Experiment. Wir möchten gern mehr Menschen hierher locken.« Zusammen mit der Kulturerbe‐Stiftung hat die Gemeinde die künstlerisch wertvollsten Grabmäler von Abraham Ostrzega ausgewählt und restaurieren lassen.

Abraham Ostrzega 
wurde 1942 in Treblinka 
ermordet.

Mausoleum Auf dem Weg zum eindrucksvollen Mausoleum der Jiddisch schreibenden Schriftsteller Jizchok Leib Perez, Jacob Dinezon und Salomon An‐Ski erläutert Stiftungschef Michal Laszczkowski: »Wir haben sogar mit dem Gedanken gespielt, die Grabskulpturen in der Nationalgalerie Zacheta auszustellen.«

Nach der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, sei das kein Problem. Für eine umfassende Sanierung müssten die Steine ohnehin für eine gewisse Zeit von den Gräbern entfernt werden. Am Ende aber habe man sich in der Galerie für eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst entschieden.

»Auch das war für uns etwas Neues«, wirft Chipczynska ein. »Wir fragten namhafte Bildhauer und Malerinnen, ob sie Lust hätten, sich künstlerisch mit dem Werk von Abraham Ostrzega auseinanderzusetzen.«

Mit den Jahren wurde der Künstler immer mutiger und brach letztendlich 
ein religiöses Tabu.

Sie biegt ein paar Zweige beiseite, um auf einem wenig benutzten Pfad zum nächsten Ostrzega‐Grab zu kommen. »Auch für die Nationalgalerie sind wir ein neuer Partner.«

Sie sieht Laszczkowski an: »Aber alles hat ganz wunderbar geklappt. Mit einem knallig‐orangen Lageplan locken wir die Galeriebesucher hierher auf den Friedhof, wo wir die Original Ostrzega‐Skupturen mit gut sichtbaren orangefarbenen Metallstäben gekennzeichnet haben.«

Moderne Fast am Ende der Hauptallee strahlt ganz in Weiß das große renovierte Grabmal der Troika der jiddischen Literatur: Perez, An‐Ski und Dinezon. »Mit diesem Mausoleum wurde Abraham Ostrzega auf einen Schlag berühmt«, erläutert der Historiker. Dies lag nicht nur an den berühmten Schriftstellern und ihren vielgelesenen Werken, sondern auch an der für ein jüdisches Grabmal der damaligen Zeit ungewöhnlichen Verbindung von jüdischer Tradition und Moderne.

»Hier sehen wir den jungen Künstler am Anfang seines Weges«, so Laszczkowski. »Ostrzega wollte eine eigene jüdisch‐nationale Kunst schaffen.« Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war ein schlichtes Grabhaus, auf Hebräisch »Ohel« (Zelt), das aus vier Wänden und einem Flachdach bestand, allein berühmten Rabbinern vorbehalten.

Fast alle seine Werke wurden zerstört. Nur auf dem Warschauer Friedhof sind noch einige erhalten.

Ostrzega schuf 1925 einen halbrunden und nach vorne hin offenen Ohel für die drei berühmten Schriftsteller. Schon das war ungewöhnlich genug. »Doch rechts und links vom Eingang sehen wir zwei lebensgroße Steinlöwen, die gewissermaßen Wache halten. Und von oben aus der Kuppel schauen Greifvögel auf uns herab, Lämmer und Schlangen«, begeistert sich Laszczkowski. Dabei erinnern die Grabsteine, die innerhalb des Ohels jedem einzelnen Schriftsteller gewidmet sind, wieder an die traditionelle Form einer Mazewa, eines jüdischen Grabsteins. Ostrzega war fortan ein gefragter Bildhauer.

Kulturkampf Mit den Jahren wurde er immer mutiger und brach letztlich auch ganz bewusst ein religiöses Tabu. »Anfang des 20. Jahrhunderts lieferten sich orthodoxe und liberale Juden einen erbitterten Kulturkampf«, erläutert Chipczynska. »Dabei ging es um das zweite Gebot: ›Du sollst dir kein Bild machen, kein Abbild dessen, was im Himmel droben ist und was auf Erden hier unten und was im Wasser und unter der Erde.‹« Da Gott den Menschen nach seinem Abbild geschaffen hat, fielen unter das religiöse Bilderverbot auch Menschen und vor allem ihre Gesichter.

»Heute erscheint das kaum vorstellbar, aber damals war Ostrzega – zumindest für orthodoxe Juden – ein Skandalkünstler, der Engel auf dem jüdischen Friedhof einführte, Trauernde mit und ohne Flügel, und nicht einmal vor christlichen Symbolen wie Urnen und Sarkophagen zurückschreckte«, so Laszczkowski.

Er deutet auf das Kindergrab des 1928 verstorbenen Olek Hirszfeld: »Dieser Engel, der mit seinen großen Flügeln den schlichten Grabstein für den Elfjährigen umarmt, hatte einst ein Gesicht. Das zumindest schrieb die damalige Presse. Doch die orthodoxe Gemeinde forderte Ostrzega auf, das Gesicht wegzumeißeln, und so sehen wir heute an dieser Stelle nur eine geriffelte Platte.«

Abraham Ostrzega wurde 1942 im NS‐Vernichtungslager Treblinka in der Nähe von Warschau ermordet. Fast alle seine Kunstwerke wurden zerstört. Auf dem Warschauer Jüdischen Friedhof hingegen begannen seine ungewöhnlichen und oft vom Kubismus inspirierten Skulpturen unter einer graugrünen Moosschicht zu verschwinden. Jetzt aber leuchten 22 von rund 60 Ostrzega‐Grabmälern und Kunstwerken aus hellem Sandstein durch die dicht stehenden Bäume.

»Dieser Engel, der mit seinen großen Flügeln den schlichten Grabstein für den Elfjährigen umarmt, hatte einst ein Gesicht.«

»Mit diesem ersten Lehrpfad möchten wir möglichst viele Besucher auf den Friedhof locken. Vielleicht werden sie dann auch zwei oder drei Grabsteine adoptieren und sich in Zukunft um sie kümmern«, sagt Laszcz­kowski. »Die kleine jüdische Gemeinde kann das gar nicht leisten. Der Warschauer jüdische Friedhof gehört aber zum Kulturerbe Polens und auch Europas.«

Ob Laszczkowski den polnischen Kulturminister Piotr Glinski sowie die Mehrheit der Parlamentarier davon überzeugen konnte, dass der Warschauer Jüdische Friedhof eine Chance hätte, in die UNESCO‐Weltkulturerbe‐Liste aufgenommen zu werden, ist nicht bekannt.

Doch Ende vergangenen Jahres erhielt Laszczkowskis Kulturerbe‐Stiftung einen Zuschuss von zehn Millionen Zloty (rund 2,5 Millionen Euro), mit dem in den kommenden Jahren die schönsten und bedeutendsten Grabstätten restauriert werden sollen.

»In einigen Jahren wird der repräsentative Teil des Friedhofs ganz anders aussehen«, hofft Chipczynska, »nicht mehr halb vermodert und mit kaum noch lesbaren Inschriften, sondern lebendig wie ein spannendes Geschichtsbuch der Warschauer Juden.«

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