USA

Sami im Clubhouse

Unterwegs zu einem Zeitzeugengespräch vor jungen Soldaten auf der Militärbasis der US Army, Fort Drum: Sami Steigmann (April 2021) Foto: U.S. Army photo by Sgt. Keegan Costello/Public Domain

Als Sami Steigmann auf dem Zoom-Bildschirm erscheint, trägt er ein hellgrau kariertes, gebügeltes Hemd, das virtuelle Hintergrundbild zeigt Jerusalem und die israelische Flagge. Doch der 81-Jährige sitzt in seiner kleinen Sozialwohnung in New York City, wo er von nur 1316 Dollar abzüglich Miete unterhalb der Armutsgrenze lebt.

An diesem Vormittag wirkt er müde. Vor einigen Monaten hat ihm ein Gedächtnisverlust einen Vortrag verdorben. »So etwas ist mir vorher noch nie passiert«, sagt er geknickt. »Es wäre das erste Mal gewesen, dass ich mit einer Gruppe syrischer Juden gesprochen hätte.« Das Treffen soll nachgeholt werden, dann hören sie Sami Steigmanns Geschichte.

HERKUNFT Geboren wurde er 1939 in Czernowitz, in der heutigen Ukraine. Anderthalb Jahre war Sami alt, da wurde er mit seinen Eltern ins NS-Arbeitslager Mohyliw-Podilskyj verschleppt. Die Nazis machten medizinische Experimente an ihm. Schon im Lager litt er unter schweren Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen. Er weinte viel, konnte wochenlang weder sitzen, liegen noch laufen. »Unter diesen Schmerzen habe ich jeden Tag meines Lebens gelitten, bis heute«, sagt er.

Menschen positive Impulse zu geben, ist für ihn das Größte.

Hunger und Winterkälte machten das Überleben im Lager fast unmöglich. Sami Steigmanns Vater verschenkte seinen Wintermantel für einen Laib Brot. Schließlich rettete ihm eine deutsche Frau das Leben: Sie lebte auf einem Bauernhof in der Nähe und brachte Essen zu den ukrainischen und zu den SS-Wachen. Als sie das verhungernde Kind sah, gab sie ihm heimlich Milch. Sie riskierte das eigene Leben und das ihrer Familie – und rettete Sami.

Gegen seine starken Schmerzen nahm er jahrelang hochdosierte Schmerzmittel – die süchtig machten. »Darauf, dass ich es geschafft habe, von dem Zeug loszukommen, bin ich stolz«, sagt er. »Ich bin ein Mensch, der niemals aufgibt«, sagt er von sich selbst.

Doch 1996 hat er fast alles verloren: Er wurde Opfer eines Betrugs, verlor den Job als Steuerberater, die Wohnung. Einige Monate lebte er in einem Heim für Obdachlose. Doch mit staatlicher Unterstützung konnte er die kleine Wohnung in Harlem beziehen, in der er heute noch lebt. »Ich war 56 Jahre alt, als ich ein zweites Mal geboren wurde«, sagt er über diese Zeit.

Die Chance nutzte er, um sich gesellschaftlich zu engagieren. Viele Jahre war er für verschiedene Initiativen aktiv, unter anderem als Stadtführer bei den Big Apple Greeter, einer Gruppe von ehrenamtlichen Guides. »Jede einzelne Organisation gab mir etwas, das mir in meinem eigenen Leben gefehlt hat.« Die Aktivitäten halfen ihm gegen die Einsamkeit und brachten ihn mit Menschen in Kontakt.

ERSATZ-ENKEL Vor ein paar Jahren musste er mit alldem aufhören, die langen Wege schafft er nicht mehr. Jetzt sind es seine Vorträge, die ihm Sinn geben. »Mein Bedürfnis, etwas weiterzugeben, wird gestillt, indem ich mit meinen jungen Zuhörern spreche«, sagt Sami. »Ob sie es wissen oder nicht, während des Vortrags sind sie meine Ersatz-Enkelkinder.«

Sami ist bestrebt, so viele Menschen wie möglich zu erreichen, Toleranz zu fördern und etwas zurückzugeben. »Der Schlüssel liegt darin, mit der Vergangenheit konstruktiv und positiv umzugehen«, sagt der bekennende Optimist.

Als Sami 2008 begann, seine Geschichte zu erzählen, hielt er sechs bis sieben Vorträge am Tag. Er schätzt, dass er bis 2019 insgesamt etwa 150.000 Zuhörer erreicht hat – unter anderem berichtete er auch in Leipzig und Jena aus seinem Leben. »In Deutschland ist es mir wichtig, den Menschen zu sagen, dass sie nicht verantwortlich sind für das, was ihre Großeltern getan haben. Sie sollen aber nur ja nicht in ihre Fußstapfen treten.«

Inzwischen hat der 81-Jährige schon mehr als 7000 Follower.

Menschen positive Impulse zu geben, ist für ihn das Größte. »Die Welt zu einem besseren Ort machen, das ist mein Grund zu leben«, sagt Sami Steigmann. Dieses Motiv teilt er mit seinem Freund, dem bekannten jüdischen Hip-Hop-Künstler Kosha Dillz. »Sami kann sehr gut zuhören und andere Meinungen aushalten. Das ist für ihn eine Frage des Respekts. Das schätze ich sehr an ihm«, sagt Dillz.

So kam ihm die Idee, Sami Steigmann zu einem Talk per Social-Network-App Clubhouse einzuladen. »Mir ging es darum, Sami als Überlebenden zu empowern, damit er seine Geschichte erzählen kann«, erklärt der 39-jährige Dillz via Zoom. »Clubhouse ist der perfekte Ort dafür, denn dort gibt es viele Menschen, die gern zuhören.« Mehrere Tausend waren dabei, darunter ein Minister aus Dubai und Nachkommen von NS-Tätern.

STEAK Die Folgeveranstaltung einige Wochen später – inzwischen wird die App weltweit von Millionen genutzt – sollte noch größer sein. Sie dauerte 14 Stunden – ohne Pause. Zeitweise waren fast 20.000 Gäste im Raum, darunter der 90-jährige Clarence B. Jones, Anwalt und enger Freund von Martin Luther King. Sami Steigmann wollte jede einzelne Frage beantworten, das dauerte seine Zeit. »Einer der Zuhörer, ein Arzt, ließ uns während des Gesprächs per Lieferservice koschere Steaks und Pommes bringen«, sagt Kosha Dillz.

Dillz versteht sich als Freund und Gehilfe, als eine Art Manager, der im Hintergrund agiert, damit Sami Steigmanns Stimme und die anderer Überlebender auch von Jüngeren über Grenzen hinweg gehört werden können. »Die Aufgabe unserer Generation ist es, dafür kreative Wege zu finden«, sagt Dillz. »Sami war überglücklich, in Clubhouse zum Beispiel mit Leuten aus Saudi-Arabien über Israel sprechen zu können.«

Clubhouse bietet Steigmann die Möglichkeit, trotz der Pandemie weiterhin als Zeitzeuge viele Menschen zu erreichen. Inzwischen ist er unabhängig auf Clubhouse unterwegs, will mit der App seine Reichweite erhöhen und hat schon mehr als 7000 Follower.

Sami Steigmanns Botschaft bleibt: »Die größten Tragödien in der Geschichte der Menschheit, der Holocaust und alle anderen Völkermorde, ereigneten sich, weil die Welt einfach danebenstand und nichts tat.« Deshalb mahnt er: »Seid niemals Zuschauer!«

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