Ungarn

Rock und Religion

Im Sozialismus galt Ungarn als lustigste Baracke des Ostblocks. Seit im April die rassistische und antisemitische Partei Jobbik als drittstärkste Kraft im ungarische Parlament einzog, ist Schluss mit lustig. Jüngere Umfragen der Budapester Soziologin Maria Vásárhelyi belegen: Die Judenfeindlichkeit hat zugenommen. Zwar gibt es kaum Übergriffe, doch hat sich ein kodierter Antisemitismus in die Gesellschaft eingeschlichen. Judenfeindliche Vorurteile sind gesellschaftsfähig, auch Theorien zur jüdischen Weltverschwörung haben Konjunktur. Ältere Menschen, Überlebende der Schoa, ängstigen sich nun besonders vor dem Rechtsruck, den Ungarn im Frühjahr erlebt hat.

strategie Bislang kann niemand sagen, wie sich die Präsenz der Jobbik im Parlament auf den gesellschaftlichen Diskurs und judenfeindliche Strömungen auswirkt. Der Verband der jüdischen Gemeinschaft in Ungarn (Mazsihisz) möchte dem Problem vor allem mit Gesetzesinitiativen beikommen. Im Februar begrüßte er deshalb ein noch unter der alten Regierung vom Parlament verabschiedetes Gesetz, das die Leugnung des Holocaust bestraft.

Der Rabbiner Slomó Köves von der Chabad-nahen Vereinigten Israelitischen Glaubensgemeinschaft in Ungarn (EMIH) setzt dagegen auf Offenheit. »Gerade die gesellschaftliche Ignoranz ist der größte Feind der Juden«, so Köves. Erst müssten die Menschen jüdische Werte und Positionen verstehen, dann könnten sie auch eher die Gemeinschaft der Juden akzeptieren.

Seine Gemeinde präsentiert sich deshalb auf dem Sziget-Festival. »Wir müssen mit den Menschen in Kontakt kommen, damit sie uns verstehen«, sagt Köves. Jedes Jahr informiert die Gemeinde auf der größten europäischen Rockveranstaltungen über ihre Aktivitäten und bietet den feierwütigen Besuchern sogar eine Beratung durch einen Rabbiner an. »Für viele ist der Kontakt zu einem Rabbi etwas Besonderes«, ist Köves überzeugt. Auch zu Chanukka lädt die Gemeinde zu öffentlichen Veranstaltungen ein. »Wir möchten sowohl Juden erreichen, die die religiösen Bräuche zu Hause nicht einhalten, als auch jene, die keine Ahnung haben, wie ein jüdischer Feiertag abläuft.« Einmal habe ihm ein Teilnehmer gesagt, der noch nie mit Juden zu tun hatte, dass er gerade auf der besten Party seines Lebens gewesen sei, erzählt Köves stolz. »Der fand uns einfach cool!«

vorstellungen Köves ist mit seinen 31 Jahren noch jung, aber schon jetzt steht er als Oberrabbiner der EMIH vor. Er ist überzeugt von seiner Strategie, das spürt man. »Es gibt keinen klügeren Menschen als den erfahrenen. Wir können nicht darauf warten, dass die Menschen zu uns in die Synagoge kommen und ihre Erfahrungen mit dem jüdischen Glauben machen, sondern wir müssen auch selbst zu den Menschen gehen«, so umreißt Köves seine Vorstellungen davon, wie sich seine Gemeinde nach darzustellen hat.

Aber nicht nur mit öffentlichen Events versucht die EMIH an die Bevölkerung heranzutreten. Ein Aus- und Fortbildungsangebot der Gemeinde richtet sich an Juden wie Nichtjuden. Interessierte können Vorträge besuchen sowie an Diskussionen und Debatten teilnehmen. »Viele Leute melden sich bei uns, weil ihnen das Angebot gefällt«, sagt Köves.

Danben betreibt die EMIH die klassische Öffentlichkeitsarbeit. Ob Sterilisation, Organtransplantation, Umgang mit Drogen, Genmanipulation oder der israelisch-palästinensische Konflikt – zu großen gesellschaftlichen Fragen verfassen führende Gemeindemitglieder regelmäßig wissenschaftliche Texte, die zum Teil in Wissenschaftspublikationen, Tages- und Wochenzeitungen publiziert werden. Dies präge die Wahrnehmung der Bevölkerung auf positive Weise: »Wir vertreten einen klaren Standpunkt, damit die Menschen sehen, dass unsere Gemeinde eine Meinung zu Fragen hat, die uns alle angehen.«

erfahrungen Doch jede Strategie hat Gegner und Kritiker. Anfänglich gab es in der Gemeinde Bedenken gegenüber zu viel Offenheit. Die positiven Erfahrungen mit der Strategie der Offenheit hätten allerdings dazu geführt, dass die Kritik recht bald verstummte. »Auf dem Sziget-Festival haben wir sogar ein weiteres Zelt aufgebaut,« berichtet der Rabbiner. Und auch andere jüdische Organisationen präsentieren sich in der Öffentlichkeit, organisieren Straßenfeste und wollen einen Stand auf dem Budapester Rock-Festival aufbauen. Für Rabbiner Köves ist klar: »Wir dürfen keine Mauern vor uns aufbauen, wir müssen hinter der Mauer hervorkommen!«

www.sziget.hu

Kino

Unter einem guten Stern

Jüdische Themen sind im französischen Kino immer wieder sehr gut aufgehoben. Auch »Nur ein kleines bisschen Glück« trifft mit Leichtigkeit mitten ins Herz

 11.09.2026

Kommentar

Ja, du bist gemeint!

Im Leben gibt es Menschen, die erkennen, was vor sich geht, und andere, die einfach blind den Trends folgen. Warum ich an der Seite meiner jüdischen Freunde stehe

von Boy George  11.09.2026

Rückkehr

Wiener Stadttempel nach Restaurierung wiedereröffnet

Nach mehr als zehn Monaten Bauzeit konnte die jüdische Gemeinde in Wien wieder in ihre Synagoge zurückkehren. Nun steht ein großes Fest an - auch zum runden Jubiläum des größten Gotteshauses seiner Art in Österreich

von Johannes Peter Senk  10.09.2026

9/11

Das Gift des Terrors

Ein Vierteljahrhundert nach den islamistischen Anschlägen auf Amerikas Zentren der Macht findet tatsächlich ein Regime Change statt. Allerdings nicht in den Täterländern, sondern in den USA. Ein persönlicher Rückblick

von Hannes Stein  10.09.2026

Schweiz

Neues Holocaust-Memorial in Bern

In Bern soll bis Ende 2027 eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet werden, das den Namen »Unfolded minute« trägt

von Nicole Dreyfus  09.09.2026

Emirate

Generation Golf

Dubai boomt als Reiseziel für Israelis. Doch schon vor dem Beitritt zu den Abraham-Abkommen ist eine Gemeinde gewachsen, für die der jüdische Alltag in einem arabischen Land Normalität ist

von Mark Feldon  09.09.2026

Meinung

Ein Sonntag genügt!

Was gehen uns in der Schweiz die Wahlen in Sachsen-Anhalt an? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten wird klar: Das Problem ist nicht nur die Partei selbst

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.09.2026

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026