Zypern

Rettende Insel

Gerade einmal 40 Flugminuten von Tel Aviv entfernt, ist Zypern für viele Israelis seit Jahrzehnten vor allem ein beliebtes Urlaubsziel – sowie ein Ort, an dem sich ohne Probleme säkular heiraten lässt. Doch seit den Massakern der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober in Israel ist der Inselstaat im östlichen Mittelmeer für viele auch ein Zufluchtsort. In den ersten Tagen kamen jeden Tag Hunderte Israelis, um sich vor den Raketen der Hamas in Sicherheit zu bringen oder sich eine Auszeit vom Krieg zu nehmen.

Etliche Freiwillige der kleinen örtlichen jüdischen Gemeinde, die von der chassidischen Organisation Chabad getragen wird, waren im Dauereinsatz. Zahlreiche Menschen hatten Israel Hals über Kopf verlassen und waren nach Zypern geflohen. »Viele kamen ohne Plan und konnten kein Quartier finden. Die Hotels waren belegt. Wir mussten eine kreative Lösung finden, es war schwierig«, sagt Menachem Raskin. Der 25-Jährige ist der Sohn des örtlichen Chabad-Rabbiners und macht die Presse­arbeit für die Gemeinde.

Sofort nach den Hamas-Angriffen richtete die Gemeinde eine Notbesetzung von Freiwilligen im Gemeindehaus sowie eine 24-Stunden-Telefon-Hotline ein.

Sowohl jüdische als auch nichtjüdische Zyprioten nahmen Flüchtlinge auf

»Zurzeit halten sich noch 2000 bis 3000 israelische Flüchtlinge in Zypern auf«, sagt Menachem Raskin. Die Gemeinde versuche, allen zu helfen. Etliche Zyprioten – sowohl jüdische als auch nichtjüdische – hätten Flüchtlinge aufgenommen.

»Wir haben mit den Behörden einen Notfallplan entwickelt: Es wurde eine Halle mit Betten ausgestattet und mit allem, was Flüchtlinge brauchen.« Glücklicherweise wurde sie bisher nicht benötigt.

Weil die Gemeinde auf den plötzlichen Ansturm nicht vorbereitet war, sei es am Anfang nicht einfach gewesen, Essen für die zahlreichen Geflüchteten aufzutreiben – die orthodoxe Gemeinde hat den Anspruch, alle koscher zu versorgen. Schwierig sei auch gewesen, die benötigten Medikamente zu bekommen, sagt Menachem Raskin. »Manche sind überstürzt aus Israel abgereist und haben Medikamente, die sie brauchen, nicht mitgebracht, sind aber in Zypern nicht krankenversichert.«

Inzwischen habe man eine Lösung gefunden: Die Gemeinde hat mit etlichen Ärzten auf der Insel Kontakt aufgenommen, sie helfen mit Medikamenten.

Ein weiteres Problem seien die traumatischen Erlebnisse mancher Geflüchteter. Auch da versucht die kleine Gemeinde, zu helfen und Psychotherapeuten für sie zu finden.

Verglichen mit anderen europäischen Ländern sind Israelis auf Zypern zurzeit relativ sicher.

In der Nähe der Stadt Paphos im Südwesten der Insel gibt es seit Jahren ein koscheres Resort namens Secret Forest. Der Eigentümer der Ferienanlage hat kürzlich beschlossen, all jene jungen Menschen aufzunehmen, die das Massaker der Hamas-Terroristen auf das Supernova-Festival am 7. Oktober überlebt haben. Sie können sich in Secret Forest erholen und versuchen, etwas zur Ruhe zu kommen. »Der Besitzer lädt Therapeuten, Künstler und Sänger aus Israel ein, die allerlei Behandlungen und Gruppentherapien durchführen«, erzählt Raskin. Pro Woche kämen 50 bis 100 Menschen. Inzwischen halte sich bereits die vierte oder fünfte Gruppe in Secret Forest auf. »Sobald sie nach Israel zurückkehren, kommt die nächste Gruppe.«

Die Gemeinde steht in engem Kontakt mit der Stadtverwaltung und der Polizei

Damit das jüdische Leben auf der Insel sicher ist, steht die Gemeinde in engem Kontakt mit den Behörden: mit der Stadtverwaltung, mit der Polizei. Die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Gemeindezentren sind erhöht worden. »Aufgrund des Krieges in Israel und in Gaza hat sich die Bedrohungslage verändert«, sagt Raskin. »Wir wollen kein Risiko eingehen.«

In den vergangenen Wochen hat die kleine Gemeinde einige Demonstrationen zur Unterstützung Israels organisiert. Neben Mitgliedern der Gemeinde nahmen auch lokale nichtjüdische Freunde der Gemeinde und Freunde Israels daran teil.

In der zweiten Woche nach dem Massaker gab es in der Hafenstadt Larnaca eine Demonstration vor dem jüdischen Gemeindehaus. Mit 300 bis 400 Teilnehmern sei es die größte Kundgebung gewesen, erzählt Raskin. »Sie war stark gesichert, rund 100 Polizisten. Sie haben alle Straßen blockiert, und es gab Scharfschützen.« Auch der israelische und der amerikanische Botschafter sowie die Botschafter Polens, Frankreichs und der Ukraine hätten an der Demonstration teilgenommen.

An propalästinensischen Demonstrationen nahmen vor allem Flüchtlinge teil

Sogenannte propalästinensische Demonstrationen gab es auf Zypern in den vergangenen Wochen auch: In der Nacht nach dem Hamas-Massaker hätten im Hafen von Larnaca zehn bis 20 Frauen und einige Männer demonstriert. »Sie skandierten Slogans auf Arabisch und verteilten Süßigkeiten.« Auch danach habe es einige Kundgebungen dieser Art gegeben. Es seien vor allem Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak, die an diesen Demonstrationen teilgenommen hätten, sagt Raskin. Einheimische seien so gut wie keine dabei. Aber anders als andernorts in Europa sei es auf der Insel relativ ruhig, nichts gerate außer Kontrolle, es gebe keine Gewalt.

Verglichen mit anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Deutschland oder Großbritannien ist Zypern für viele Israelis derzeit ein ziemlich sicherer Ort. »Wir hoffen, dass das so bleibt«, sagt Raskin. Noch immer kämen jeden Tag weitere Israelis auf die Insel, »aber nicht mehr so viele wie am Anfang, und nicht jeder möchte bleiben«. Viele seien inzwischen nach Israel zurückgekehrt.

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