Portugal

Renaissance im Judenviertel

Das letzte Mal, dass hier in Portugal koscherer Wein hergestellt wurde, ist 500 Jahre her.» Rabbi Elixias Salas liebt den Effekt dieser Zahl in den Augen der Besucher der Weinkellerei, in der die Flaschen der Hausmarke «Terras de Belmonte» lagern. Der Chilene mit der portugiesischen und israelischen Fahne am Revers ist Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Belmonte, einer kleinen Stadt im Nordosten Portugals nahe der spanischen Grenze, und der Wein ist sein ganzer Stolz.

Nachdem sich die Juden Portugals im Jahre 1497 vor die Wahl zwischen Tod oder Konversion gestellt sahen, wurden aus den Sefarden «Neue Christen» oder «Kryptojuden», wie es die Inquisition allen Zwangskonvertierten unterstellte. Besondere Traditionen, im Geheimen gelebte Ausformungen des Judentums auf der Iberischen Halbinsel, halten sich in Belmonte bis heute. Die Gemeinde trat 1988 offiziell aus dem Schatten des Verborgenen, und nun zieht es Tausende von Touristen in das verschlafene Städtchen am Fuße der Serrada da Estrela, dem «Gebirge der Sterne».

Kryptojuden Das jüdische Museum der Stadt versucht seit 2004, die schicksalhafte Geschichte der Juden Portugals nachzuzeichnen. Jedes Jahr kommen etwa 18.000 Besucher in das Museum. In der Stadt leben gerade einmal rund 3.000 Einwohner. Neben den ältesten Überresten jüdischer Kultur, einem Grundstein der Synagoge von 1297, finden sich im Museum zahlreiche Zeugnisse der «kryptojüdischen» Bräuche und Artefakte, diverse Kelche, Kippot, Mesusot, traditionelle Pessachkleidung in weiß und sogar konservierte Mazzot.

Der Besucher bekommt solche Nachweise im Museum zu sehen, obwohl sie keinesfalls der Vergangenheit angehören, denn gerade das Verbergen jener Bräuche stellt das Wesensmerkmal der jüdischen Tradition Belmontes dar. Bis heute.

Die Gemeinde in Belmonte zählt zwischen 120 und 150 Mitglieder – die Zahl schwankt. Vor rund hundert Jahren leitete Artur de Barros Basto, charismatischer Gründer der jüdischen Gemeinde Porto, die sogenannte Obra do Resgate, die Befreiungs- oder Bergungsarbeit ein.

Unbeirrt Seitdem sehen sich die versteckten Juden Portugals vor die Aufgabe gestellt, mit der Renaissance des Judentums Schritt zu halten. Emília, Kryptojüdin aus Belmonte, sagt resolut: «Ich lasse mich durch nichts von meiner Religion abbringen, denn sie ist stärker als die der Christen und stärker als jede andere. Die Neue ist nichts für mich.»

«Die Neue», das ist das Judentum, und das bedeutet besonders für die Frauen, dass sie sich einer jahrhundertealten Form orthodoxer Liturgie unterordnen und unbeteiligt auf der oberen Empore der neuen Synagoge Platz nehmen müssen. Waren sie es früher, die auf Portugiesisch die von Generation zu Generation überlieferten Psalmen zu Pessach oder Jom Kippur rezitierten, so sind es heute die Männer, die in der neuen Synagoge auf Hebräisch beten. Einige Frauen blieben der Synagoge danach fern.

Rabbi Salas, der seit 2003 hier in Belmonte wirkt, erklärt seine Aufgaben so: «Ich bin hier, um den Leuten den Weg zur Halacha zu weisen.» Die Jungen gingen viel selbstbewusster mit ihrer Religion um, «sie sehen die Möglichkeiten, die ihnen das Judentum bietet, interessieren sich für Israel als Lebensperspektive, während die Alten an ihren Bräuchen festhalten».

Aufbau Einige Gemeindemitglieder sind daher nicht zum Judentum zurückgekehrt. Mal, weil sie außerhalb der Gemeinde geheiratet hatten, mal, weil sie nicht einsahen, warum sie ihr Jüdischsein mit einer Beschneidung beweisen sollten.

Die über Jahrhunderte vor den christlichen Sittenhütern versteckt entstandene Version des Judentums, die im häuslichen Umfeld von Generation zu Generation weitergegeben und immer wieder auch modifiziert wurde, steht somit heute vor dem Verschwinden. So wird die «Obra do Resgate» mehr Aufbau- statt Bergungsarbeit und ist mit ganz konkreten Lernprozessen verbunden.

Der Gemeindepräsident zeigt den angereisten Besuchern gern die neue Synagoge «Beth Eliahu», die 1996 eröffnet wurde und das neue jüdische Selbstbewusstsein symbolisiert. Sie erstrahlt hell im sonst durch die jahrhundertealten Steine dunkel anmutenden Judenviertel – der Judiaria.

Interesse Es gab in der Region kulturell weitaus bedeutendere Orte jüdischen Lebens, in Trancoso zum Beispiel, wo in etwa sechs Monaten das Dokumentationszentrum für jüdische Kultur «Isaac Cardoso» mit Synagoge und Ausstellungsräumen eröffnet werden wird. «Seit einigen Wochen bauen wir, und das Projekt wird sehr gut angenommen», schwärmt ihr Initiator José Domingos, ein Aktivist der Dokumentation jüdischen Lebens in der Region. Journalisten kommen nun regelmäßig, um den Prozess zu begleiten, denn immerhin 20 Prozent aller Portugiesen sollen jüdische Wurzeln aus dem Mittelalter haben.

Deswegen haben es sich Salas und Domingos zum Ziel gesetzt, die Bedingungen für ihre Rückbesinnung zu schaffen. Salas wurde von Shavei Israel, einer israelischen Organisation, die sich um das Schicksal «verlorener Juden» in aller Welt kümmert, entsandt. Seine Augen strahlen, wenn er über das nächste große Projekt spricht, das 2014 in der Nähe der Provinzhauptstadt Guarda, keine 45 Minuten von Belmonte entfernt, entstehen soll. Geplant ist ein exklusives Tourismusresort, das von Stararchitekt Frank O. Gehry entworfen wurde.

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