Frankreich

Religiöse Feministin

Myriam Ackermann-Sommer sitzt müde auf einem Sofa. Die im achten Monat Schwangere ist drei Stockwerke hoch gestiegen, um in die Räume von Ayeka zu kommen, der ersten modern-orthodoxen Gemeinde in Frankreich. Hier in der Altbauwohnung im Pariser Bastille-Viertel will sie einen neuen Freiwilligen einweisen, der ihr bei der Arbeit helfen soll. Mit der Gründung von Ayeka vor einem Jahr erfüllten sich die 26-Jährige und ihr Mann Émile einen Traum, den sie seit ihrer Verlobung hatten.

Beide besuchten dazu vier Jahre lang zwei Jeschiwot in New York, eine für Männer und eine für Frauen. Es war eine Art Spätberufung, denn Ackermann-Sommer hatte an der Elitehochschule ENS (École normale supérieure) bereits Englisch studiert und ihr Mann Jura. »Doch mit seiner Begeisterung für den Talmud fand ich, er sollte Rabbiner werden. Und er antwortete mir: Du auch.«

So erhielt Myriam Ackermann-Sommer im Juni als erste orthodoxe Rabbinerin Frankreichs ihre Smicha – eine Woche nach ihrem Mann. Auf dem Videoausschnitt der Ordination in New York spricht sie in perfektem Englisch über die Gnade, die ihr geschenkt wurde. Sie wirkt nervös, bis sie das Lied »Katonti« anstimmt, das von Bescheidenheit und Dankbarkeit handelt. »Ich wollte diesen Gesang mit den anderen teilen«, erinnert sie sich an ihren Auftritt.

ORDINATION Seit ihrer Ordination ist Ackermann-Sommer eine von sechs französischen Rabbinerinnen. Die anderen fünf Frauen, darunter die durch mehrere Bücher prominent gewordene Delphine Horvilleur, gehören der liberalen Strömung an. Das hält Ackermann-Sommer allerdings nicht davon ab, guten Kontakt zu ihren Kolleginnen zu pflegen. Sie habe bereits mit anderen Rabbinerinnen an Konferenzen teilgenommen, sagt sie. »Mein Mann und ich erkennen uns in der orthodoxen Richtung wieder, aber wir haben keine Animositäten gegenüber den Liberalen.«

Die moderne Orthodoxie, der sich das Ehepaar Ackermann zurechnet, ist vor allem in den Vereinigten Staaten stark. Sie befolgt einerseits streng die orthodoxen Vorschriften, beispielsweise bei der Ernährung oder der Kleidung. Andererseits zeigt sich die von der Neoorthodoxie des deutschen Rabbiners Samson Raphael Hirsch (1808–1888) inspirierte Strömung offen für die Phänomene der modernen Welt – vor allem, was die Rolle der Frau angeht. Konkret zu sehen ist das in der Synagoge der Ackermanns, die sie in den Räumen an der Bastille eingerichtet haben.

Dort hat das gleichaltrige Paar zwar das orthodoxe Prinzip der Trennung von Männern und Frauen übernommen, doch die Geschlechter sitzen auf gleicher Höhe und sind nur durch eine dünne, tragbare Faltwand getrennt. »Die Frauen können ebenso gut sehen und hören wie die Männer. Dafür habe ich mich eingesetzt.«

Gemeinsam mit ihrem Mann hat die 26-Jährige eine modern-orthodoxe Gemeinde gegründet.

Das Konzept der Ackermanns hat Erfolg: Ein Jahr nach ihrer Gründung hat die Gemeinde rund 200 Mitglieder. »Ich glaube, wir sprechen viele Leute an, die sich weder der liberalen noch der klassisch-konsistorialen Welt zugehörig fühlen«, sagt die Rabbinerin.

Geschickt setzt sie zusammen mit ihrem Mann die sozialen Netzwerke ein, um ihre Arbeit bekannt zu machen. Beide betreiben einen YouTube-Kanal und einen Instagram-Account. Außerdem veröffentlicht Ackermann-Sommer jeden Tag ihren Podcast »Daf Yummy«, in dem sie eine gute Viertelstunde lang über den Talmud spricht und dabei auch Themen wie Scheidung oder Sex vor der Ehe nicht ausklammert. »Es geht darum, über diese Plattformen auch Juden anzusprechen, die überhaupt nicht religiös sind«, sagt sie.

Familie Ackermann-Sommer wuchs in einer Familie auf, die nicht religiös geprägt war. Der Vater war Christ und die Mutter nicht-praktizierende Jüdin aus einer tunesischen Familie, die in einfachen Verhältnissen lebte. Ihre Großmutter habe die Schule mit neun Jahren verlassen müssen, erzählte sie der Zeitung »Le Monde«. »Sie hat deshalb alles darangesetzt, dass meine Mutter ihr Lehrerinnendiplom in Literaturwissenschaft bekommt.«

Ackermann-Sommer wollte als Kind ebenfalls Lehrerin werden. Heute unterrichtet sie an der Sorbonne und sitzt an ihrer Doktorarbeit, in der es um die Trauer in den Novellen von vier jüdisch-amerikanischen Schriftstellern geht.

In ihren Interviews gibt sie offen zu, dass das Thema mit dem Tod ihres Vaters zu tun hat, der an einer Krebserkrankung starb, als sie zwölf Jahre alt war. Der Schicksalsschlag brachte sie nicht nur der Familie mütterlicherseits näher, sondern auch der Religion. Ausschlaggebend war dabei ihr Großonkel Alexis Blum, der Rabbiner in Neuilly bei Paris war. Bei ihm lernte sie 2017 auch ihren späteren Mann kennen. Seit ihrer Ordination teilen sich die Ackermanns nicht nur die Gemeindearbeit, sondern auch den Gottesdienst. »Ich übernehme den ersten Teil und mein Mann in der Regel den zweiten.«

spielecke Die zwei Jahre alte Tochter Elise spielt währenddessen in der Spielecke, die ihre Eltern auch für die anderen Kinder der Gemeinde mit Stofftieren, einem Laufstall und einer Wickelkommode ausgestattet haben. Auch die Hausarbeit und die Kinderbetreuung verrichten die beiden gemeinschaftlich. »Damit jeder mit seinen Projekten vorankommt, muss es gleichberechtigt sein«, sagt Myriam Ackermann-Sommer. »Ich gehe zum Beispiel am Sonntagvormittag mit unserer Tochter nach draußen, damit mein Mann arbeiten kann. Am Nachmittag ist er dann dran.«

Auf die Frage, ob sie Feministin sei, antwortet sie mit einem klaren Ja. »Feministin und praktizierende Jüdin«, setzt sie nach. In ihrem Institut Kol-Elles bildet die Rabbinerin Frauen aus, die ihre Gedanken zur Tora veröffentlichen wollen. Ihr Ziel sei es, den fast ausschließlich von Männern geschriebenen Büchern zu religiösen Themen weibliche Stimmen hinzuzufügen. »Es wird Zeit, dass sich eine Art Revolution der Studien vollzieht.«

Ackermann-Sommer selbst hat bereits mehrere Artikel publiziert und sitzt an einem Buch, das im Herbst erscheinen soll. Ebenfalls in enger Zusammenarbeit mit ihrem Mann, der bereits einige Kapitel gelesen hat. Sie wiederum hat das Vorwort zu seinem Buch verfasst. Konkurrenz gebe es zwischen den beiden nicht, sagt sie. »Wir ermutigen uns gegenseitig, das Beste von uns selbst zu geben.«

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