Frankreich

»Reicher als der Durchschnitt«

Jüdische Familie unterwegs in der Rue des Rosiers im Pariser Marais Foto: dpa

In Frankreich diskutiert man dieser Tage intensiv über jüdisches Leben und Antisemitismus. »Judesein in Frankreich« lautet das aktuelle Titelthema der Wochenzeitschrift L’Express, und das Wochenmagazin Le 1 macht mit der Schlagzeile auf: »Warum die Juden Angst haben«.

Nahrung erhielt die Debatte durch eine Aufsehen erregende Studie, über deren Ergebnisse die Sonntagszeitung JDD (Le Journal du Dimanche) vor zehn Tagen schrieb. In Auftrag gegeben hatte die Studie die Fondation du Judaïsme Français (Stiftung für das französische Judentum). Anlass war der wachsende Antisemitismus während des letzten Gaza-Kriegs im Sommer 2014.

Vom 15. bis 24. Juli desselben Jahres befragte das Meinungsforschungsinstitut Ipsos im Auftrag der Stiftung zunächst 1005 Personen, die für einen Querschnitt der in Frankreich lebenden Bevölkerung repräsentativ sein sollten und die nach klassischen Methoden ausgewählt wurden. Hinzu kamen dann zwei als »qualitative Erhebungen« präsentierte Runden, bei denen im Februar und März 2015 insgesamt 500 Muslime sowie von Februar bis Juni des Jahres 313 Juden befragt wurden.

Zahlen Die Studie beginnt mit einem allgemeinen Kapitel über das Zusammenleben in Frankreich. Darin ist zu lesen, dass 61 Prozent aller Befragten die Zukunft im Land pessimistisch sehen. Danach werden Fragen und Antworten zu bestimmten Bevölkerungsgruppen aufgelistet. Demnach denken etwa 38 Prozent der Befragten, mehr als 20 Prozent der französischen Bevölkerung seien Muslime (tatsächlich sind es schätzungsweise acht Prozent). Und gar 57 Prozent glauben, mehr als zehn Prozent der französischen Bevölkerung seien jüdisch (in Wirklichkeit ist es rund ein Prozent).

Was die französischen Juden betrifft, so erklären 90 Prozent der Befragten, man halte sie für »gut integriert« – davon 27 Prozent für »völlig« und 63 Prozent für »eher gut« integriert. Diese Zahl liegt weit höher als die zur Integration von Muslimen, Schwarzen und Roma.

projektion Die Umfrage bestätigt allerdings auch, dass in der Bevölkerung antisemitische Stereotype verbreitet sind. So bejahen 91 Prozent der Befragten die Aussage, dass »Juden untereinander zusammenhalten«. Ob dies in den Augen der Antwortenden einen Kritikpunkt oder eine positiv gemeinte Projektion darstellt, ergibt sich aus dem Material nicht eindeutig.

Dass Juden insgesamt »viel Macht« haben, meinen 56 Prozent der Befragten. Ebenso viele glauben, Juden seien »reicher als der Durchschnitt«. Und rund 41 Prozent der französischen Bevölkerung finden, Juden seien »ein wenig zu präsent« in den Medien. Unter den Befragten des Panels, das als »muslimische Personen« bezeichnet wird, liegen diese Gesamtwerte dabei jeweils etwa zehn Prozentpunkte höher als im Durchschnitt. Bei der Frage nach der Präsenz in den Medien sind es gar 25 Prozent mehr.

Eine weitere Frage lautete, ob Juden für die Zunahme des Antisemitismus mitverantwortlich seien. Darauf antworteten 14 Prozent der Befragten, Juden trügen »eine erhebliche« Mitschuld. 42 Prozent meinen, Juden seien für den wachsenden Antisemitismus zwar selbst mitverantwortlich, aber nur in geringem Ausmaß.

Kritik Einige Medien äußerten laute Kritik an der Studie. Das Onlineportal der liberalen Pariser Abendzeitung Le Monde nannte sie beispielsweise »eine Umfrage über Stereotype, die selbst voller Stereotype steckt«. Kritisiert wird unter anderem die Konstruktion der beiden Panels für »muslimische« und »jüdische Personen«. In Frankreich sind sogenannte statistiques ethniques, also die Erhebung personenbezogener Daten über die ethnische Herkunft und Religionszugehörigkeit, gesetzlich verboten. Derartige Zuordnungen beruhen in Umfragen in der Regel auf freiwilligen – und subjektiven – Eigenangaben.

Kritiker bemängeln außerdem, die beiden Panels seien zu klein gewesen, um wirklich als repräsentativ zu gelten. Hinzu kommt, dass etliche Franzosen die Fragestellung als tendenziös empfanden. So sei es nicht möglich gewesen, die Frage, ob man in jüngerer Zeit »Probleme mit einem Muslim, Afrikaner, Rom oder Juden« hatte (letztere Option bejahten nur vier Prozent), zu verneinen. Manche Teilnehmer der Befragung seien irritiert gewesen, dass sie in der Liste mit den möglichen Antworten nicht ankreuzen konnten: »mit einem ›Bio-Franzosen‹«.

Trotz aller Kritik bestreitet allerdings niemand ernsthaft, dass es einen Fundus rassistischer und antisemitischer Stereotype gibt – und dass sie für das Zusammenleben in Frankreich und anderswo sehr gefährlich sind.

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

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