Argentinien

Regenbogenflagge zeigen

Argentinien hat 40 Millionen Einwohner. 250.000 sind Juden. Statistisch betrachtet sind davon sechs bis acht Prozent schwul. Das sind mindestens 15.000.« Mit diesen Angaben beginnt ein Dokumentarfilm, der seit August in Buenos Aires im Kino läuft. In Otro entre Otros (Anders unter Anderen) erzählen fünf argentinische Juden die Geschichte ihres Coming‐out. Alle haben nicht nur ihr Schwul‐ und Jüdischsein gemeinsam. Sie wussten in ihren schwierigen Momenten nicht, wohin sie sich mit ihren Fragen und Zweifeln wenden konnten.

Gustavo Michanie ist einer von ihnen. »Als schwuler Jude in Argentinien bist du eine Minderheit in einer Minderheit.« Der 41‐Jährige ist im Barrio Once geboren und aufgewachsen, ging auf eine sefardische Schule und studierte im Tempel Lavalle. »Ich habe mich immer in der religiösen Gemeinschaft bewegt, die am Schabbat kein Fernsehen schaut, nicht reist und kein Geld anfasst. Alles koscher.«

Seine Großeltern kamen 1926 aus dem syrischen Damaskus nach Buenos Aires. Sie ließen sich im Once nieder, dem nördlichen Viertel um den Sackbahnhof Once de Septiembre. Im Once lebten Anfang des vergangenen Jahrhunderts mehr als die Hälfte der damals rund 50.000 argentinischen Juden. Hier war es erschwinglich, ein Häuschen zu kaufen, eine Werkstatt oder einen Laden einzurichten. Das Once lag in der Nähe der wichtigsten Straßen der Stadt. Ein Freund zog dem anderen nach, eine Familie der nächsten. Sie bauten zuerst Synagogen, dann Schulen. In der Straße Paso steht die zweitgrößte Synagoge der Stadt.

Heute sind die meisten im Once lebenden Juden mit einer religiösen Gemeinde verbunden. Knapp 30.000 Orthodoxe leben im Viertel. Wegen der traditionellen Kleidung sind sie leicht erkennbar und prägen heute das jüdische Straßenbild in der Gegend.

geschmack Gustavo bewegt sich viel innerhalb der jüdischen Gemeinde. Auch wenn er wegen seiner Sexualität nicht gerade akzeptiert wird. »Jude sein ist eine Erziehung, ist ein Geschmack, sind Lieder, Erlebnisse, Gewohnheiten«, sagt Gustavo. Das will er sich bewahren.

»Wenn ich in einen jüdischen Club gehe und es gibt dort überhaupt keine Schwulen, fühle ich mich nicht wohl«, erzählt Gustavo. Es sei doch ganz normal, dass sich die Leute gerne auf ihrem kulturellen und ökonomischen Niveau treffen. »Ich treffe mich halt lieber mit Leuten, die meine Codes verstehen, über meine Witze lachen und umgekehrt.«

Schwule Juden in der homosexuellen Szene zu erkennen, ist für ihn nicht schwer. »Es gibt unter den Juden eine sich ähnelnde Erziehung. Am Freitagabend beginnt fast jeder das Gleiche zu fühlen wie ich, ob er praktiziert oder nicht.« Oder es sind der Familienname und Geschichten, die jemand erzählt. Irgendwann haben dann ein paar Männer angefangen, gemeinsam Rosch Haschana zu feiern.

»In Argentinien leben wir noch nicht lange in demokratischen Verhältnissen und mit einer gewissen Akzeptanz des Anderen.« Unter den Militärs hat die Bevölkerung das Konzept des Darüber‐spricht‐man‐nicht verinnerlicht. Hinzu komme, dass Homosexualität innerhalb einer so geschlossenen Gemeinschaft wie der jüdischen nicht leicht akzeptiert wird.

Sichtbarkeit Gustavo ist sich sicher, dass fast die gesamte Generation der ab 50‐Jährigen nie offen mit ihrem Schwulsein gelebt hat. In Argentinien sprach bis 2004 niemand von schwulen Juden. »Wenn wir also von der Sichtbarkeit sprechen, dann glaube ich, dass 80 Prozent der Schwulen Argentiniens in ihren Familien und an ihrem Arbeitsplatz nicht offen bekennen, dass sie schwul sind. Aus Angst, die Liebe und Unterstützung der Familie oder die Arbeit zu verlieren.«

Als Argentiniens Staatspräsidentin Cristina Kirchner im Juli das Gesetz über die gleichgeschlechtliche Ehe unterzeichnete, waren auch Gustavo und sein Freund Diego Rochinas (41) eingeladen. Immer wieder haben die Fernsehkameras auf ihre regenbogenfarbenen Kippot geschwenkt. »Nach der Unterschrift habe ich der Präsidentin eine Kippa überreicht, und sie hat sie aufgesetzt«, sagt Gustavo zufrieden.

Auch Diego ist ein Enkel von Einwanderern. Er wuchs in Villa Crespo auf. Seine Großeltern kamen 1923 aus Litauen und Bessarabien. Ein Teil der Familie wohnte im Once, ein anderer Teil schon in Villa Crespo, einem Stadtviertel, das auch heute noch eine aktive und starke jüdische Gemeinde hat.

Anfänge Es begann im Jahr 2004 mit einem Anruf aus den USA, erinnert sich Diego. Ein gewisser Jay wollte wissen, ob es in Buenos Aires eine organisierte Gemeinschaft schwuler Juden gebe. Eine Telefonkette unter den jüdischen Freunden führte zum ersten Treffen. »Wir haben 18 Leute zusammengetrommelt«, so Diego. »Kurioserweise bedeutet die Zahl 18 in der hebräischen Sprache Leben.« Das war der Startschuss für die Gruppe JAG – Judios Argentinos Gay.

»Wir wussten nicht, wohin unsere Reise gehen sollte. Die große Frage war, wie wir das Unsichtbare sichtbar machen können«, erklärt Gustavo. Steine habe ihnen niemand in den Weg gelegt. Weil religiöse, schulische und soziale Einrichtungen innerhalb der Gemeinde voneinander getrennt sind, habe man relativ leicht einen Raum geschaffen, in dem sich schwule argentinische Juden begegnen können, so Gustavo. Zum zweiten Treffen kamen bereits 35 Personen. Heute, sechs Jahre später, versammeln sie sich jeden zweiten Sonntag. »Der harte Kern sind 25.« Aber Newsletter mit dem monatlichen Veranstaltungsprogramm gehen an rund 1000 Interessierte.

Bei der Orthodoxie sind die Schwulen nicht gern gesehen. Dort heißt es schlicht, die Tora verbiete Homosexualität. Die Konservativen ihrerseits haben immer noch zu viel Furcht, das Thema überhaupt aufzugreifen, denn es gibt keine gemeinsame Meinung innerhalb der Bewegung. Deshalb nähern sie sich dem Thema noch nicht an und diskutieren es.

JAG ist von innen nach außen gewachsen. Die Gruppe wolle ein Ort sein für jene Juden, die wegen ihrer sexuellen Orientierung nicht wissen, wohin, resümiert Diego. Vor vier Jahren traute er sich selbst noch nicht, öffentlich als Schwuler aufzutreten. »Die Angst etwas zu verlieren, war trotz JAG zu groß.« Heute ist er der Präsident von Judios Argentinos Gay und hat keine Probleme mehr, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. »Aber das war sehr harte Arbeit.«

www.jagargentina.blogspot.com

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