Griechenland

Pater Kleomenis’ Wahn

Er nennt sich Pater Kleomenis. Der mittelgroße, etwas stämmige 38-Jährige wirkt auf den ersten Blick harmlos. Er spricht mit ruhiger Stimme und blickt in der Regel freundlich in seine Umgebung.

Der Pater belustigte bislang die griechische Öffentlichkeit mit YouTube-Videos. Kaum jemand nahm den in zerrissener Robe durchs Land wandernden Mann ernst. Kleomenis predigt die, wie er sagt, »wahre christliche Orthodoxie«. Frauen, die sich schminken, Schmuck tragen, Hosen anziehen oder sich gar die Haare färben, sind für ihn des Teufels. Der verheiratete Geistliche wurde im Sommer 2006 zum Priester der sogenannten Altkalendarier geweiht. Sie folgen dem Julianischen Kalender und werden von der Amtskirche nicht anerkannt.

Seelenheil Kleomenis veröffentlichte Videos, in denen er Bankautomaten zerstörte und den Gläubigen erklärte, dass Geld, Mobiltelefone und moderne Technik mit einem Fluch belegte Erfindungen der Juden sind. Wer sie nutze, würde sein Seelenheil verlieren. Mit mahnender Stimme riet er seinen Zuhörern, alle mit Barcode versehenen Lebensmittel wegzuwerfen. Wer sie esse, würde an Krebs sterben und das ewige Leben verlieren.

Auch Ausweispapiere, Steuernummern und Krankenversicherungen lehnt er ab. Denn jeder computerlesbare Zahlencode ist für ihn der Name des Tiers aus der Apokalypse des Johannes: die 666. Alle, die »dem System dienen« – Banker, Staatsanwälte, Politiker, Polizisten und gesetzestreue Bürger –, sind für den Pater »Judenknechte«.

Videos von Kleomenis’ Angriffen auf Mobiltelefon-Antennen wurden im griechischen Fernsehen in Satiresendungen gezeigt. Die vermittelte Botschaft der lachenden Satiriker war: »Das ist ein schrulliges Original – lustig!«

Lange wurde übersehen, dass Kleomenis es ernst meint. Die Strafverfolger hörten weg, als er in seinen Videos den Holocaust leugnete und den Juden den Tod wünschte. Gemäß der Theorie des Geistlichen bringen die Juden zur Zerstörung der griechischen Jugend Drogen ins Land, was er in fast all seinen mehreren Dutzend Videos wiederholt.

Anfang Juli zündete er vor der Botschaft Zyperns die Flagge des Landes an. Auslöser seiner Tat war der von ihm postulierte Alkoholkonsum des »satanischen« Präsidenten Nikos Anastasiadis. Kleomenis wurde kurzzeitig festgenommen, doch dann wieder freigelassen. Die zypriotische Amtskirche protestierte heftig bei der offiziellen griechischen Orthodoxie. Diese erklärte, dass Kleomenis in keiner offiziellen Beziehung zur griechischen Amtskirche steht.

Schändung Mitte Juli ging der Pater einen Schritt weiter. In der Stadt Larissa schändete er das Holocaustdenkmal und den Eingangsbereich des jüdischen Gemeindehauses. Er rief mit Flugblättern dazu auf, die Juden aus dem Land zu vertreiben. Das Video der Tat veröffentlichte er am 17. Juli auf YouTube.

Immer noch griff die Staatsanwaltschaft nicht ein. Erst am 18. Juli folgte eine Reaktion. Maria Giannakaki, die Generalsekretärin für Menschenrechte des Justizministeriums, erstattete ebenso wie private Menschenrechtsaktivisten Anzeige wegen Rassismus und Holocaustleugnung. Daraufhin schloss YouTube Kleomenis’ Kanal »wegen Verstoßes gegen die Richtlinien«. Der jüdische Zentralrat Griechenlands rief Polizei und Justiz auf, endlich einzugreifen.

Noch ist Kleomenis auf freiem Fuß – und hat wieder einen YouTube-Kanal. Über diesen verbreitet er erneut Videos – mit eindeutiger Botschaft und schneidender Stimme. Er sei bereit, für seine Überzeugung zu sterben, skandiert er und ruft seine Anhänger auf, zum Schwert zu greifen und »die Juden« auszulöschen. Zudem kündigte er an, der Synagoge in Athen, der jüdischen Gemeinde und dem Zentralrat in der letzten Juliwoche einen Besuch abzustatten.

Rückkehr

Wiener Stadttempel nach Restaurierung wiedereröffnet

Nach mehr als zehn Monaten Bauzeit konnte die jüdische Gemeinde in Wien wieder in ihre Synagoge zurückkehren. Nun steht ein großes Fest an - auch zum runden Jubiläum des größten Gotteshauses seiner Art in Österreich

von Johannes Peter Senk  10.09.2026

9/11

Das Gift des Terrors

Ein Vierteljahrhundert nach den islamistischen Anschlägen auf Amerikas Zentren der Macht findet tatsächlich ein Regime Change statt. Allerdings nicht in den Täterländern, sondern in den USA. Ein persönlicher Rückblick

von Hannes Stein  10.09.2026

Schweiz

Neues Holocaust-Memorial in Bern

In Bern soll bis Ende 2027 eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet werden, das den Namen »Unfolded minute« trägt

von Nicole Dreyfus  09.09.2026

Emirate

Generation Golf

Dubai boomt als Reiseziel für Israelis. Doch schon vor dem Beitritt zu den Abraham-Abkommen ist eine Gemeinde gewachsen, für die der jüdische Alltag in einem arabischen Land Normalität ist

von Mark Feldon  09.09.2026

Meinung

Ein Sonntag genügt!

Was gehen uns in der Schweiz die Wahlen in Sachsen-Anhalt an? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten wird klar: Das Problem ist nicht nur die Partei selbst

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.09.2026

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026