Frankreich

Ohne Sitz und Stimme

Nationalversammlung in Paris: Bald vier jüdische Sozialisten weniger? Foto: cc

In Frankreich haben Sozialisten und Grüne vor einem Monat einen Koalitionspakt geschlossen. So wollen sie bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Frühjahr Stärke gegenüber der konservativen Regierungspartei UMP demonstrieren. Im Falle eines Sieges hat die Parti Socialiste dem grünen Bündnis EE-LV für die kurz darauf stattfindenden Parlamentswahlen unter anderem vier seiner Wahlkreise im Pariser Raum zugesagt. Das wäre an sich nicht weiter aufsehenerregend, wenn es da nicht einen Knackpunkt gäbe: Für alle vier Wahlkreise sitzen derzeit jüdische Sozialisten in der Nationalversammlung, dem französischen Parlament.

Palästinenser Bei den betroffenen Abgeordneten handelt es sich um Serge Blisko, Tony Dreyfus, Daniel Goldberg und Danièle Hoffman-Rispal. Alle vier haben sich seither für die französisch-israelischen Beziehungen engagiert. Als die Sozialistenpartei vor ein paar Wochen eine Erklärung zur sofortigen Anerkennung eines Palästinenserstaates herausgab, gehörten die vier zu den wenigen, die sie nicht unterzeichneten. Zufall? Richard Prasquier, Präsident der jüdischen Dachorganisation CRIF, glaubt nicht daran. Er vermutet, dass antisemitische Ressentiments hinter der Entscheidung stehen.

In einer unter dem Titel »Die Ausgeschlossenen« auf der CRIF-Homepage veröffentlichten Kolumne schreibt Prasquier: »Der Vorführeffekt, den die Nennung der Namen der Ausgeschlossenen hatte, ist desaströs. Man ist geneigt, von Antisemitismus zu sprechen. Einige haben es bereits getan, ich hüte mich jedoch davor, es ihnen gleichzutun. Ich denke, so weit sind wir noch nicht.« Dennoch kritisiert Prasquier in seinem Artikel, dass die »politischen Vertreter der jüdischen Gemeinschaft immer weniger werden« und sich die Grünen »absurderweise den Hass gegen Israel auf die Fahne« geschrieben haben. »Die von den Sozialisten getroffenen Entscheidungen werden von der jüdischen Gemeinschaft als in die gleiche Richtung gehend ausgelegt«, schreibt er weiter.

Erstaunlicherweise hat sich keiner der vier Betroffenen öffentlich der Meinung des CRIF angeschlossen. Danièle Hoffman-Rispal, Vizepräsidentin der französisch-israelischen Freundschaftsgruppe im Parlament, erklärte in der Zeitung Journal du Dimanche: »Ich glaube nicht einen Moment daran, dass die konfessionelle Dimension eine Rolle gespielt hat. Nach 37 Jahren in der Partei kann ich mir so etwas nicht vorstellen. Ich wäre nicht geblieben, wenn ich je Antisemitismus gespürt hätte.« Obwohl ihr Platz an Cécile Duflot, Vorsitzende des grünen Bündnisses EE-LV gehen soll, will sich Hoffman-Rispal erneut um das Mandat bewerben. Damit stellt sie sich gegen die Führungsspitze ihrer Partei.

Instrumentalisierung Auch Serge Blisko hält die Tatsache, dass für die vier den Grünen versprochenen Wahlkreise derzeit jüdische Abgeordnete im Parlament sitzen, für einen unglücklichen Zufall und bedauert die daraus resultierende »Instrumentalisierung«. »Die Leitung der Parti Socialiste hätte allerdings daran denken sollen«, fügte er gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP hinzu. Der Abgeordnete des traditionell linken Wahlbezirks Seine-Saint-Denis, Daniel Goldberg, erklärte, er wolle sich aus der Debatte heraushalten, denn sie komme vor allem extremen politischen Strömungen zugute.

Im Falle des Abgeordneten Tony Dreyfus ist die Situation komplizierter. Denn er hat aktuell den am heißesten umkämpften fünften Wahlkreis im Pariser Osten inne, möchte aber ohnehin nicht ein weiteres Mal kandidieren. Er hat sich in den Medien bislang nicht zu dem Vorfall geäußert.

Ob es sich bei der Entscheidung, die vier jüdischen Sozialisten durch Vertreter des grünen Koalitionspartners zu ersetzen, um politisches Kalkül mit antisemitischen Motiven handelt, darüber wird in Frankreich weiter gestritten.

USA

Werbespot gegen Antisemitismus beim Super Bowl

Beim Finale der amerikanischen Football-Liga NFL wird auch ein Clip gegen Judenhass gezeigt. Finanziert hat ihn der jüdische Besitzer der »New England Patriots«, die heute Abend gegen die »Seattle Seahawks« antreten

 08.02.2026

Alice Zaslavsky

»Hühnersuppe schmeckt nach Heimat«

Die Kochbuch-Autorin kam als Kind mit ihrer Familie aus Georgien nach Australien und kennt die jüdische Gemeinde von Bondi Beach. Ein Gespräch über Verbundenheit, Gerüche und Optimismus

von Katrin Richter  08.02.2026

Europa

Das Verbindende über das Trennende stellen

Rund 450 orthodoxe Rabbiner und Gäste aus den europäischen Gemeinden tagten in Jerusalem. Im Mittelpunkt standen weniger politische Debatten als vielmehr der Austausch über praktische Fragen

von Michael Thaidigsmann  07.02.2026

Basketball

Ein »All-Star« aus dem Kibbuz

Mit Deni Avdija schafft es erstmals ein Israeli in die NBA-Auswahl der USA

von Sabine Brandes  07.02.2026

Italien

Viererbob und Eisprinzessin

Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand-Cortina treten mindestens 16 israelische und jüdische Athleten an

von Sophie Albers Ben Chamo  06.02.2026

Frankreich

Haftbefehle wegen »Beihilfe zum Genozid«

Die Justiz wirft zwei französisch-israelischen Frauen vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen behindert zu haben

 05.02.2026

USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Jacob Frey ist Bürgermeister der Stadt, die derzeit für das aggressive Vorgehen der ICE steht. Der Demokrat stellt sich energisch gegen die Immigrations-Politik von US-Präsident Donald Trump

von Eva Schweitzer  05.02.2026

Washington D.C.

Gates: »War dumm von mir, Zeit mit Epstein zu verbringen«

In den jüngst veröffentlichten Dokumenten zum Fall des verstorbenen Sexualstraftäters Epstein tauchen viele prominente Namen auf - auch der des Microsoft-Mitgründers. Nun äußert er sich dazu

 05.02.2026

London

Epstein-Skandal stürzt Starmer in die Krise

Obwohl der britische Premier von der Freundschaft Peter Mandelsons zu Jeffrey Epstein wusste, ernannte er ihn zum Botschafter in den USA. Selbst in den eigenen Reihen ist der Ärger groß

 05.02.2026