Argentinien

»Niemals mit den Mächtigen«

»Aus jüdischer Sicht rede ich über alles«: Sergio Bergman Foto: Getty

Der argentinische Rabbiner Sergio Bergman hat sich vorgenommen, die Parlamentsmehrheit von Staatspräsidentin Christina Fernández de Kirchner zu brechen. In der kommenden Wahlperiode könnte Bergman der populären Staatschefin, die er für eine Vertreterin linker Klientelpolitik hält, das Regierungsgeschäft schwer machen.

Der ehemalige religiöse Leiter der jüdisch‐konservativ ausgerichteten Congregación Israelita Argentina hat bei der Abstimmung über die künftige Zusammensetzung des Parlaments am 27. Oktober gute Aussichten, als Spitzenkandidat der rechtspopulistischen Partei »Republikanischer Vorschlag« (Propuesta Republicana – PRO) in den Nationalkongress einzuziehen und Fraktionsführer zu werden. Bisher verfügt PRO über acht Deputierte.

Populär PRO bezeichnet sich selbst als liberal‐konservativ, will aber unter anderem in Schnellgerichten einen kurzen Prozess mit »Rechtsbrechern« machen und fordert einen »Staat der harten Hand«. Für die PRO‐Partei sitzt »Rabin Sergio«, wie er genannt wird, bereits im Stadtparlament von Buenos Aires. Beim Urnengang konnte er seinerzeit mit 45 Prozent der Stimmen den Wahlkreis für sich gewinnen, sein Konkurrent auf dem zweiten Platz erhielt nur 14 Prozent. Populär ist Sergio Bergman wirklich.

Werteverlust »Man erwartet von einer jüdischen Führungsperson, dass sie über jüdische Themen spricht. Ich bin ein Rabbiner, der sich republikanisch äußert. Und aus jüdischer Sicht rede ich über alles«, antwortete Sergio Bergman auf die Frage nach seinem politischen Selbstverständnis. Seiner Ansicht nach befindet sich die argentinische Gesellschaft in einem rasanten Prozess des Werteverlustes. »Ich glaube, dass die Gesetzgebung etwas von der Tora lernen kann«, sagt er seinen Zuhörern gerne.

So bunt wie die Kippa des Polit‐Rabbiners aus der argentinischen Hauptstadt ist, so schillernd ist der 51‐Jährige selbst. Nach seinem Abschluss in Pharmazie und Biochemie an der Universität von Buenos Aires besuchte er das renommierte Seminario Rabínico Latinoamericana Marshall Meyer der Masorti‐Bewegung, das er ebenso erfolgreich absolvierte wie das Hebrew Union College in Jerusalem. Bergman besitzt sowohl eine Reform als auch eine konservative Ordinierung. Jung und progressiv – so erinnern sich frühe Weggefährten an den jungen Sergio Bergman.

Rücktritt Nach seiner Rückkehr nach Argentinien wurde er Oberrabbiner der Congregación Israelita de la República Argentina, der ältesten jüdischen Gemeinde Argentiniens mit ihrer »Freiheitssynagoge«, dem Templo Libertad. Inzwischen ist Bergman jedoch von seinem Amt zurückgetreten, weil ihm aufgrund seiner Bewerbung um einen Parlamentssitz »wenig Zeit bleibt«, wie seine Sekretärin mitteilt.

Allerdings ist er nach wie vor für die jüdische Organisation »Memoria Activa« tätig. Diese fordert Gerechtigkeit für die Opfer des Bombenattentats auf das Zentrum der jüdischen Hilfswerks Asociación Mutual Israelita Argentina (AMIA) im Jahr 1994, bei dem 85 Menschen starben und 300 zum Teil schwer verletzt wurden – die meisten waren Mitglieder der jüdischen Gemeinde.

»Ich bin als Reformjude aufgewachsen und habe mich über 20 Jahre lang dafür eingesetzt, dass die Reform und die konservative Bewegung zusammenarbeiten«, sagte Bergman der jüdischen Nachrichtenagentur JTA. »Inzwischen habe ich diese Mühe aufgegeben.« Und rückte damit mehr und mehr von seinen reformerischen und konservativen Wurzeln ab. »Ich werde ein polydoxer Rabbi sein«, erklärte er JTA weiter. Unter Polydoxie wird eine religiöse Haltung verstanden, deren Prinzip individuelle religiöse Selbstbestimmung und Autonomie ist.

kritiker Dass diese Veränderung mit seinem politischen Engagement zu tun haben könnte, vermuten einige Kritiker des Rabbiners innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Argentiniens. Sie werfen ihm vor, seinem rechtsgerichteten Parteivorsitzenden, dem derzeitigen Bürgermeister von Buenos Aires, Mario Macri, als jüdisches Aushängeschild zu dienen. Der wohlhabende Unternehmersohn Macri gilt vielen als der argentinische Geert Wilders. Er will bei der Präsidentschaftswahl 2015 gegen Cristina Fernández de Kirchner antreten.

Mehrheiten Die Parlamentsmehrheit für Argentiniens Präsidentin dürfte allerdings bei den Wahlen nicht auf dem Spiel stehen. In der der zweigliedrigen Volksvertretung verfügt ihr neo‐peronistisches Parteienbündnis »Front für den Sieg« (Frente para la Victoria – FpV) in der Deputiertenkammer über 143 der 257 Sitze, im Senat stützt sich Fernández sogar auf eine Mehrheit von 40 der 72 Sitze. Dazu wird die Staatschefin, die sich derzeit von einer schweren Gehirnoperation erholt, vom argentinischen Wahlrecht begünstigt. Danach werden alle zwei Jahre die Hälfte der Deputierten und ein Drittel der Mitglieder des gesetzgebenden Oberhauses neu gewählt.

Während bei diesem Urnengang lediglich 41 der 143 Mitglieder des Regierungsbündnisses um ihren Einzug ins Parlament kämpfen, müssen zwei Drittel der Oppositionskräfte (72 Wahlkreise) sich der Neuwahl stellen. Politische Beobachter in Buenos Aires rechnen nicht damit, dass sich die Mehrheitsverhältnisse diesmal ändern werden. Auch Sergio Bergman dürfte mit seiner PRO‐Partei nicht so viele Stimmen holen, um Fernández das Regieren unmöglich zu machen.

Antisemitismus Als sich Bergman zum ersten Mal zu einer Wahl aufstellen ließ, warnte der damalige Präsident der Dachorganisation jüdischer Gemeinden in Argentinien (DAIA), Aldo Doniz, vor einer solchen Kandidatur. Fehler eines jüdischen Politikers könnten zu Antisemitismus in der argentinischen Bevölkerung führen. Solche Ängste haben sich aber längst überlebt.

Mit Hector Timerman amtiert sogar ein Jude als Außenminister des Landes in der Kirchner‐Regierung. So weit will es Sergio Bergman nicht bringen – wenigstens nicht unter der Regierung Kirchner. »Ich werde niemals mit den Mächtigen sein«, prophezeite er.

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