USA

Nichtjuden willkommen

Etwa die Hälfte aller Juden in den USA heiratet nichtjüdische Partner. Foto: Thinkstock

Es ist nicht lange her, da bestand die typisch jüdische Herangehensweise an das Thema interreligiöse Ehe darin, den Übeltäter zu meiden und Schiwa zu sitzen.

Als der National Jewish Population Survey im Jahr 1990 einen alarmierend hohen Prozentsatz von »intermarriages« nannte – 52 Prozent –, war die Aufregung in den Gemeinden groß. Andere Studien sprachen von 43 Prozent, doch mittlerweile hat der Trend sogar noch zugenommen: Laut einer am Dienstag veröffentlichten neuen Studie des Pew Research Center Survey of U.S. Jews ist die Zahl der interkonfessionellen Ehen sogar auf 58 Prozent gestiegen.

Doch schon Anfang der 1990er-Jahre schien die interreligiöse Ehe als das Kernproblem der jüdischen Assimilation ausgemacht. Jüdische Institutionen steckten Hunderte von Millionen Dollar in Programme zur Förderung jüdischer Identität, in der Hoffnung, dadurch dem Vormarsch der interkonfessionellen Ehe Einhalt zu gebieten. Heute, 20 Jahre später, steht im Vordergrund nicht mehr die Frage, wie interreligiöse Ehen verhindert werden, sondern wie jüdische Institutionen Juden und ihre nichtjüdischen Partner am besten willkommen heißen können.

»Die Einstellungen innerhalb der jüdischen Gemeinden haben sich tiefgreifend verändert«, sagt David Mallach, Geschäftsführer der Commission on the Jewish People bei der New Yorker Organisation United Jewish Appeal (UJA). »Eines der Ergebnisse des Veränderungsprozesses ist die Erkenntnis, dass wir in einem freien Land alle aus freiem Willen Juden sind – eine grundlegende Einsicht, die die Arbeit der jüdischen Gemeinde seit 20 Jahren durchdringt«, so Mallach.

Hochzeiten 1973 hatte der rabbinische Arm der Reformbewegung, die Central Conference of American Rabbis (CCAR), einen nichtverbindlichen Beschluss verabschiedet, der sich dagegen aussprach, dass Rabbiner die Zeremonie bei interreligiösen Hochzeiten leiteten. Heute fungiert mehr als die Hälfte der Rabbiner der Reformbewegung bei diesen Eheschließungen. 2010 empfahl eine Arbeitsgruppe der CCAR, den Schwerpunkt der Aktivitäten weg von der Verhinderung von »Mischehen« hin zur Kontaktaufnahme mit interreligiösen Familien zu verlagern und den Gottesdienst derart anzupassen, dass nichtjüdische Familienmitglieder einbezogen werden.

Jetzt will die Reformbewegung einen Schritt weiter gehen. Rabbi Aaron Panken, Präsident des Hebrew Union College, erklärte kürzlich: Seine Hochschule denke »sehr ernsthaft« darüber nach, die Politik zu beenden, nach der Studenten aus interreligiösen Familien nicht aufgenommen werden.

Einige konservative Synagogen gewähren ihren nichtjüdischen Mitgliedern sogar Stimmrechte. Die einzigen offiziellen Vorschriften bestehen darin, dass es Rabbinern verboten ist, bei interreligiösen Hochzeiten zu amtieren oder an ihnen teilzunehmen. Letzteres wird aber häufig ignoriert.

Selbst innerhalb der Orthodoxie ist der Gedanke passé, Menschen auszuschließen, die andersgläubige Partner haben. »Früher war die ›Mischehe‹ ein Zeichen dafür, dass der jüdische Partner sein Erbe zurückweist. Das ist nicht mehr der Fall, schon seit Jahrzehnten nicht«, sagt Avi Shafran, Direktor für öffentliche Angelegenheiten bei der ultraorthodoxen Agudath Israel of America.

Erhebungen Einzelberichte und allgemeine Erhebungen legen nahe, dass die Zahl interkonfessioneller Ehen steigt. Eine grundlegende Untersuchung, die das Pew Forum on Religion and Public Life 2008 durchführte, fand heraus, dass ein Drittel aller Ehen in den USA heute interreligiös ist. Juden sind die Gruppe mit den meisten »Mischehen«, Mormonen die mit den wenigsten.

»Was früher als gesellschaftliches Tabu galt, als etwas, worüber man in der Öffentlichkeit schweigt, ist zur gesellschaftlichen Normalität geworden«, sagt Erika Seamon, Verfasserin des Buches Interfaith Marriage in America: The Transformation of Religion and Christianity (Interreligiöse Ehe in Amerika: Die Verwandlung der Religion und des Christentums). Die Vorstellung, der Kampf dagegen könnte in Amerika noch gewonnen werden, scheint heute so absurd, wie den Krieg gegen den Regen gewinnen zu wollen: Solche Ehen werden geschlossen, ob es einem gefällt oder nicht. Die Frage ist, wie man darauf reagiert.

Laut dem National Jewish Population Survey von 2000/2001 ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder aus interkonfessionellen Ehen jüdisch erzogen werden, dreimal niedriger als für Kinder aus jüdischen Elternhäusern. Aus diesem Grund scheint sich bei allen jüdischen Gruppierungen die gleiche Strategie durchzusetzen: den Kontakt zu Menschen zu suchen, die in interkonfessionellen Ehen leben, mit dem Ziel, sie dazu zu bringen, das Judentum anzunehmen. Das gilt für die Reformbewegung genauso wie für Chabad, ausgenommen eine Handvoll Ultraorthodoxer.

Konversion In vielen orthodoxen Synagogen dürfen Nichtjuden nicht auf die Bima; andere gehen so weit, dass sie Juden, die mit Nichtjuden verheiratet sind, verbieten, an bestimmten Riten teilzunehmen. Die United Synagogue of Conservative Judaism überlässt es ihren Mitgliedssynagogen, welche Regeln sie für den Umgang mit Nichtjuden aufstellen. Rabbi Steven Wernick, Vizepräsident der Vereinigung, sagt, der Übertritt des nichtjüdischen Ehepartners sei das Ziel.

In der Reformbewegung wird das jedoch hinterfragt: »Konversion darf nicht das Einzige sein, worüber wir reden. Aber wir freuen uns, wenn Menschen sich dem jüdischen Volk anschließen«, sagt der Präsident der Union for Reform Judaism, Rabbi Rick Jacobs. »Eine ›Mischehe‹ einzugehen, bedeutet nicht, dass man den jüdischen Glauben verlässt«, sagt Rabbiner Menachem Penner, Dekan der Rabbinerschule an der Yeshiva University. »Das Letzte, was wir wollen, ist, dass ein Mensch alles hinwirft, bloß weil er in einer ›Mischehe‹ lebt.«

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