Ukraine

Nicht zu stoppen

Vor der Pandemie kamen jedes Jahr rund 30.000 Pilger zu Rosch Haschana nach Uman (Herbst 2017). Foto: REUTERS

Der Name der kleinen zentral­ukrainischen Stadt Uman in der Region Tscherkassy ist vermutlich weltweit jedem orthodoxen Juden bekannt. Und dank dieser Stadt wiederum weiß fast jeder Ukrainer, wann das jüdische Neujahr begangen wird.

In Uman befindet sich das Grab des 1810 gestorbenen chassidischen Zaddiks Rabbi Nachman aus Bratzlaw. Vor der Corona-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg verwandelte sich die Stadt jedes Jahr im September, wenn Zehntausende Orthodoxe, vor allem aus Israel, die Straßen füllten, in religiöser Ekstase tanzten und auf Hebräisch beteten und sangen. Die meisten von ihnen sind Bratzlawer Chassidim. Doch hat sich der Brauch, zu Rosch Haschana ans Grab von Rabbi Nachman zu pilgern, in den vergangenen Jahrzehnten über die Grenzen dieser Strömung des orthodoxen Judentums hinaus verbreitet.

CHASSIDIM Im Gegensatz zu anderen großen chassidischen Zaddiks, die ihre eigenen Häuser gründeten, hinterließ Rabbi Nachman keinen spirituellen Erben. Nach seinem Tod ernannten seine Schüler keinen neuen offiziellen Leiter der Richtung aus ihrer Mitte. In gewisser Weise blieb Rabbi Nachman für sie am Leben. Jede neue Generation von Chassidim bezieht sich direkt auf seine Worte, die vor allem in Form von Geschichten erhalten sind. Jeder von ihnen betrachtet sich persönlich als Schüler von Rabbi Nachman, von dem nur im Präsens gesprochen wird und mit dem gemeinsam an Rosch Haschana an seinem Grab gebetet wird.

Die ukrainischen Behörden haben Angst vor russischen Angriffen auf die Pilger.

Vor 100 Jahren war der Bratzlawer Zweig des Chassidismus noch nicht sehr zahlreich, doch seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nach all den Schrecken des Holocaust, erlebt er eine Blüte. In seinen Schriften betonte Rabbi Nachman die Hoffnung, die trotz der Tragödie des menschlichen Lebens siegen wird. Er behauptete, dass Leiden zur Erlösung führt, und versprach, den Hoffnungslosen Erlösung zu bringen.

Unter den Anhängern des Bratzlawer Chassidismus gibt es viele Chosrim Bi­Tschuwa, Menschen aus einem säkularen Umfeld, die zur Religion zurückgekehrt sind. Viele fühlen sich von Rabbi Nachmans »großem Gebot« angezogen, Freude im Herzen zu bewahren und vor nichts Angst zu haben.

wallfahrten Geheime Wallfahrten zum Grab von Rabbi Nachman gab es auch in der Zeit des Sowjetregimes. Doch seit dessen Ende vor mehr als 30 Jahren ist es zu einem Massenphänomen geworden, vor den Neujahrstagen dorthin zu pilgern. Uman ist zum wichtigsten jüdischen Wallfahrtsort außerhalb Israels geworden. Die Atmosphäre in der ukrainischen Kleinstadt an Rosch Haschana ist vergleichbar mit den Lag-BaOmer-Feiern auf dem Berg Meron im Norden Israels. Vor der Corona-Pandemie versammelten sich an jedem Rosch Haschana mehr als 30.000 Pilger in Uman.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Durch den Krieg sind die Verkehrsverbindungen gelegentlich unterbrochen, und potenzielle Pilger könnten sich der Gefahr eines russischen Raketenbeschusses und eines Luftangriffs aussetzen. So wurde nach Meldungen der »Ukrainska Pravda« erst am vergangenen Schabbat eine russische Rakete über Uman abgefangen.

Die ukrainische Regierung warnt seit Wochen wiederholt vor Pilgerreisen nach Uman, da es unmöglich sei, in einem Krieg für die vollständige Sicherheit der Besucher zu garantieren. Die Botschaft der Ukraine in Israel sowie das ukrainische Außenministerium rufen dazu auf, dieses Jahr auf Pilgerfahrten zu verzichten. Laut Mykhailo Podolyak, einem Berater des Präsidialamts in Kiew, sei es durchaus denkbar, dass Russland gezielt provozieren könnte, »um einzuschüchtern« und die internationale Situation zu verschlimmern.

ANSCHULDIGUNG Die Befürchtungen sind offenbar nicht unbegründet. Vor einiger Zeit machte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, absurde Aussagen. Ihm zufolge nutzt das »Kiewer Regime« die Große Synagoge in Uman »als Sammel- und Transportpunkt für Waffen und Nazis zur Teilnahme an Feindseligkeiten«. Dies macht das Gebäude angeblich zu einem legitimen militärischen Ziel.

Am selben Tag zeigte der Oberrabbiner von Kiew und der Ukraine, Moshe Reuven Azman, der eigens zu diesem Zweck nach Uman gekommen war, eine detaillierte Videoaufnahme des Synagogengeländes, die bewies, dass es keine Spuren der Nutzung des Gebäudes durch das Militär gibt. In den vergangenen Monaten sind solche falschen Anschuldigungen des russischen Verteidigungsministeriums der Bombardierung ziviler Objekte vorausgegangen. Ein Beispiel dafür ist die Geburtsklinik in Mariupol.

Russland behauptet, das »Kiewer Regime« nutzt die Große Synagoge von Uman als Waffenlager.

Viele Pilger wollen sich dennoch nicht abschrecken lassen. Menachem, ein junger Israeli aus Jerusalem, lächelt nur, wenn er nach der Unsicherheit der Wallfahrt in diesem Jahr gefragt wird. »Schwierigkeiten waren schon immer ein wichtiger Teil des ethischen Kodex der Anhänger von Rabbi Nachman«, sagt er. »Pilgerschaft ist in erster Linie eine spirituelle Leistung. Wenn es mit Nöten und Gefahren verbunden ist, erhöht sich ihr Wert nur.«

spezialeinheiten Die ukrainischen Behörden rechnen damit, dass trotz der Warnungen rund 10.000 Pilger kommen. Sie bereiten sich darauf vor, alles zu tun, damit die Reisen reibungslos verlaufen. Spezialeinheiten des Sicherheitsdienstes der Ukraine haben in den vergangenen Wochen in Uman Übungen durchgeführt und die Reaktion auf verschiedene Bedrohungsszenarien geübt.

In Moldawien, das offenbar zusammen mit Rumänien Haupttransitland für Pilger wird, fand ein Treffen zur Koordinierung der Logistik statt. Daran nahmen Vertreter der moldauischen Regierung, ukrainische und israelische Diplomaten sowie Vertreter der Bratzlawer Chassidim teil.

Vom 19. bis 30. September sind in Uman jegliche Massenveranstaltungen verboten, und der Zugang zum Grab des Rabbis wird beschränkt. Die Behörden haben große Angst vor russischen Angriffen auf die Pilger.

Die Pilger selbst hingegen scheinen furchtlos zu sein. Rabbi Nachman versuchte, seinen Schülern zu zeigen, dass sie selbst in den dunkelsten und schwierigsten Zeiten daran glauben sollen, dass Licht und Wahrheit siegen werden. Hoffnung in den Stunden der Verzweiflung trotz allen Leids war der zentrale Gedanke seiner Lehre. Gerade heute, sagen seine Anhänger, sei dies von besonderer Relevanz.

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