Neue Enthüllungen zur NS-Vergangenheit der früheren Credit Suisse belasten die inzwischen von der UBS übernommene Großbank schwer. Bei einer Anhörung vor dem Justizausschuss des US-Senats erklärte der republikanische Senator Chuck Grassley, eine laufende Untersuchung habe Hinweise auf 890 Bankkonten mit möglichem Bezug zum NS-Regime ergeben.
Darunter befänden sich Konten von Einzelpersonen ebenso wie von juristischen Personen, unter anderem des wirtschaftlichen Arms der SS sowie einer deutschen Rüstungsfirma.
Dabei scheinen sowohl die Credit Suisse als auch nun die UBS die Aufklärung verlangsamt zu haben, indem sie zum Beispiel Informationen zurückhielten. Senator Grassley forderte die UBS auf, »einen Weg zu finden, Frieden zu schließen, bevor es zu spät ist, den Schaden, den die Bank angerichtet hat, wiedergutzumachen.«
Ermittlungen durch US-Anwalt
Die Vorwürfe stützen sich auf Ermittlungen unter Leitung des US-Anwalts Neil Barofsky, der als unabhängiger Ombudsmann die Aufarbeitung der Credit-Suisse-Vergangenheit überwacht. Barofsky erklärte, die bisherigen Ergebnisse zeigten, dass die Verstrickung der Bank in der NS-Zeit deutlich umfangreicher gewesen sei als bislang bekannt. Insgesamt seien 628 Einzelpersonen und 262 Organisationen identifiziert worden. Die Erkenntnisse unterstrichen die Notwendigkeit, die Nachforschung weiter voranzutreiben.
Besonders brisant sind die sogenannten »Rattenlinien«, über die Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg aus Europa fliehen konnten, unter anderem nach Argentinien. Laut Barofsky eröffnete und unterhielt Credit Suisse Konten für die argentinische Einwanderungsbehörde und unterstützte damit indirekt diese Fluchtrouten.
Finanzierung der Flucht der Mörder
Barofsky gab an, dass Gelder unter anderem zur Finanzierung von Bestechung, zur Beschaffung gefälschter Reisedokumente sowie für Lebenshaltungskosten und Transporte von NS-Tätern, darunter auch solchen, die direkt am Massenmord von Juden beteiligt waren, verwendet worden seien.
Senator Grassley warf der Bank zudem vor, ein Gebäude in der Schweiz an die argentinische Regierung vermietet zu haben, von dem aus die Fluchthilfe organisiert worden sei. UBS-Americas-Chef Robert Karofsky bestätigte, dass entsprechende Büroräume vermietet worden seien und Mitarbeiter der Behörde Konten bei der Bank geführt hätten.
Auch Konten für das Auswärtige Amt
Darüber hinaus ergab die Untersuchung weitere bislang nicht gemeldete Fälle von Zwangsverkäufen jüdischen Eigentums sowie Konten der Credit Suisse für das deutsche Auswärtige Amt, das in die Deportation von Juden involviert war.
Zugleich schwelt der Streit um den Zugang zu den Dokumenten. Zwar umfasst das Archiv rund 16,5 Millionen Unterlagen, veröffentlicht wurden bislang jedoch weniger als 300. Grassley und Barofsky werfen der UBS vor, die Aufklärung zu behindern, insbesondere durch die Zurückhaltung von etwa 150 Dokumenten aus den 1990er-Jahren im Zusammenhang mit einem Entschädigungsvergleich. Ohne diese Unterlagen, so Barofsky, könne er in seinem Abschlussbericht nicht zusichern, dass »kein Stein auf dem anderen geblieben« sei.
Die finanziellen Dimensionen sind noch unklar. Ein Zwischenstand zu einem kleinen Teil der Konten belaufe sich nach heutigem Wert auf rund 30 Millionen Franken (rund 33 Millionen Euro). Der für Ende des Jahres erwartete Schlussbericht dürfte jedoch deutlich höhere Summen betreffen.
Bereits 1999 hatten UBS und Credit Suisse im Rahmen eines Vergleichs 1,25 Milliarden Dollar (inflationsbereinigt etwa zwei Milliarden Euro) an Holocaust-Überlebende und deren Nachfahren gezahlt. Jüdische Organisationen werfen der Credit Suisse dennoch seit Langem vor, NS-Vermögen nicht vollständig offengelegt zu haben. Die aktuellen Erkenntnisse könnten dieser Debatte erneut entfachen.ja