Luxemburg

Nach langem Schweigen

Pro-deutsches Plakat in Luxemburg (1940) Foto: ullstein bild - ullstein bild

Luxemburg

Nach langem Schweigen

Recherchen belegen: Während der Schoa beteiligten sich auch Soldaten aus dem Großherzogtum an den Judenmorden

von Jochen Zenthöfer  22.01.2018 18:11 Uhr

Es ist erst ein paar Wochen her, da löste im beschaulichen Großherzogtum ein Zeitungsbeitrag ein mittleres Erdbeben aus. Das luxemburgische »Tageblatt« druckte einen Artikel darüber, »wie Luxemburger Soldaten in Osteuropa zu Teilnehmern am Judenmord wurden«.

Initiiert wurde die Debatte von dem Journalisten Mil Lorang, der auch Mitglied im Vorstand der Vereinigung »MemoShoah Luxembourg« ist. Lorang beschreibt, wie Luxemburger bei den von der deutschen Polizei zynisch »Aktion Erntefest« genannten Erschießungen mitwirkten. Dabei wurden am 3. und 4. November 1943 in Lublin, Trawniki und Poniatowa mehr als 42.000 Juden ermordet. Es war die größte Massenerschießungs-Einzelaktion während des Holocaust.

Massaker Einer der Luxemburger Beteiligten, Jean Heinen, beschrieb das Massaker von Poniatowa, wo mindestens 15.000 Juden er­schossen wurden, 53 Jahre nach den Ereignissen in einem Interview: »Und am zweiten Tag ... haben wir das Lager abgesperrt. Und da war vor dem Lager ein großer, breiter, tiefer und langer Graben ausgehoben. Da kamen nackte Männer und Frauen herausgelaufen – die Frauen kamen gelaufen und hielten ihre Brüste mit Händen bedeckt, weil sie noch einen Ehrbegriff besaßen, auch wenn sie nur noch eine Minute zu leben hatten.« Dann wurde von Polizisten geschossen, stundenlang.

Wie kam es dazu, dass Luxemburger Teil dieses Polizeibataillons waren? Im Mai 1940 marschiert die Wehrmacht in Luxemburg ein. Wegen seines Neutralitätsstatus verfügt das Großherzogtum nicht über eine eigene Armee, sondern nur über eine sogenannte Freiwilligenkompanie. Diese wird wenig später von der deutschen Schutzpolizei übernommen, und man rekrutiert zusätzliches Personal: 51 Luxemburger verpflichten sich freiwillig und werden ebenso freiwillig Mitglied in der luxemburgischen Nazi-Organisation »Volksdeutsche Bewegung«.

Waffen-SS Die gesamte Kompanie reist kurz darauf zu einer mehrmonatigen »Schulung« nach Weimar. Von dort kommen einige Luxemburger schließlich nicht mehr zurück, da sie in die Waffen-SS genötigt wurden und am Russlandfeldzug teilnehmen. An­dere mussten nach Jugoslawien, manche meuterten, einige von ihnen kamen in Konzentrationslager. Mil Lorang schreibt: »Eine im Jahre 1881 geschaffene luxemburgische Institution war von den Deutschen de facto aufgelöst und für andere Zwecke vereinnahmt worden.«

Die Wege der Luxemburger trennen sich. 15 (einer war erkrankt) landen in der 1. Kompanie des Reserve-Polizeibataillons 101 (RPB 101) in Hamburg. Von dort geht es für 14 Luxemburger nach Polen in den Einsatz gegen die Partisanen.

Heinen sagt, man habe ständig gegen Partisanen und an der Front gekämpft und sei schließlich aufgerieben worden. »Diese Aussagen Heinens sind falsch«, legt nun Lorang dar. Das Bataillon nahm aktiv an der Ermordung von Juden teil. »Der Begriff ›Partisanenbekämpfung‹, den die Luxemburger, die sich über diese Zeit äußerten, ständig im Mund führten, wurde von der deutschen Polizei und der Wehrmacht oft als Tarnbegriff benutzt für Vernichtungsaktionen gegen Juden.«

Verstrickung Nachdem er alte Unterlagen gesichtet hatte, erklärte der Historiker Paul Dostert schon vor einigen Jahren, dass auch Luxemburger in den Massenmord an Juden verstrickt waren. »Mehr als 50 Jahre lang haben diese (Mit-)Täter geschwiegen und verschwiegen damit, was sie gesehen hatten und woran sie beteiligt waren.«

Lorang meint: »Die Luxemburger im RPB 101 haben sich weder gegen die Eingliederung in die deutsche Polizei gewehrt, noch haben sie den Eid auf Hitler abgelehnt oder in irgendeiner Weise Widerstand geleistet.«

Während der intensiven Phase der Judenmassaker und Deportationen habe sich »keiner von ihnen von solchen mörderischen Aktionen freistellen lassen, noch nachweislich versucht, Juden zu retten, oder den Versuch unternommen, zu desertieren«, so Lorang. »Angetrieben vom Motiv, kein Risiko einzugehen, scheinen die 14 Luxemburger alles mitgemacht und jeden Befehl ausgeführt zu haben. Und mit Ausnahme von Heinen verschwiegen alle bis zu ihrem Lebensende die Mordeinsätze gegen Juden.«

Von den 14 Luxemburgern sind fünf in deutscher Uniform gefallen. Man verlieh ihnen den Ehrentitel »Mort pour la patrie« (Tod fürs Vaterland). »In Luxemburg hat sich niemand für die möglichen Verbrechen dieser Männer interessiert«, schreibt Lorang. Der Abgeordnete Franz Fayot von der Sozialistischen Partei forderte kürzlich in einer Parlamentarischen Anfrage an die Regierung, all dies nun endlich zu erforschen. Fayot will, dass entsprechende Forschungsvorhaben initiiert und finanziert werden.

Zürich / Washington

Neue alte Verstrickungen

US-Ermittler entdeckt Hunderte neue Konten der Credit Suisse mit NS-Bezug

 09.02.2026

Raumfahrt

Jessica Meir fliegt zur Internationalen Raumstation

Jessica Meir soll acht Monate im All verbringen. Diese Tour ist für sie dieses Mal emotional besonders herausfordernd, wie sie bei einer Pressekonferenz erzählte

 09.02.2026

USA

Werbespot gegen Antisemitismus beim Super Bowl

Beim Finale der amerikanischen Football-Liga NFL wird auch ein Clip gegen Judenhass gezeigt. Finanziert hat ihn der jüdische Besitzer der »New England Patriots«, die heute Abend gegen die »Seattle Seahawks« antreten

 08.02.2026

Alice Zaslavsky

»Hühnersuppe schmeckt nach Heimat«

Die Kochbuch-Autorin kam als Kind mit ihrer Familie aus Georgien nach Australien und kennt die jüdische Gemeinde von Bondi Beach. Ein Gespräch über Verbundenheit, Gerüche und Optimismus

von Katrin Richter  08.02.2026

Europa

Das Verbindende über das Trennende stellen

Rund 450 orthodoxe Rabbiner und Gäste aus den europäischen Gemeinden tagten in Jerusalem. Im Mittelpunkt standen weniger politische Debatten als vielmehr der Austausch über praktische Fragen

von Michael Thaidigsmann  07.02.2026

Basketball

Ein »All-Star« aus dem Kibbuz

Mit Deni Avdija schafft es erstmals ein Israeli in die NBA-Auswahl der USA

von Sabine Brandes  07.02.2026

Italien

Viererbob und Eisprinzessin

Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand-Cortina treten mindestens 16 israelische und jüdische Athleten an

von Sophie Albers Ben Chamo  06.02.2026

Frankreich

Haftbefehle wegen »Beihilfe zum Genozid«

Die Justiz wirft zwei französisch-israelischen Frauen vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen behindert zu haben

 05.02.2026

USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Jacob Frey ist Bürgermeister der Stadt, die derzeit für das aggressive Vorgehen der ICE steht. Der Demokrat stellt sich energisch gegen die Immigrations-Politik von US-Präsident Donald Trump

von Eva Schweitzer  05.02.2026