USA

Mythos zum Reinbeißen

Der Blick über Coney Island von der Hochbahnstation Stillwell Avenue aus hat sich dramatisch verändert in den vergangenen Jahren. Die Wiedergeburt der beiden Amüsierparks Luna Park und Deno’s Wonder Wheel brachten neue Gebilde und Klänge an New Yorks berühmtesten Strand: hochmoderne Attraktionen wie eine Art gigantische Schleuder, mit der die Menschen in den Himmel geschossen und wieder aufgefangen werden, und eine Superachterbahn, deren Wagen sich halsbrecherisch überschlagen.

Der langjährige Besucher von Coney Island muss suchen, um Vertrautes wiederzufinden. Das Riesenrad von 1920 etwa, das zwischen den neuen Lustfahrten verschwindet, oder die Cyclone-Achterbahn aus Holz von 1927, die neben Attraktionen mit Namen wie Thunderbolt wie ein knarzendes Relikt wirkt.

Umso größer ist die Freude, wenn man auf die Surf Avenue tritt und den geschwungenen gelben Schriftzug von »Nathan’s« erblickt, der hier seit genau 100 Jahren die Besucher aus der Stadt willkommen heißt. Seit die Subway 1920 bis an den Strand gebaut wurde, stolpert man praktisch direkt von der Bahnstation ans Ende der langen Schlange, die sich im Sommer fast jeden Tag an Amerikas berühmtester und ältester Würstchenbude bildet.

Rummel Seit Generationen ist es ein Ritual, bei der Ankunft in Coney Island erst einmal einen »Nathan’s Famous« zu sich zu nehmen, bevor man sich in den Rummel stürzt oder an den Strand begibt, der keine 200 Meter entfernt hinter dem legendären Boardwalk beginnt. Für viele New Yorker ist das von klein auf der Inbegriff des Sommervergnügens.

Am vergangenen Montag, dem amerikanischen Nationalfeiertag, war das Gedränge bei Nathan’s, dessen Edelstahltheke einen ganzen Block lang ist, besonders groß. Wie jedes Jahr fand das große Nathan’s-Hotdog-Wettessen statt, ebenfalls ein New Yorker Sommerritual und eine Werbeveranstaltung für Nathan’s-Würstchen, die man seit Jahrzehnten in Supermärkten im ganzen Land kaufen kann.

Zehntausende waren live dabei und Hunderttausende an den Fernsehbildschirmen, als der Champion Matt Stonie gegen den Fress-Veteranen Joey Chestnut antrat und beide gemeinsam versuchten, den Weltrekord von 69 Würstchen in zehn Minuten zu brechen. Chestnut gelang es: Er vertilgte 70 Hotdogs.

Geschichte Der Legende nach ist das Wettessen so alt wie das Nathan’s selbst. Ein Ire namens James McMullen soll 1916 eine Gruppe deutscher Einwanderer bei Nathan’s dazu animiert haben, um herauszufinden, welche Einwanderergruppe amerikanischer ist. McMullen hat den patriotischen Wettbewerb offenbar für sich entschieden.

Ob die Legende stimmt, ist unklar, offizielle Aufzeichnungen des Wurstwettessens auf Coney Island existieren erst seit 1972. Jason Schechter soll damals 14 Hotdogs verdrückt haben.

Glaubhaft überliefert ist im Gegensatz zur Legende von Jim McMullen jedoch die Geschichte von Nathan Handwerker, einem galizischen Juden, der 1912 wie viele Millionen Einwanderer mit kaum mehr als seinem Reisekoffer in New York ankam. Seine erste Anstellung bekam er in Coney Island beim damals überaus beliebten Feltman’s Restaurant. Feltman’s war ein riesiger deutscher Biergarten, direkt gegenüber der Stelle, an der heute noch das Nathan’s steht. 1200 Menschen arbeiteten dort, und mehr als fünf Millionen Menschen vertilgten hier jeden Sommer Bier und Würstchen.

Nathan war damals an einem der sieben Grills von Feltman’s damit beschäftigt, die Brötchen für die Hotdogs aufzuschneiden. Einer der singenden Kellner ermutigte Nathan jedoch dazu, sein eigenes Geschäft zu eröffnen. So nahm Handwerker 1916 sein gesamtes Erspartes von 300 Dollar und eröffnete gegenüber von Feltman’s einen kleinen Stand, wo er die Hotdogs für fünf anstatt für zehn Cents verkaufte. Dazu bot Handwerker ein kostenloses Wurzelbier und eine saure Gurke an.

Nathan Handwerkers Timing war perfekt. Coney Island erlebte gerade seine goldene Phase. Die eleganten Strandhotels, die um die Jahrhundertwende eine vornehme Klientel angelockt hatten, waren Amüsierparks für die Massen gewichen. Im Luna Park und im Dreamland konnte man Märchenschlösser besichtigen, die Zerstörung Pompejis durch den Vesuv miterleben und in einer Achterbahn die Alpen überqueren. Es war eine Weltsensation, noch neuartiger und aufregender als heute Disneyland.

Meeresluft Die Ankunft der U-Bahn 1920 machte Coney Island endgültig zum Himmel der einfachen Leute. Für fünf Cent konnte man nun in nur 35 Minuten von den heißen und stickigen Arbeiterquartieren auf der Lower East Side Manhattans heraus an den Strand kommen, die frische Meeresluft genießen und sich amüsieren. Feltman’s, mit seinen weißen Tischtüchern und livrierten Kellnern, ging es immer schlechter, doch das Nathan’s florierte.

Daran änderte auch der langsame Niedergang von Coney Island nach dem Krieg nichts. Während die Rummelplätze einer nach dem anderen schlossen oder niederbrannten und auf der anderen Straßenseite hässliche Sozialbauten Armut und Kriminalität nach Coney Island brachten, ging es Nathan’s weiterhin prächtig: Die Menschen kamen an die Stillwell Avenue, um sich ihren Hotdog zu holen.

1987 wurde die Marke dann von Nathan’s Sohn Murray für 45 Millionen Dollar verkauft. Die Käufer expandierten kräftig, heute gibt es Dutzende von Nathan’s-Ständen in der ganzen Stadt und einen florierenden weltweiten Vertrieb. Doch der original Nathan’s-Hotdog schmeckt noch immer nirgendwo so gut wie hier – wo die Subway im Hintergrund rattert, eine Brise vom Meer herüber weht und die Möwen über den Köpfen kreischen.

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