London

Mit Skulpturen den Blick auf die Welt ändern

Anish Kapoor Foto: picture alliance / empics

London

Mit Skulpturen den Blick auf die Welt ändern

Der indisch-britische Bildhauer Anish Kapoor wird 70

von Julia Kilian  09.03.2024 18:55 Uhr

Als seine bekannteste Skulptur zusammengeschweißt wurde, ließ sich wohl nur schwer erahnen, wie viele Menschen dort später mit ihren Handys stehen und sich selbst fotografieren würden. »Cloud Gate« von Anish Kapoor steht in Chicago. Ein verspiegeltes, großes Ding, das wegen seiner Form auch Bohne genannt wird. Eine ähnliche Skulptur gibt es mittlerweile in New York. Im Stadtteil Tribeca sieht es aus, als wäre sie unter einem Hochhaus eingequetscht.

Bei Instagram finden sich Tausende Bilder von Kapoors Werken. Der Künstler, der in Indien geboren wurde und später nach Großbritannien ging, wird am Dienstag (12. März 2024) 70 Jahre alt. Eine Karriere als Künstler schien anfangs abwegig. »Wie alle guten, kleinen indischen Jungen war ich ziemlich sicher, dass es das einzige Richtige sei, Ingenieur oder so etwas zu werden«, sagte Kapoor mal in der Dokuserie »Art21«.

Seine frühen Werke sahen übrigens noch ganz anders aus. Es waren Farbpigmente, aufgehäuft zu geometrischen Formen. Zart und reich. Im Laufe der Jahrzehnte experimentierte er mit Tonnen von Wachs und gigantischen Stahlinstallationen. Heute gilt Kapoor, der 1991 den renommierten Turner-Preis für zeitgenössische Kunst gewann, als einer der wichtigsten Bildhauer der Gegenwart.

Der Wert der inneren Welt

In der Dokuserie erzählte Kapoor, dass er sich mehr als 30 Jahre mit Psychoanalyse auseinandergesetzt habe. Kapoor wuchs in einer weltoffenen Familie in Indien auf. Seine Mutter, die selbst jüdisch war, schickte ihn und seinen Bruder als Teenager nach Israel.

Die Zeitung »Times« wollte 2022 wissen, ob das traumatisch gewesen sei. Das wisse er nicht, antwortete Kapoor. Es sei sehr verwirrend gewesen. Er habe sein ganzes Leben damit verbracht, darüber verzweifelt zu sein. Er habe damals einen Zusammenbruch erlebt und Beruhigungsmittel genommen, von denen er lange nicht losgekommen sei.

Was er an der Psychoanalyse liebe, sei die Annahme, dass die innere Welt mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger sei als »die sogenannte Welt der Realität«. Und die Aufgabe sei dann, damit zu arbeiten. Genau das passiere auch im Studio.

»Wie kann das sein?«

Ins Studio gehe er jeden Tag, er habe eine Routine, trage jeden Tag die gleiche Kleidung, erzählte er mal der BBC, dann arbeite er und hoffe, dass daraus etwas werde. Bei Kapoor ist daraus oft Großes geworden. Als er vor einigen Jahren in Berlin ausstellte, sprach die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« von »Herrscherporträts der Gegenwart«: Kapoors Werke seien vor allem eines: »teuer und monumental«.

Manche Aktionen sorgten für Kontroversen. Zum Beispiel, als er sich die Exklusivrechte an der künstlerischen Nutzung von Vantablack sicherte, einem tiefschwarzen Material. Oder als er in Frankreich seine als »Vagina der Königin« bekannt gewordene Riesenplastik ausstellte, eine Skulptur aus verrostetem Stahl mit einem riesigen Loch in der Mitte. Manche warfen ihm vor, seine Arbeiten entstellten mit ihrem »sexuellen Charakter« den Ort Versailles.

Kapoor will nach eigenen Worten, dass Menschen eine Umgebung betreten und staunen. »Das ist, wonach ich suche. Dieser Eindruck von: Wie kann das sein?« In Portugal stürzte jedenfalls tatsächlich mal ein Museumsbesucher in ein Kunstwerk des britischen Bildhauers, weil er ein ausgehobenes Loch, das mit schwarzer Farbe versehen war, für eine optische Täuschung hielt.

Hinterfragte Realität

Mit seinen Kunstwerken lässt er Menschen hinterfragen, was Realität eigentlich ist. Auch in seinen Bohnen in Chicago und New York spiegelt sich die Welt verzerrt. Seit der Eröffnung von »Cloud Gate« seien dort wahrscheinlich 500 Millionen Selfies gemacht worden, sagte Kapoor in der Reportage von »Art21« und lachte.

Als er das Werk anfangs geschaffen habe, habe er erst gedacht: »Das ist zu populär, zu einfach.« Aber ihm sei dann aufgefallen, dass damit etwas Interessantes passiere. Wenn man davorstehe, sei das Werk enorm groß. Aber man müsse nur etwas weiter weggehen, und schon sei es das nicht mehr.

Wenn man sich selbst zu einem solchen Objekt in Bezug setze, mache das auch etwas mit dem Geist. »Führt das dann dazu, dass man sich fragt, wie groß man ist, wie klein man ist, wie wichtig man ist oder all die Varianten?«

Jerusalem

Gedenkstätte Yad Vashem verweigerte Selenskyj Rede

Kurz nach Kriegsbeginn in der Ukraine wollte Selenskyj in Yad Vashem sprechen. Aber durfte nicht. Der Gedenkstätten-Vorsitzende nennt nun dafür klare Gründe

 07.01.2026

Venezuela

Kraft für den Neuanfang?

Trotz der spektakulären Festnahme des Diktators Nicolás Maduro durch die USA blickt die jüdische Gemeinde des Landes in eine ungewisse Zukunft

von Michael Thaidigsmann  07.01.2026

Schweiz

Trauer um Alicia, Diana und Charlotte

Bei der Brandkatastrophe im Nobel-Skiort Crans-Montana sind auch drei junge jüdische Frauen ums Leben gekommen

von Nicole Dreyfus  07.01.2026

Irland

Der Jahrhundertmann

Josef »Joe« Veselsky wuchs in der Slowakei auf, kämpfte gegen die Nazis, überlebte die Schoa und führte gleich zwei Tischtennis-Nationalteams an. Jetzt ist er mit 107 Jahren verstorben

von Michael Thaidigsmann  06.01.2026

Blumen und Kerzen sind als Zeichen des Gedenkens an die Opfer nach dem Brand in der Bar und Lounge »Le Constellation« in Crans-Montana.

Schweiz

Drittes jüdisches Mädchen tot

Bei der tödlichen Katastrophe im Nobelskiort Crans-Montana sind drei junge jüdische Frauen ums Leben gekommen

von Nicole Dreyfus  06.01.2026

Venezuela

Ist Nicolás Maduro jüdisch?

Immer wieder erklärte Maduro, sefardische Wurzeln zu haben. Die Geschichte zwischen dem Diktator und den Juden ist komplex

 05.01.2026

Nachruf

Anne Franks Stiefschwester Eva Schloss mit 96 Jahren gestorben

Mit ihrer Mutter überlebt sie Auschwitz – im Gegensatz zu ihrem Bruder und Vater, die dort ermordet werden. König Charles würdigt die Verstorbene

von Imanuel Marcus  05.01.2026

Portugal

Ende einer Rückkehr

Zehn Jahre lang konnten sefardische Juden, deren Vorfahren einst von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden, einen Pass beantragen. Nun soll Schluss sein

von Michael Ludwig  04.01.2026

Basel

Ein alt-neuer jüdischer Raum

Das wiedereröffnete Jüdische Museum Schweiz erstrahlt in frischem Glanz an einem anderen Ort

von Nicole Dreyfus  04.01.2026