Schweiz

»Mit Gottes Hilfe kann es gelingen«

Bei den Parlamentswahlen am 20. Oktober kandidiert in Zürich auch der orthodoxe Wirtschaftsprüfer Anthony Goldstein

von Peter Bollag  16.10.2019 14:27 Uhr

Freisinnig-demokratisch: Anthony Goldstein Foto: privat

Bei den Parlamentswahlen am 20. Oktober kandidiert in Zürich auch der orthodoxe Wirtschaftsprüfer Anthony Goldstein

von Peter Bollag  16.10.2019 14:27 Uhr

Sein Bild ist in diesen Tagen an der Tür des koscheren Supermarkts, aber auch sonst in jüdischen Vierteln Zürichs oft zu sehen: »Anthony Goldstein in den Nationalrat« steht auf den Plakaten, darunter das Emblem der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP). Die schwarze Kippa verweist auf die religiöse Richtung des 70-jährigen Kandidaten. Anthony Goldstein ist Mitglied der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich (IRGZ), wo er 13 Jahre lang im Vorstand saß.

Es kommt äußerst selten vor, dass in Zürich ein orthodoxer Jude für ein öffentliches Amt kandidiert, und in anderen Schweizer Städten ist es fast unvorstellbar.

Freisinnige Partei Anthony Goldstein, der auch Schwyzerdütsch spricht, ist seit fünf Jahren Mitglied der bürgerlichen Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP). Sie stellt in der siebenköpfigen Schweizer Regierung zwei Vertreter. Einer von ihnen ist der als pro-israelisch geltende Außenminister Ignazio Cassis.

Es kommt äußerst selten vor, dass in Zürich ein orthodoxer Jude für ein öffentliches Amt kandidiert, und in anderen Schweizer Städten ist es fast unvorstellbar.

Als die Partei den aus England stammenden Finanzspezialisten und Wirtschaftsprüfer Goldstein vor einigen Monaten fragte, ob er bei den Wahlen am 20. Oktober kandidieren würde, sagte er zu – obwohl er die Schweizer Politik hin und wieder als langweilig empfindet, wie er meint. Amüsiert erzählt er, seine Familie – er und seine Frau haben vier Kinder und 26 Enkelkinder – sagte zu ihm, er solle doch lieber »etwas Jüdisches machen«.

Der im Londoner Stadtteil Golders Green Aufgewachsene engagierte sich schon als junger Mann in England politisch. »Ich war Mitglied bei den Konservativen, wir sind auch damals von Tür zu Tür gegangen und haben um Stimmen geworben.«

Wahlkampf Goldstein findet, man müsse sich politisch engagieren, auch wenn das in orthodoxen Kreisen eher unüblich sei. Das merke er im aktuellen Wahlkampf. »Viele sagen, sie würden mich gern wählen, wüssten aber gar nicht, wie man das macht.«

Auch deshalb steht der Kandidat immer wieder an Wahlkampfständen seiner Partei in Gegenden, in denen viele jüdische Familien wohnen. Am Schabbat ist er allerdings nicht dabei. »Ich habe dem Parteivorstand von Anfang an gesagt, dass ich da nicht mitkomme, das war absolut kein Thema.«

Anthony Goldstein kandidierte vor einigen Jahren bei Kommunalwahlen in Zürich. Er wurde zwar nicht gewählt, erzielte aber ein achtbares Ergebnis.

Ob er diesmal genügend Stimmen bekommt? Eine Wahl im gesamten Kanton Zürich, der in der größeren der beiden Kammern des Schweizer Parlaments, dem Nationalrat, 35 von 200 Sitzen besetzt, wäre eine kleine Sensation. Goldstein hält es nicht für unmöglich: »Mit Gottes Hilfe kann es gelingen.«

Anthony Goldstein sieht der Wahl am 20. Oktober mit Spannung entgegen. Allerdings könnte sich diese Spannung noch in den nächsten Tag hinein ziehen.

Mieten Selbstverständlich bräuchte er dafür mehr als nur die jüdischen Stimmen. Da ist Goldstein aber durchaus gut aufgestellt: Denn er arbeitet auch als Schlichter bei Mietsachen. In Zürich mit seinen in vielen Stadtteilen engen Wohnverhältnissen ist das eine wichtige Tätigkeit. So kommt es, dass ihn auch der Mieterverband, für den er arbeitet, zur Wahl empfiehlt. Und dies als einziger Kandidat der politischen Rechten, denn sonst überlassen die bürgerlichen Parteien dieses Feld fast ausnahmslos der Linken.

Anthony Goldstein sieht der Wahl am 20. Oktober mit Spannung entgegen. Allerdings könnte sich diese Spannung noch in den nächsten Tag hinein ziehen. Denn am Abend des Schweizer Wahlsonntags beginnt der jüdische Feiertag Schemini Azeret. Goldstein wird diesen Abend selbstverständlich in der Synagoge und am Familientisch verbringen. Je nachdem, wie schnell die Stimmen ausgezählt sind, wird er dann möglicherweise noch etwas länger im Ungewissen darüber sein, ob er die Sensation geschafft hat oder nicht.

USA

Eine Frage der Zukunft

Der jüdische Klimaaktivismus gewinnt an Fahrt. Auch in Amerika engagieren sich vor allem die Jungen

von Katja Ridderbusch  23.01.2020

Umfrage

Ahnungslos in Frankreich

Studie der Claims Conference zeigt große Wissenslücken zum Holocaust unter jüngeren Menschen auf

von Michael Thaidigsmann  22.01.2020

Rückblick

Der Weg zum Schoa-Gedenktag

Der 27. Januar ist ein Tag des Innehaltens und Nachdenkens über die Vergangenheit

 21.01.2020

Grossbritannien

Lord Speaker

Die Labour-Partei schlägt vor, den früheren Parlamentschef und Tory-Politiker John Bercow zu adeln

 20.01.2020

Italien

Salvini spricht sich für Jerusalem als Hauptstadt Israels aus

Zugleich fordert der Chef der rechtspopulistischen Lega ein Verbot der antisemitischen BDS-Bewegung

 20.01.2020

Frankreich

»Die Täter sind tabu«

Der Historiker Georges Bensoussan über muslimischen Antisemitismus, Islamismus und Terror

von Karl Pfeifer  18.01.2020

Ägypten

Kiddusch in Alexandria

Berliner Beter besuchen Synagogen und folgen Maimonides’ Spuren. Eine Reportage

von Gerhard Haase-Hindenberg  18.01.2020

Kanada

Brettspiel nach Protesten jüdischer Gruppen zurückgezogen

»Secret Hitler« zählte bei Amazon zu den Bestsellern im Spielwarensegment

von Michael Thaidigsmann  16.01.2020

USA

Vom Stamme der Laguna

Mit Raquel Montoya-Lewis wird erstmals eine indianisch-jüdische Frau Mitglied eines Obersten Gerichts

von Michael Thaidigsmann  16.01.2020