Medien

Michel Friedman ist neuer Herausgeber des »Aufbau«

Mit dem Schreiben die Demokratie verteidigen: Michel Friedman Foto: picture alliance / Presse- und Wirtschaftsdienst

Vor 90 Jahren gründeten Flüchtlinge aus Nazi-Europa in New York ein Nachrichtenblatt namens »Aufbau«. Für die Menschen, die versuchten, im Exil an ihrer deutschen Kultur und Sprache festzuhalten, wurde die Zeitung zu einer kleinen Heimat in Papier und bald zur wichtigsten Informationsquelle und Anlaufstelle für jüdische und andere deutschsprachige Flüchtlinge in den USA.

Die Liste der Autorennamen liest sich wie ein Who is Who der Literaten und Denker des 20. Jahrhunderts, darunter Hannah Arendt, Carl Zuckmayer, Ludwig Marcuse, Lion Feuchtwanger, Alfred Polgar, Gershom Scholem und Thomas Mann. Letzterer saß zeitweise im Herausgebergremium, wie auch Albert Einstein und Stefan Zweig.

Der »Aufbau« gehörte zu den ersten Publikationen, die über die systematische Ermordung der europäischen Juden berichtete, was zu Anfeindungen führte. Nach der Schoa half die Zeitung Überlebenden bei der Suche nach ihren Verwandten. Später wurden Dialog und Aussöhnung zu den treibenden Themen.

Lesen Sie auch

Während die Leserzahlen in den USA abnahmen, weil die jüngeren Generationen immer weniger Deutsch sprachen, nahmen sie in Deutschland wieder zu. Die vor allem aus Spenden finanzierte Zeitung wurde immer wieder totgesagt, seit 1999 wurde in Frankfurt gedruckt, und sogar ein Umzug zurück nach Deutschland war angedacht. Doch im März 2004 wurde »Aufbau« eingestellt.

Die Rettung kam aus der Schweiz. Ende desselben Jahres erwarb die Jüdische Medien AG in Zürich die Verlagsrechte und gab seit Februar 2005 den »Aufbau« als Hochglanz-Monatsmagazin heraus. 20 Jahre später steht nun die nächste Neuerfindung an, mit neuem Layout und neuem Herausgeber.

Der Autor und Journalist Michel Friedman hat viel vor mit dem ehemaligen »Nachrichtenblatt des German-Jewish Club, Inc., New York, N.Y.«. Der neue »Aufbau« sei »eine Melange aus ‚Lettre International‘ und ‚New Yorker‘ «, sagt der 68-Jährige im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Und das in Text und Foto, denn Kunst spiele im neuen »Aufbau« eine große Rolle.

So beginnt die Jubiläumsausgabe, die am 24. Januar erscheint, auch gleich mit Gerhard Richters Bildreihe »Birkenau«, die der Künstler extra für die Zeitung kuratiert habe, »und Sie wissen, was das bedeutet«, so Friedman über den sonst eher sperrigen Maler. Die Texte liefern Autoren wie Ari Folman, Sibylle Berg, Anetta Kahane, Raphael Gross, Thomas Sparr, Monica Strauss, Robert Menasse, Andreas Mink und Doug Chandler.

Ruhe und Qualität

Die auch längeren Artikel sollen »die Pluralität des Denkens widerspiegeln«, so der neue Herausgeber. »Das heute machen zu dürfen, ist ein großes Privileg«, heißt es doch, »sich der Hochgeschwindigkeit der aktuellen Medienwelt« zu entziehen, ohne dabei an Aktualität zu verlieren. »Aufbau« setze »auf die Ruhe und damit auf die Qualität des Denkens«.

»Der ‚Aufbau‘ ist per Definition und mit seiner Geschichte ein Exil.«

Michel friedman

Auf die Frage, was ihn zum »Aufbau« gezogen habe, antwortet Friedman mit dem Auslöser für dessen Gründung: das Exil. »Die Flucht ist die ewige Frage der Menschheit. Menschen sind immer in Bewegung.« Aber dazu gebe es zu wenige Stimmen. »Diese Zeitschrift ist eine moderne, aufgeklärte, den Menschenrechten verpflichtete, liberale, auch das Judentum repräsentierende Stimme. Der ‚Aufbau‘ ist per Definition und mit seiner Geschichte ein solcher Ort, ein Exil. Eben auch weil er nicht nur jüdische Stimmen, sondern auch nichtjüdische in ihrer Pluralität repräsentiert.«

Der »Aufbau« wolle Grenzen überwinden, Perspektiven und Kulturen vermitteln, Themen von verschiedenen Seiten beleuchten, zeigen, dass es nicht die eine einzige Wahrheit gibt, sondern dass diese nur in der Vielfalt der Betrachtung möglich ist.

Motivierung eines jungen Publikums

Dann wird Friedman sehr ernst: »Ich glaube, wir haben ein sehr kurzes Zeitfenster, in dem wir die aufgeklärte Moderne, die der Menschlichkeit verpflichtete Demokratie, noch schützen können. Ich glaube, dass wir eine Zerbröselung von demokratischen Staaten erleben, wo Rechtsstaatsprinzipien und Minderheitenrechte zunehmend in Gefahr sind. Menschliches Leben, jüdisches Leben ist nur möglich, wenn die Menschlichkeit a priori gilt. Hannah Arendt hat die Menschenrechte als das Recht, Rechte zu haben, definiert. Es ist Bürgerrecht, dass kein Mensch mehr das Recht hat, mir mein Menschsein abzusprechen. Dieses höchste Gut der Moderne, das kaum Verwurzelung im historischen Gedächtnis der Menschheit hat, ist unter dem größten Druck, seit es diese Moderne gibt. Wir alle müssen es mit allem schützen, und vor allem jüngere Menschen dazu motivieren und mobilisieren, sich für diese wunderbare Idee starkzumachen.« Dazu solle der »Aufbau« beitragen.

Aber wie will diese Großmutter einer Zeitung ein junges Publikum erreichen? »Mit Partizipation«, sagt Friedman. Die Redaktion sei zwar klein, aber jung. Es solle Austausch geben mit den Lesern, die vor allem online unterwegs sind. Und in den kommenden Jahren werde »Aufbau« im Netz sicher auch auf Englisch publizieren.

Offensichtlich hört er das Stirnrunzeln und sagt: »Ja, Denken ist anstrengend und kompliziert. Aber wenn man es übt und wenn man sich eine Kondition erarbeitet hat, dann ist Denken etwas ganz Großartiges! Ich bin überzeugt davon, dass es neben Trash-TV- und TikTok-Fans auch sehr viele junge Menschen gibt, die sich nach Qualität sehnen. Auch denen stehen wir mit ‚Aufbau‘ zur Verfügung.«

Großbritannien

Brandanschlag in London: Untersuchungshaft für Verdächtige

Mehrere Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Golders Green werden in Brand gesetzt. Vor Gericht erschienen nun drei Verdächtige

 04.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  04.04.2026

USA

So wild wie Doja Cat

Sie ist der einzige weibliche jüdische R&B-Superstar – und eine der erfolgreichsten Rapperinnen unserer Zeit

von Sarah Thalia Pines  04.04.2026

London

Jüdische Londoner fühlen sich von Aktivisten eingeschüchtert

Rund 40 Personen seien in ein jüdisch geprägtes Wohngebiet gezogen, hätten Parolen wie »Völkermord« skandiert und gefordert, der Staat Israel müsse verschwinden, sagen Augenzeugen

 01.04.2026

Nepal

Sederabend auf Rekordniveau

Wie Kathmandu zur Bühne einer der größten Pessachfeiern der Welt wurde

von Matthias Messmer  31.03.2026

Winnipeg

Jüdischer Anti-Zionist wird Chef der sozialdemokratischen NDP

Avi Lewis delegitimiere einen wesentlichen Teil jüdischer Identität, sagen jüdische Organisationen in Kanada

 31.03.2026

Österreich

Hamas-Narrative im ORF?

Für die Österreichische Medienbehörde ist klar, dass der ORF den Krieg im Gazastreifen in einer ausgestrahlten TV-Dokumentation verzerrt hat

von Nicole Dreyfus  30.03.2026

Porträt

Challa vom Prinzen

Idan Chabasov wurde mit seinen kunstvollen Zopfkreationen auf Instagram berühmt. Sein simples Rezept: Mehl, Wasser, Hefe und Verbundenheit zur jüdischen Gemeinschaft. Seine ersten Challot hat er in Berlin gebacken

von Nicole Dreyfus  29.03.2026

Gesa Ederberg

»Globaler und vielfältiger«

Die Berliner Rabbinerin über ihre neue Präsidentschaft der »Rabbinical Assembly«, amerikanische Kollegen und europäischen Elan

von Mascha Malburg  29.03.2026