Polen

Mehr als nur PR?

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Noch im vergangenen September hatte Elon Musk einen Besuch im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz abgelehnt. Er sei sich doch der schrecklichen Dinge, die dort passiert seien, seit Langem bewusst und brauche keinen Anschauungsunterricht, hatte Musk erwidert, als Rabbiner Menachem Margolin, Vorsitzender der European Jewish Association (EJA), den schillernden Geschäftsmann und Eigentümer von X (ehemals Twitter) bei einer Online-Diskussion Ende September vergangenen Jahres aufgefordert hatte, im Januar als Teil des Leadersʼ Forum der EJA das ehemalige Todeslager zu besuchen. Doch Musk lenkte umgehend ein und sagte: »Betrachten Sie es als ein vorläufiges Ja.«

Am Montag wurde aus dem vorläufigen Ja ein endgültiges: Musk kam tatsächlich zum ersten Mal nach Auschwitz. Mit seinem dreijährigen Sohn X Æ A-12 auf den Schultern lief er durch die Gedenkstätte, posierte für die Fotografen unter dem Eingangstor zum Stammlager und entzündete in Birkenau eine Kerze zum Andenken an die in Auschwitz ermordeten Juden. Begleitet wurde Musk vom Schoa-Überlebenden Gidon Lev, dem konservativen US-Journalisten Ben Shapiro sowie von Rabbiner Margolin.

Einige Teilnehmer des Symposiums rümpften nach dem Auftritt Musks die Nase und waren froh, als er wieder weg war.

Die zahlreichen Journalisten, die seinetwegen gekommen waren, hatte Musk jedoch überlistet, indem er 24 Stunden früher gekommen war als angekündigt. Der reichste Mann der Welt hielt aber Wort und kam im Anschluss nach Krakau, wo die EJA im Vorfeld des internationalen Holocaust-Gedenktags mit zahlreichen ehemaligen Staats- und Regierungschefs (darunter Israels Ex-Präsident Reuven Rivlin) eine Tagung abhielt. Im Tagungshotel warteten denn auch Dutzende Journalisten auf Musks Auftritt.

Bohrenden Fragen musste er sich allerdings nicht stellen, denn er hatte seinen Interviewer gleich selbst mitgebracht: Moderator des 45-minütigen Panels war kein anderer als Ben Shapiro. Und der wirkte stellenweise mehr wie ein Stichwortgeber denn wie ein kritischer Journalist, sodass ihm Musk nur noch zustimmen musste.

Ob der 52-Jährige einfach nur müde war oder noch unter dem Eindruck seines Auschwitz-Besuchs stand, war nicht klar. Jedenfalls redete Musk sehr leise, schien jedes Wort abzuwägen. Der einstige »Chief Twit«, der den alten Namen Twitter zur Verwirrung vieler durch den Buchstaben »X« ersetzte und sich dort mittlerweile als »Chief Troll Officer« bezeichnet, antwortete nur vorsichtig. Dabei wurde er nicht müde zu betonen, wie jüdisch er sich fühle. Er habe mehr jüdische als nichtjüdische Freunde, in seiner Familie bekomme er keinen Judenhass mit, so Musk.

Über Fake News und den Umgang damit sagte Elon Musk nichts.

Die älteren seiner elf Kinder seien ja sehr belesen, auch in Geschichte. Allenfalls bei seinen Neffen begegne ihm ab und an Antisemitismus, so Musk. Die hätten zum Beispiel Verschwörungstheorien rund um 9/11 geäußert.

Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober habe ihn schockiert, auch der Hass, der sich im Zuge dessen im Internet manifestiert habe. Die Videos der Hamas-Terroristen habe er sich angesehen, die hätten keinerlei Gnade gezeigt. Die israelische Armee habe keine Wahl, sie müsse Gaza von der Terrortruppe befreien. Für die palästinenserfreundliche Stimmung in vielen Medien und auch an Elite-Universitäten in den USA zeigte Musk kein Verständnis. »Nur, weil du auf der Seite der Schwächeren stehst, bist du noch lange nicht im Recht.«

Der gebürtige Südafrikaner, der seit Langem in den USA lebt, fuhr fort: »Ich habe in Südafrika eine jüdische Vorschule besucht. Mit 13 bin ich nach Israel gereist, habe Masada besucht. Ich habe eine Menge Sachen gemacht, die man so tun muss. Manchmal frage ich mich: ›Bin ich jüdisch?‹« Musks mehrfache Beteuerung, er sei »aspirationally Jewish« (zu Deutsch in etwa: ein Möchtegernjude) klang stellenweise doch sehr bemüht.

Journalisten-Fragen musste Musk nicht fürchten. Er hatte seinen Interviewer mitgebracht.

Vor Kurzem hatte der Unternehmer erneut Israel besucht. Diesmal fuhr er aber nicht nach Masada, sondern gemeinsam mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu an den Ort eines anderen Massakers, einen von Hamas-Terroristen am 7. Oktober überfallenen Kibbuz.

Dass die Social-Media-Plattform X seit seiner Übernahme Ende 2022 zu einem Superspreader für Antisemitismus geworden sei, wie einige jüdische Organisationen behaupten, bestritt Musk in Krakau energisch. Das Gegenteil sei der Fall. »Wir haben vergleichsweise wenig Antisemitismus auf X, am wenigsten von allen Plattformen«, beteuerte er. Auf TikTok sei der Judenhass viel schlimmer.

Spätestens hier hätte Shapiro nachhaken müssen, tat er aber nicht. Zuvor schon hatte Musk zweifelhafte Dinge behauptet. So sagte er, Ziel von X sei, »das unerbittliche Streben nach der Wahrheit und das Zulassen von allen Meinungen zu ermöglichen, soweit sie nicht gegen das Gesetz verstoßen«.

Über Fake News sagte er nichts. Seine Plattform versteht Musk als Zeichen des zivilisatorischen Fortschritts und als einen Gewinn für die Demokratie. Anstelle von Chefredakteuren, die bestimmten, was veröffentlicht werde und was nicht, könnten nun viel mehr Menschen ihre Meinung öffentlich äußern, was natürlich Journalisten nicht gefalle, weil sie dadurch Macht und Einfluss verlören. »Wollen wir, dass nur eine Handvoll Leute entscheidet? Oder sollte es nicht so sein, dass das Volk entscheidet, was wichtig ist?« Da klang Musk fast ein wenig wie Donald Trump.

Und dann stellte er noch eine steile These auf: Die freie Meinungsäußerung und die Suche nach der Wahrheit seien ein guter Weg, um den Hass in der Welt zu besiegen oder wenigstens zu minimieren. Wie genau das funktionieren soll, verriet er nicht. Dass aber an Universitäten und in der Gesellschaft überhaupt einiges schieflaufe, dessen war sich Musk sicher. Und auch die Woke-Bewegung bekam noch einen mit. »Wir sollten uns immer vor Namen hüten, die so klingen, als könnten sie aus einem George-Orwell-Buch stammen. Diversität, Fairness, Inklusion: Das klingt alles schön. Es bedeutet aber in Wirklichkeit Diskriminierung.«

Fragen von anwesenden Journalisten wurden entgegen vorheriger Ansage nicht zugelassen, Musk verließ schnellen Schrittes die Bühne und das Hotel. Dass er überhaupt zu dem Event gekommen war, konnte die in Brüssel ansässige EJA als Erfolg verbuchen. Denn eigentlich sind solche Podien nicht nach Musks Geschmack. Der provoziert lieber auf X, wo ihm fast 170 Millionen Menschen folgen, als sich kritischen Nachfragen zu stellen. In Krakau betonte er, dass er alle Posts selbst schreibe und riet Politikern, es ihm nachzutun – auch, wenn man ab und an mal danebengreife. Das gehöre dazu, so Musk.

Einige Teilnehmer des Symposiums rümpften nach dem Auftritt Musks die Nase und waren froh, als er wieder weg war. Andere sahen seinen Besuch in Auschwitz als starkes Zeichen der Solidarität.

Nicht nur für Elon Musk, auch für den 88-jährigen Gidon Lev war es der erste Besuch in Auschwitz-Birkenau. Beim Abendessen erzählte er den Anwesenden seine Lebensgeschichte und davon, wie er mit seinen Eltern vor mehr als 80 Jahren ins Ghetto Theresienstadt deportiert worden war. Levs Vater starb in Birkenau, am 17. Januar 1945, nur zehn Tage vor der Befreiung des Lagers durch sowjetische Truppen. »Es war mein erster Besuch hier in Polen und wird auch mein letzter sein. Für mich ist dieser Ort der Grabplatz meiner Familienangehörigen.«

Ob der Auschwitz-Besuch etwas bei Elon Musk ausgelöst hat, war zunächst nicht klar. Er müsse das erst einmal sacken lassen, sagte der Unternehmer. Seine Kritiker hat er offensichtlich nicht überzeugt. »Während @elonmusk in #Auschwitz ist, um seine antisemitischen Ausbrüche und die Jauchegrube des antijüdischen Hasses hier auf X zu beschönigen, retweetet er den Account (eines Users), welcher gesagt hat: ›Wenigstens war Hitler kompetent‹«, schrieb Alina Bricman, Geschäftsführerin, von Bʼnai Bʼrith International in Brüssel, nur Stunden später auf X.

Noch hat Musk nicht alle Juden für sich eingenommen.

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