Belfast

Mazze trotz Brexit

Blick auf das Zentrum der nordirischen Hauptstadt Belfast Foto: Getty Images


Die meisten Menschen planen Pessach erst dann, wenn Purim vorbei ist. Michael Black, seit vielen Jahren eines der Vorstandsmitglieder der kleinen jüdischen Gemeinde in Nordirlands Hauptstadt Belfast, musste diesmal jedoch viel früher mit der Planung beginnen. »Ende Dezember, als verschiedene Leute anfingen, über Probleme bei der Einfuhr von Waren aus Großbritannien zu sprechen, fing ich an, mir Sorgen um Pessach zu machen«, erzählt der 71-Jährige per Zoomschaltung direkt aus seinem Esszimmer.

Wegen des Brexits und des Nordirlandprotokolls, Teil des Abkommens zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich, gelten für Lebensmittel und Warenlieferungen zwischen Großbritannien und Nordirland Kontrollen. Auf diese Weise soll laut der EU der europäische Binnenmarkt vor Einfuhrmissbrauch und der Gefahr falsch deklarierter Produkte geschützt werden. Nordirland gehört weiterhin zum europäischen Binnenmarkt – und ist gleichzeitig Teil des Vereinigten Königreichs.

Manchester Bisher hatte die 65 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde ihre koscheren Produkte alle acht bis zehn Wochen über einen jüdischen Metzger in Manchester bezogen. Dieser beauftragte ein Speditionsunternehmen, das für andere Lieferungen ohnehin nach Nordirland fuhr und die koscheren Waren nach Belfast mitnahm. Über einen jüdischen Supermarkt in Manchester versorgte der Metzger die nordirischen Juden auch mit anderem, etwa Mazzot.

Unruhig rief Black im Januar den Metzger an und sprach auch mit dem Spediteur. Der teilte ihm mit, dass die Kontrollen an der Grenze kein Problem darstellen sollten. Als jedoch die nächste Lieferung heranrückte, schwand der Optimismus. Zwar lief das eine Mal noch alles gut – über einen komplizierten Weg musste der Metzger sämtliche Waren an den Spediteur verkaufen, der sie dann an die Gemeinde in Belfast weiterverkaufte –, doch in Zukunft seien Lieferungen wegen der komplexen Codes und Zertifikate, die inzwischen notwendig seien, nicht mehr möglich.

Warenlieferungen aus England sind inzwischen zu kompliziert geworden.

Black und die jüdische Gemeinde standen vor einem Dilemma. Ist Pessach in Belfast gefährdet, ja, wird es in Zukunft überhaupt noch möglich sein, koschere Waren nach Nordirland zu bringen? »Meiner Meinung nach gehört es zur Religionsfreiheit, dass eine Gemeinde Waren, die für sie notwendig sind, auch beziehen können muss«, sagt Black.

herausforderungen Also fragte er beim britischen Landwirtschaftsministerium an, das für die Ein- und Ausfuhr von Tierprodukten zuständig ist, sowie beim britischen Finanzamt. Beide sahen keine Möglichkeit, ihm zu helfen. Black glaubt, dies liege auch daran, dass das Problem seiner Gemeinde nur ein recht kleines unter den vielen Brexit-Herausforderungen ist.

Mit den britischen Behörden vertraut, versuchte als Nächstes der Gemeinde­rabbiner sein Glück über seine Kontakte. Als er an einer Sitzung des Regierungsausschusses der Religionsgemeinschaften Nordirlands teilnahm, machte er auf die Probleme aufmerksam. Daraufhin stellten Abgeordnete den Kontakt zwischen ihm und dem Chef der obersten veterinärmedizinischen Behörde Nordirlands her. Dieser ist mitspracheberechtigt, wenn es um die Einfuhr von Tierprodukten aus Großbritannien geht.

Sowohl dieser als auch andere versprachen, der Gemeinde zu helfen. Darüber hi­naus sprach Black mit dem britischen Oberrabbiner und der jüdischen Dachorganisation, dem Board of Deputies. Doch all dies blieb ohne Erfolg. »Alles verlief irgendwo im Sande, und wir hörten nichts mehr.«

Binnenmarkt Pessach rückte näher, und Michael Black suchte immer verzweifelter nach neuen Möglichkeiten. Da Nordirland nach wie vor auch Teil des europäischen Binnenmarkts ist, schaute er schließlich über die weiterhin offene Grenze nach Irland.

In der Hauptstadt Dublin gibt es, das wusste Black, einen Supermarkt, der koschere Produkte führt. Auf Anfrage erfuhr er jedoch, dass der Supermarkt dieselben Probleme hat wie die jüdische Gemeinde in Belfast und man den Import koscherer Produkte aus Großbritannien inzwischen eingestellt hat.

In Gesprächen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Dublin stieß Black dann auf einen möglichen Ausweg: Die dortigen Juden hatten mit einem koscheren Supermarkt in Antwerpen Kontakt aufgenommen, der bereit ist, regelmäßig Koscheres nach Irland zu liefern.

Demnächst soll in Dublin ein kleiner koscherer Laden eröffnet werden, der die Produkte verkauft und lagert.

Demnächst soll in Dublin ein kleiner koscherer Laden eröffnet werden, der die Produkte verkauft und lagert. Durch die Vermittlung der jüdischen Gemeinde in Dublin kann nun auch die kleine Belfaster Gemeinde ihre Waren direkt in Antwerpen bestellen. Sie werden dann nach Dublin geliefert und dort so lange zwischengelagert, bis Black sie abholt.

Lockdown »Hin und zurück ist das ist für mich eine Autofahrt von vier Stunden«, sagt Black. Der einzige Haken daran sei derzeit, dass die Fahrt wegen der Corona-Pandemie als essenziell deklariert werden müsse – denn gemäß den nord­irischen Lockdown-Bestimmungen darf man sich nicht mehr als fünf Kilometer von seinem Wohnort entfernen. »Sollte ich angehalten werden, dann hoffe ich, dass die Behörden verstehen: Pessach zu retten, ist für unsere Gemeinde eine absolute Notwendigkeit!«

Trotz aller Freude darüber, dass Pessach in Belfast nun gefeiert werden kann, werde dieses Jahr doch wieder etwas fehlen, gesteht Black. »Letztes Jahr war unsere Synagoge wegen der Pandemie nur zweimal offen, an Rosch Haschana und Jom Kippur, und auch das nur mit sozialer Distanz. Und wie schon 2020 wird die Synagoge auch an diesem Pessachfest zubleiben müssen.«

Doch Black hofft, dass es möglich sein wird, mit der Familie zusammenzukommen. Er hat zwei erwachsene Kinder sowie mehrere Enkel und wünsche sich einen Seder mit allen, sagt er, bevor er philosophisch wird.

»Ich frage mich die ganze Zeit, ob all dies irgendwie mit der Geschichte des Exodus zusammenhängt.« Doch derartige Interpretationen überlasse er lieber dem Rabbiner, sagt er und winkt ab. Das Wichtigste sei: Für dieses Jahr ist Pessach gerettet.

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