Ungarn

»Man muss sich nützlich machen«

In seiner Praxis in Budapest: István Körmendi Foto: György Polgar


Wenn man in Budapest die Praxis von Dr. István Körmendi betritt, dann gleicht dies einer kleinen Zeitreise. Auf antiken Möbelstücken stehen Computer und medizinische Geräte, an der Wand hängen alte Porträts. Hier empfängt der wahrscheinlich älteste praktizierende Arzt der Welt seine Patienten.

Körmendi, Jahrgang 1923, sitzt hinter einem schweren Schreibtisch, den er von seinem Vater geerbt hat, und erzählt. Seine Gedanken sind präzise, die Bewegungen frisch. »Die moderne Medizin ist ein wahres Wunder!«, sagt er begeistert. »Unsere Arzneimittel vor 60 Jahren waren absolut primitiv, und vom Ultraschallapparat oder Computertomograf waren wir Lichtjahre entfernt. Es ist genial, wozu die Medizintechnik heute alles in der Lage ist!«

geräte Doch dürfe die Beziehung zwischen Arzt und Patient dadurch nicht leiden. Er finde diese Geräte großartig, benutzt sie aber nur zur Bestätigung eines Verdachts: »Auch früher haben wir diagnostiziert. Wir hatten unsere Augen, Hände und dachten nach.«

Auch Corona hält ihn nicht davon ab, weiter zu arbeiten.

Diese Sichtweise könnte einer der Gründe sein, warum sich seine rund 300 Patienten keinesfalls einen anderen Arzt suchen würden. Einige hat er schon als Jugendliche behandelt – heute sind sie Großeltern.

István Körmendi hat sich nie vorstellen können, etwas anderes zu werden als Mediziner. Schon sein Vater war Hausarzt und sprach sogar beim Abendbrot über Krankheiten. Oft begleitete der Sohn seinen Vater, wenn dieser nachts zu Patienten gerufen wurde.

gaststudenten Doch Anfang der 40er-Jahre durften Juden nicht studieren. So habe er sich das Wissen stehlen müssen, sagt Körmendi. Es gelang ihm, sich ein Belegbuch für Gaststudenten zu beschaffen, und er fing an, illegal zur Uni zu gehen. Im fünften Semester aber flog er wegen eines antisemitischen Professors auf, und man nahm ihm das Büchlein ab. Doch er hatte Glück im Unglück, denn der Dekan war bereit, auf seine Bitte hin das Belegbuch nicht zu vernichten. Vielleicht würden irgendwann wieder bessere Zeiten anbrechen.

Eines Tages wurde István Körmendi zum Arbeitsdienst einberufen, was oft einem Todesurteil gleichkam. Glücklicherweise traf er dort auf einen Offizier, der kein Judenhasser, sondern korrupt war. Ihn konnte man mit Geld bei Laune halten.

Als Körmendi hörte, dass die Budapester Juden verschleppt werden würden, plante er zu fliehen – und hatte Glück, denn es gelang ihm noch rechtzeitig. Auch seine Eltern und seine Braut konnte er warnen. In den folgenden Monaten hielten sie sich in verschiedenen Wohnungen vor den Pfeilkreuzlern, den ungarischen Nazis, versteckt.

ss-mann Selbst in dieser schwierigen Zeit versuchten Körmendi und sein Vater, kranken Menschen zu helfen, mit den spärlichen Mitteln, die sie hatten. Eines Tages kam ihnen ein fliehender, schwer verwundeter SS-Mann entgegen und bettelte um Hilfe. »Am liebsten hätte ich ihn gefragt, ob er mich, wenn wir uns unter anderen Umständen begegnet wären, erschossen hätte«, sagt Körmendi. Doch sie sahen in ihm letztendlich nur den Verletzten, der dringend versorgt werden musste – bis plötzlich ein russischer Soldat neben ihnen stand und sie zur Rede stellte.

Vergebens versuchten Vater und Sohn, ihm zu erklären, dass der Deutsche sowieso bald sterben würde. Der zornige Rotarmist brüllte sie an, schrie etwas von Stalingrad, richtete die Waffe auf den SS-Mann – und drückte ab.

Anfang der 40er-Jahre durften Juden nicht studieren. So habe er sich das Wissen stehlen müssen, sagt Körmendi.

Nach dem Krieg konnte Körmendi sein Studium fortsetzen und übernahm 1957 die Hausarztpraxis seines Vaters. Als er in den 80er-Jahren das Rentenalter erreicht hatte, merkte er, dass er weiterhin Spaß an der Arbeit hatte und sich fit fühlte, und so entschloss er sich weiterzumachen.

Davon hält ihn auch nicht die Corona-Pandemie ab, obwohl er wegen seines Alters zu den Gefährdeten zählt. »Auch früher gab es Seuchen«, sagt er und winkt ab, »wir Ärzte sind für die Patienten da.« Die Corona-Impfstoffe hält er für eine riesige Errungenschaft und lobt, dass sie so schnell entwickelt wurden. Die Impf­skeptiker seien Dummköpfe, schimpft er, die selbst ernannten »Fachleuten« im Internet mehr Glauben schenken als der Wissenschaft.

Von der Orbán-Regierung hält Körmendi nicht viel: »Die behaupten, Christen zu sein, und lassen gerade die Hilfsbedürftigen im Stich!« Und so hat er kürzlich eine Auszeichnung genauso abgelehnt wie ein Interview in einem regierungsnahen Fernsehsender.

KREATIVITÄT Was viele Patienten an Körmendi besonders schätzen, ist seine Kreativität. Eines Abends rief eine Frau an: Sie habe den ganzen Tag ein komisches Gefühl im Brustkorb. Da wegen des Lockdowns Arztbesuche eingeschränkt waren, durfte sie nicht in die Praxis. Körmendi überlegte und bat sie, ihr Smartphone an ihr Herz zu halten. »Es klang nach Kammerflimmern. Sie musste sofort in die Klinik! Also schrieb ich eine Einweisung, scannte diese ein und schickte sie ihr zu. Später rief der Ehemann an. Ich hatte recht.« Man nahm sie sofort in Behandlung, und womöglich wurde damit ihr Leben gerettet.

Viele haben sich nach der Schoa, weil sie sich von Gott verlassen fühlten, vom Judentum abgewandt. Nicht so der heute 98-Jährige. Je mehr er in der kommunistischen Zeit angefeindet wurde, umso mehr wollte er zu seinen Wurzeln stehen. Observant ist er nicht, für ihn sei das Judentum eher eine ganz alte Kultur und Tradition. So könne er sich nichts Schöneres vorstellen als die Atmosphäre des Seders.

Wer ihn fragt, wie lange er noch arbeiten möchte, dem antwortet er: »Das Leben macht nur dann Sinn, wenn man nützlich sein kann. Aber klar, irgendwann ist auch bei mir Schluss.«

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