Kino

Liebe in Zeiten der Schoa

Er sei in der russischen Literatur zu Hause gewesen, sagt der deutsche Aristokratenspross Helmut. Über Tschechow habe er promovieren wollen. Dann aber sei er einen ganz anderen, fatalen Weg gegangen.

In Andrej Kontschalowskis Film, der im Jahr 1942 in Frankreich einsetzt, schließt sich Helmut der SS an und wird zum Überzeugungstäter. Rückblickend stellt er fest: »Wir bauten eine vollkommen neue Welt – ein Paradies auf Erden.« Dieses Paradies sei aber ohne Hölle nicht denkbar, bilanziert der zynische KZ-Kommandant Krause. »Und diese Hölle habe ich geschaffen.«

Qualen Also noch ein Film über die Nazizeit, Kollaboration, die Qualen der Opfer und die Psychopathologie der Täter. Kontschalowski stellt darin drei Menschen ins Zentrum, deren Lebenslinien sich kreuzen. Christian Clauß ist der von Übermenschenfantasien erfüllte, gleichzeitig tschechowhaft gebrochene SS-Mann Helmut. Philippe Duquesne spielt Jules, einen sympathisch erscheinenden französischen Kollaborateur; er repräsentiert die Banalität des Bösen.

Olga (Julia Vysotskaya) ist eine glamouröse russische Aristokratin. Sie wird beschuldigt, zwei jüdische Kinder in ihrer Wohnung versteckt zu haben. Jules, der sie verhört, droht der »animalischen Kraft« der Frau zu erliegen. Sie macht ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen will, doch der Plan scheitert. Wie sich herausstellt, kennt Helmut diese Olga. Er hat sich einst in Italien in sie verliebt und trifft sie nun im KZ wieder.

Die drei Hauptfiguren erscheinen immer wieder wie die Protagonisten eines Dokumentarfilms – oder wie in einem Verhörraum. Erst allmählich begreift der Zuschauer, was ihm hier präsentiert wird. Die Bilder ruckeln und bleichen manchmal aus, als stammten sie wirklich aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Figuren erzählen ihre Geschichten, die die Kamera dann in bewegte, gelegentlich gemäldehaft arrangierte Bilder übersetzt. Ein Besuch von Helmut bei Heinrich Himmler entfaltet so im raffiniert ausgeleuchteten SS-Quartier mit Hitlerbüste eine morbid-diabolische Szenerie, die man im Kino so noch nicht gesehen hat.

Im vergangenen Jahr wurde Paradies in Venedig für die beste Regie ausgezeichnet. Zu Recht: Die Stärke des Films setzt sich zusammen aus einer kunstvollen, kammerspielhaften Dramaturgie, einer suggestiven Bildsprache, surrealen Elementen und nicht zuletzt großer Schauspielkunst.

»Paradies« (Russland/Deutschland 2016, 132 Minuten). Regie: Andrej Kontschalowski. Ab 27. Juli in den deutschen Kinos

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026

Irak

»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

von Elizabeth Tsurkov  20.03.2026 Aktualisiert

New York

Zohran Mamdani missbraucht St. Patrick’s Day für Anklage gegen Israel

Elisha Wiesel wirft dem Bürgermeister vor, an dem irischen Feiertag »eine bösartige Ritualmordlegende gegen Juden« verbreitet zu haben, indem er behauptete, sie hätten in Gaza einen »Genozid« begangen

 19.03.2026

Interview

»Die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen ist seit dem 7. Oktober gesunken«

Die 11. Ausgabe des jüdischen Filmfestival Yesh! will das Judentum in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit zeigen

von Nicole Dreyfus  18.03.2026

Karin Prien

»Meine Großmutter war für die Nazis genau so eine Frau«

Die Bildungsministerin begegnet beim Besuch des Holocaust-Museums in Washington der Erinnerung an ihre eigene Familie. Und sie zieht Schlüsse für ihre heutige Aufgabe

 15.03.2026

Rotterdam

Brandanschlag auf Synagoge: Vier Personen festgenommen

Die niederländische Polizei hat am Freitag vier Personen im Zusammenhang mit dem Brandanschlag auf eine Synagoge festgenommen

 14.03.2026

Amsterdam

Explosion an jüdischer Schule

Nach einem nächtlichen Angriff auf eine jüdische Schule betonen Stadt und Regierung: Antisemitismus darf keinen Platz haben. Die Überwachung jüdischer Einrichtungen bleibt verstärkt

 14.03.2026

Rotterdam

Wieder Brandanschlag auf Synagoge - diesmal in Holland

Erneuter Terrorakt gegen die jüdische Gemeinschaft: Am Freitagmorgen wurde am Eingang des Gotteshauses der jüdischen Gemeinde Rotterdam ein Feuer gelegt

 13.03.2026

Michigan

Anschlag auf Synagoge: »Gezielter Gewaltakt gegen die jüdische Gemeinschaft«

Der Täter fährt mit einem Fahrzeug in die Synagoge »Temple Israel«. Dort wird er erschossen, bevor er Gemeindemitglieder ermorden kann

 13.03.2026