Porträt

Letzter Jude Afghanistans will in Kabul bleiben

Lebte seit Langem allein in der ehemaligen Synagoge Kabuls: Zebulon Simantov (2014) Foto: imago/ZUMA Press

Zebulon Simantov (62), mutmaßlich letzter in Afghanistan lebender Jude, will auch nach der erneuten Machtübernahme der Taliban in Kabul bleiben. »Ich werde meine Heimat nicht verlassen. Wenn ich gegangen wäre, gäbe es niemanden, um die Synagoge zu unterhalten«, sagte er am Mittwoch in einem Interview des indischen Senders »Wion«.

Simantov hatte im vergangenen März angekündigt, Afghanistan nach den hohen jüdischen Feiertagen im September verlassen zu wollen. Jetzt habe er die Möglichkeit gehabt, in die USA auszureisen, habe jedoch darauf verzichtet, so Simantov in dem Interview.

In der Vergangenheit hätten die Taliban versucht, ihn zur Konversion zum Islam zu zwingen und vier Mal in Haft genommen, so Simantov, dessen gegenwärtiger Aufenthaltsort laut Berichten unbekannt ist. Der 62-jährige Diamanten- und Teppichhändler wurde in der afghanischen Stadt Herat geboren und lebte die längste Zeit seines Lebens in Kabul.

GET Simantovs Ehefrau, eine tadschikische Jüdin, sowie beide Töchter leben seit 1998 in Israel. In einem Interview von 2007 hatte er eine Ausreise nach Israel für sich ausgeschlossen. Israelischen Medienberichten zufolge verweigert er seiner Frau seit mehr als 20 Jahren den Scheidebrief (Get). Der Halacha zufolge ist ein solcher Get für die Frau notwendig, um erneut heiraten zu können.

In den vergangenen Jahren haben mehrere Rabbiner versucht, in dem Fall zu vermitteln, doch Simantov lehnte es immer ab, sie zu treffen.

In Israel droht Männern, die sich weigern, ihren Frauen den Scheidebrief zu geben, eine Gefängnisstrafe. Israelische Medien mutmaßten in den vergangenen Tagen, Simantov lehne die Ausreise aus Afghanistan ab, weil er sich nicht mit seiner Scheidung auseinandersetzen wolle.

TALIBAN Ein Sprecher der Taliban, Suhail Shaheen, erklärte laut Bericht der Zeitung »Times of Israel« im katarischen Doha gegenüber dem israelischen Sender »Kan« (Dienstag), Simantov drohe keine Gefahr. Man werde keinen Minderheiten Schaden zufügen, sie könnten ihre Religion ausüben. Nach Einschätzung von fast allen Experten sind Aussagen wie diese von den Taliban alles andere als belastbar.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten nach Schätzungen rund 40.000 Juden in Afghanistan, deren Geschichte 2000 Jahre zurückreicht. Mit der Gründung Israels im Jahr 1948 verließen die meisten von ihnen das Land. Fast alle der verbliebenen rund 300 Juden emigrierten mit der Sowjetischen Intervention in Afghanistan 1979. kna/ja

Bergen-Belsen

Holocaust-Überlebender Tomi Reichental gestorben

In Irland gehörte er zu den prominentesten Zeitzeugen des Holocaust. Tomi Reichental überlebte als Kind das KZ Bergen-Belsen. Jetzt ist er gestorben

von Karen Miether  01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026

Erinnerung

Jugendliche im Anne Frank Haus in Amsterdam - Ein Besuch

Rund eine halbe Million Jugendliche aus aller Welt besuchen jährlich das Anne Frank Haus in Amsterdam. Was denken sie, wenn sie das Versteck sehen? Und was ist ihr Eindruck vom vielleicht bekanntesten Tagebuch der Welt?

von Nina Schmedding  01.06.2026

Nachruf

Edgar Morin gestorben: Stimme des kritischen Denkens verstummt

Der französische Philosoph, Soziologe und Publizist wurde 104 Jahre alt

 01.06.2026

Kulinarisch

Ein Michelin-Stern für die Safta

Tränen, Konfetti und ein Stück Geschichte: Das Restaurant »Mutra« des Israelis Raz Shabtai erhält als erstes koscheres Lokal weltweit die legendäre Auszeichnung

von Sabine Brandes  31.05.2026

Barcelona

Kein Saunazutritt mit Davidstern?

Zwei Jüdinnen soll der Zutritt zu einer LGBTQ-Sauna verweigert worden zu sein. Die Betroffenen haben Anzeige bei den zuständigen Behörden erstattet

 31.05.2026

Meinung

Fertig Idylle!

Am Mittwoch sticht in der Winterthurer Innenstadt ein Mann auf vorbeilaufende Passanten ein und schreit »Allahu Akbar« – ein Weckruf für die Schweiz

von Nicole Dreyfus  28.05.2026

Warnung

Steven Spielberg will keine KI nutzen

Der Filmemacher sieht einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung.

 28.05.2026

Interview

»Das ist nicht normal«

Regina Sluszny überlebte die Schoa, weil sie von katholischen Belgiern versteckt wurde. Angesichts des Strafverfahrens gegen Mohalim fragt sich die Vorsitzende des jüdischen Dachverbands FJO, ob es für Juden in Belgien noch eine Zukunft gibt

von Michael Thaidigsmann  27.05.2026