Kanada

Letzte Passage

Schlicht sind die Grabsteine aus poliertem schwarzen Granit. Sie stehen auf Betonsockel, die sich treppenförmig dem leicht ansteigenden Gelände des Fairview-Lawn-Friedhofs in Halifax anpassen.

Die quaderförmigen Steine mit der leicht geneigten Oberseite erinnern an kleine Lesepulte. 121 gibt es davon. Meist ist ein Name eingraviert. Manche Grabsteine sind namenlos. Aber auf allen steht: »Died April 15, 1912« – gestorben am 15. April 1912.

In leichten Bögen führen drei lange Grabsteinreihen auf eine kleine Anhöhe, wo sie aufeinander zulaufen, aber ohne sich zu treffen. Sie erinnern an den Rumpf eines Schiffs. Die Menschen, die hier ihre letzte Ruhestätte fanden, kamen vor 100 Jahren, in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912, ums Leben. Sie waren Passagiere der »Titanic«. Ihr Leben endete in den eisigen Fluten des Nordatlantik, als der Luxusliner auf seiner Jungfernreise von Southampton nach New York zwei Stunden und 40 Minuten nach dem Zusammenstoß mit einem Eisberg unterging.

Von Halifax aus fuhren wenige Tage später Schiffe hinaus, um die Opfer zu bergen. Hoffnung, Lebende zu finden, hatte niemand mehr. Nirgendwo wurden so viele »Titanic«-Opfer beigesetzt wie in Halifax: 121 auf dem städtischen Fairview-Lawn-Friedhof, 19 auf dem katholischen Mount-Olivet-Friedhof und zehn auf dem jüdischen Baron-de-Hirsch-Friedhof.

Todesschiff Zwar liegt St. John’s in Neufundland näher am Unglücksort, aber Neufundland ist eine Insel. Da die White Star Line, Eigentümerin der »Titanic«, davon ausging, dass ein Teil der Opfer in ihre Heimat überführt wird, wurde entschieden, sie an einen Ort zu bringen, der per Eisenbahn zu erreichen ist. In Halifax lagen Schiffe, die bei der Verlegung von Telegrafenkabel quer durch den Atlantik eingesetzt wurden.

Ihre Besatzung war es gewohnt, unter widrigen Umständen auf hoher See zu arbeiten. Nun hatten die jungen Männer der »Mackay-Bennett«, der »Minia« und der »Montmagny« die Aufgabe, im Trümmerfeld der »Titanic« nach Opfern zu suchen. Die »Mackay-Bennett« ging als »Todesschiff« in die Geschichte ein, da sie die meisten der ertrunkenen Opfer barg.

John Boileau kennt die Geschichte fast aller namentlich bekannten Opfer. Der frühere Colonel der kanadischen Armee hat zum 100. Jahrestag der Katastrophe das Buch Halifax and Titanic veröffentlicht.

Dass der Kapitän der »Titanic«, Edward John Smith, die Warnungen vor Eisbergen missachtete und weder die Geschwindigkeit drosselte noch den Kurs änderte, hält Boileau für den größten Fehler vor dem Zusammenstoß. Und dass erst eine Stunde nach der Kollision die ersten Rettungsboote zu Wasser gelassen wurden, war das schlimmste Versäumnis danach. So blieben nur noch 100 Minuten, um die Boote zu füllen.

Als das Schiff unterging, schwammen mindestens 1.000 Menschen in dem eisigen Wasser und schrien um Hilfe. Sie kämpften verzweifelt um ihr Leben. 300 bis 500 Personen dürften noch an Bord der »Titanic« gewesen und mit ihr untergegangen sein. »Nur 713 der 2.229 Menschen an Bord überlebten«, sagt Boileau. Andere sprechen von 701 oder 705 Überlebenden.

Särge Während die »Carpathia«, die kurz nach dem Untergang der »Titanic« am Unglücksort eintraf, die Überlebenden barg und nach New York brachte, wurde in Halifax die »Mackay-Bennett« mit Särgen, Eis und Balsamierflüssigkeit beladen. Fünf Tage nach dem Unglück traf das Schiff am 1.300 Kilometer entfernten Unglücksort ein. Die Männer an Bord der »Mackay-Bennett« arbeiteten sorgfältig.

Die Leichen wurden in der Reihenfolge, in der sie geborgen wurden, nummeriert. Ein Leinensack mit derselben Nummer nahm alle persönlichen Gegenstände auf, die die Opfer bei sich hatten. Dieses System sollte sich später bei der Identifizierung der Opfer als unschätzbar wichtig erweisen. Zwischen dem 21. und 26. April wurden 306 Leichen geborgen. 116 von ihnen bestattete man auf See.

Mit 190 Opfern an Bord kehrte das »Todesschiff« am 30. April nach Halifax zurück. Angehörige aus den USA und Kanada warteten schon am Pier. Die Geschäfte waren schwarz geflaggt, Kirchenglocken läuteten. Mehr als drei Stunden dauerte das Entladen.

Der Mayflower Curling Club diente als Leichenhalle: Es war der größte Raum in Halifax, der gekühlt werden konnte. Die White Star Line kaufte von der Stadt Halifax Gelände auf den Friedhöfen und gab bei dem Steinmetz Frederick Bishop die Grabsteine in Auftrag. Im Mai und Juni 1912 wurden die Opfer auf den drei Friedhöfen in Halifax beigesetzt.

Direkt neben dem Fairview-Lawn-Friedhof liegt der Baron-de-Hirsch-Friedhof. Er ist benannt nach dem 1831 in München geborenen jüdischen Unternehmer und Philanthropen Maurice de Hirsch, der unter anderem die Auswanderung europäischer Juden nach Argentinien und Kanada gefördert hatte.

Namen In zwei Reihen stehen zehn Grabsteine. Ob die hier Bestatteten tatsächlich jüdisch waren, ist nicht klar. Rabbi Jacob Walter hatte nur drei Tage Zeit, um die Beisetzung vor Sonnenuntergang am Freitag zu planen. Acht Opfer konnten nicht identifiziert werden, nur zwei tragen Namen: Frederick Wormald und Michel Navratil.

Aufgrund der Namen – Navratil war als Louis M. Hoffman gereist – war angenommen worden, dass es sich um Juden handele. Obwohl später ermittelt wurde, dass Wormald Anglikaner war und Navratil Katholik, blieben sie auf dem Baron-de-Hirsch-Friedhof.

Nachweislich reisten aber auf der »Titanic« zahlreiche jüdische Passagiere. An sie erinnern die namenlosen Grabsteine. Eines der historischen Fotos, die kurz nach dem Aufstellen der Grabsteine gemacht wurden, zeigt die Steinmetze Frederick Bishop und Frank Fitzgerald mit Rabbi Jacob Finegold. In der Beth-Israel-Synagoge in Halifax erinnert eine Plakette an die jüdischen Opfer der »Titanic«.

»Wir werden am 14. April ein Licht für sie anzünden und Gebete sprechen«, sagt Philipp Alberstat, Mitglied des Friedhofskomitees der jüdischen Gemeinde. Für den 14. und 15. April haben sich bereits Besuchergruppen angekündigt, und Alberstat hat sichergestellt, dass für sie die Friedhofstore geöffnet werden.

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