USA

Lehrgeld

Im wohlhabenden Westen von Los Angeles, am Robertson Boulevard, liegt ein weiß gekalktes Haus unter Palmen: das Kabbalah Centre. Zu dem Komplex, einer alten spanischen Kirche, gehören ein Tempel, Seminarräume, ein Innenhof und ein Laden. Die Wände sind mit Büchern bedeckt, meist Werke über die Kabbala, darunter das Hauptwerk, der Zohar. Es gibt aber auch Bände über Astrologie, Meditation und eine fiktive Biografie des Teufels, dazu CDs, Flaschen mit heilendem Wasser, Räucherstäbchen, Kerzen zur Entspannung und für besseren Sex sowie die berühmten geflochtenen Armbänder mit dem roten Faden, die das Böse abhalten sollen.

Das Kabbalah Centre in Los Angeles ist nicht das einzige. Allein in den USA gibt es Dutzende solcher Häuser und etliche inzwischen auch in vielen anderen Ländern darunter in Deutschland. Die Kabbala ist eine mystische Form des Judentums. Ihre Wurzeln finden sich in der Tora. In den USA ist die jüdische Mystik zum Modetrend geworden, seit sich die Sängerin Madonna öffentlich dazu bekannte. Mit der alten Lehre scheint sich viel Geld verdienen zu lassen. Wie die Los Angeles Times berichtete, ermittelt seit Mai das Finanzamt gegen die Betreiber des Kabbalah Centre. Sie stehen im Verdacht, gegen die Steuerbestimmungen für die Gemeinnützigkeit zu verstoßen.

Villen Das Zentrum wurde von einem Paar aus New York gegründet: Philip Berg, der im orthodoxen Williamsburg aufwuchs, und seine Frau Karen. Er ist der Lehrer, aber es war ihre Idee, die Mystik zu vermarkten. Als die beiden heirateten, waren sie so arm, dass sie in einer Kammer im Dachboden ihrer Synagoge in Queens lebten. Zwei Jahrzehnte später besaßen sie drei Villen in Beverly Hills, machten Urlaube in den Casinos von Las Vegas und wurden von Anhängern mit Geschenken überhäuft.

Philip Berg, 1929 als Shraga Feivel Gruberger geboren, war Rabbiner. Aber er fing bald an, an seiner Religion zu zweifeln und eröffnete eine Versicherungsagentur. In den 60er-Jahren machte ihn ein angeheirateter Onkel in Israel mit der jüdischen Mystik vertraut.

Berg kehrte nach Brooklyn zurück und brachte Talmudstudenten die alten Lehren näher. 1963 stellte er ein 16-jähriges Mädchen als Rezeptionistin ein: Kathy Mulnick, die sich Karen nannte, und, wie sie 2009 in einem Interview mit der Jerusalem Post äußerte, aus einer säkularen jüdischen Familie stammte. Eine ihrer angeblichen Kindheitserinnerungen, sagte sie der israelischen Zeitung, sei ein Festmahl an Jom Kippur gewesen.

Doch bald kündigte Mulnick. Acht Jahre später meldete sie sich wieder und fragte Berg, ob er sie die Kabbala lehren könne. Sie trafen sich, so erzählte sie später, zum Dinner und wussten, dass sie füreinander bestimmt seien. 1971 ließ Berg sich scheiden und heiratete Mulnick. Das Paar zog nach Israel und bekam zwei Söhne. Karen drängte ihren Mann, die Kabbala nicht nur männlichen Talmudschülern zu vermitteln, sondern auch säkularen Juden, die New Age schick fanden, und sogar Frauen.

Spenden In den 80er-Jahren kehrte das Paar nach New York zurück, auf Karens Betreiben, die endlich richtig Geld verdienen wollte. Das erste Zentrum eröffneten sie in ihrem Haus in Queens. Berg fing an, leichtverständliche Bücher über die Kabbala herauszugeben, Karen sandte Spendensammler aus. Doch je erfolgreicher sie wurden und je mehr Dependancen sie eröffneten, desto weniger mochte sie das jüdische Establishment. Mehrere Rabbiner warnten vor ihnen. Inzwischen hatte Berg millionenschwere Anhänger, die sich danach drängten, neben ihm oder seiner Frau sitzen zu dürfen.

1998 verlegten die Bergs ihr Hauptquartier in die alte spanische Kirche nach Los Angeles, dorthin, wo die Celebrities aus dem Showbusiness lebten. Die erste Prominente, die kam, war Sandra Bernhard, es folgte Roseanne Barr. Bald zählten auch bekannte Nichtjuden zu den Fans. 1996 stieß Madonna dazu.

Der Pop-Diva folgten Promis wie Elizabeth Taylor, Gwyneth Paltrow, Britney Spears und Paris Hilton, die Designerin Donna Karan und Sumner Redstone, der Vorstandsvorsitzende von Viacom. Ein Jahr später wurde die Konzernmutter Kabbalah Centre International als gemeinnützig anerkannt. Die Rücklagen der Non-Profit-Organisation betrugen in diesem Jahr laut Los Angeles Times 260 Millionen Dollar. Seitdem wurde keine Steuererklärung mehr abgegeben. Die Haupteinnahmequelle sind Bücher, Kurse und Spenden.

Allein Madonna schenkte zehn Millionen Dollar. Auch andere Celebrities wurden, ebenso wie weniger bekannte Anhänger, gedrängt, dem Zentrum Geld zu geben. Dazu zählte die Familie von Samuel Raoof, denen die Bergs versprachen, gegen eine Spende den Krebs der Mutter zu heilen. Nach einigem Hin und Her zahlten die Raoofs schließlich. Doch die Mutter starb. Als Berichte die Runde machten, dass die Bergs regelmäßig in den Casinos von Las Vegas spielten, fing das Finanzamt an zu ermitteln.

Katholisch 2007 erlitt Philip Berg einen Schlaganfall. Seitdem führt Karen die Geschäfte allein. In den vergangenen Jahren fingen einige Prominente an, das Centre zu verlassen. Nicht aber Madonna. Sie gab den Slogan aus: »Du musst nicht aufhören, katholisch zu sein, um die Kaballa zu studieren.« Hingegen beschwerten sich prominente Juden, dass das Centre zu kommerziell sei. Ein Streit mit einem Sponsorenpaar landete gar vor Gericht.

Doch die eigentlichen Probleme begannen erst, als der Finanzverantwortliche des Zentrums, Nicholas Vakkur, das Unternehmen davor warnte, Steuerbetrug zu begehen. Er wurde gefeuert, aber das Finanzamt blieb dran. Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen. Der Los Angeles Times sagte Karen Berg Mitte Oktober, es handele sich bei all dem nur um »Gerüchte«, ihr Haus arbeite mit den Finanzbehörden zusammen. »Unsere Mission ist, die Weisheit der Kabbala zu lehren.«

Europa

Das Verbindende über das Trennende stellen

Rund 450 orthodoxe Rabbiner und Gäste aus den europäischen Gemeinden tagten in Jerusalem. Im Mittelpunkt standen weniger politische Debatten als vielmehr der Austausch über praktische Fragen

von Michael Thaidigsmann  07.02.2026

Basketball

Ein »All-Star« aus dem Kibbuz

Mit Deni Avdija schafft es erstmals ein Israeli in die NBA-Auswahl der USA

von Sabine Brandes  07.02.2026

Italien

Viererbob und Eisprinzessin

Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand-Cortina treten mindestens 16 israelische und jüdische Athleten an

von Sophie Albers Ben Chamo  06.02.2026

Frankreich

Haftbefehle wegen »Beihilfe zum Genozid«

Die Justiz wirft zwei französisch-israelischen Frauen vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen behindert zu haben

 05.02.2026

USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Jacob Frey ist Bürgermeister der Stadt, die derzeit für das aggressive Vorgehen der ICE steht. Der Demokrat stellt sich energisch gegen die Immigrations-Politik von US-Präsident Donald Trump

von Eva Schweitzer  05.02.2026

Washington D.C.

Gates: »War dumm von mir, Zeit mit Epstein zu verbringen«

In den jüngst veröffentlichten Dokumenten zum Fall des verstorbenen Sexualstraftäters Epstein tauchen viele prominente Namen auf - auch der des Microsoft-Mitgründers. Nun äußert er sich dazu

 05.02.2026

London

Epstein-Skandal stürzt Starmer in die Krise

Obwohl der britische Premier von der Freundschaft Peter Mandelsons zu Jeffrey Epstein wusste, ernannte er ihn zum Botschafter in den USA. Selbst in den eigenen Reihen ist der Ärger groß

 05.02.2026

Wien

US-Flüchtlingsorganisation HIAS muss ihr Europa-Büro schließen

Die US-Regierung hat das historische Programm für religiöse Minderheiten aufgekündigt. Damit sind aktuell Hunderte Juden im Iran gestrandet

 04.02.2026

Geschichte

Kühe und das große jüdische Erbe

In Endingen und Lengnau liegt die Wiege des Schweizer Judentums – von dort ging es in die Welt. Zu Besuch bei einem der letzten Viehhändler im Surbtal

von Nicole Dreyfus  03.02.2026