»Cottoncrest«

Lebendige Untote

Michael H. Rubin erzählt in seinem Krimi von Rassenhass und Antisemitismus in Louisiana

von Ellen Presser  24.04.2017 18:21 Uhr

Ein zwar konventionell konstruierter, doch sorgfältig recherchierter und informationsreicher Roman: »Cottoncrest« Foto: Suhrkamp

Michael H. Rubin erzählt in seinem Krimi von Rassenhass und Antisemitismus in Louisiana

von Ellen Presser  24.04.2017 18:21 Uhr

Cottoncrest« ist der Name eines prächtigen Herrenhauses im schwarzen Herzen Louisianas. Schwarz wie die Hautfarbe der Mehrheit seiner unterdrückten Einwohner, dunkel wie die Fluten des Mississippi, finster wie die Gesinnung weißer Rassisten, die während des Amerikanischen Bürgerkriegs 1861–1865 für ihre Vorrechte und für die Sklavenhaltung kämpften.

In dem gleichnamigen Kriminalroman von Michael H. Rubin geht es – der amerikanische Originaltitel Cottoncrest Curse ist da präziser – um einen scheinbaren Fluch. Die Ausbeutung von Boden und Landarbeitern, Rassenhass, Antisemitismus und Selbstjustiz gehen unheilige Allianzen ein.

So war es seit der dauerhaften Besiedlung Louisianas Ende des 17. Jahrhunderts, und so blieb es bis in die Anfänge der 60er‐Jahre, in denen die amerikanische Bürgerrechtsbewegung mit dem charismatischen Martin Luther King jr. für faktische Gleichberechtigung auf die Straßen ging.

Selbstmord Rubin erzählt vom Selbstmord des Familienoberhaupts Colonel Judge Augustine Chastaine. Der glaubte, alle seine Söhne seien im Bürgerkrieg umgekommen. Nun, 30 Jahre später, durchtrennt sein gleichnamiger kriegsversehrter Sohn – der am Leben geblieben war – seiner geliebten Frau Rebecca 1893 die wunderschöne Kehle und erschießt sich.

Dazu wäre es nicht gekommen, hätte Sheriff Raifer Jackson nicht laut gedacht und am Tatort nach Antworten auf verschiedene Ungereimtheiten gesucht, hätte sein Deputy Bucky Starner vor seinem Kumpel nicht mit Halbwissen geprahlt, hätte Tee Ray Brady, ein weitläufiger Verwandter der Chastaines, keinen Vorwand gefunden, mit seinen »Rittern«, einem Haufen weißer Halunken, eine Menschenjagd anzuzetteln und die ganze Gegend in Angst und Schrecken zu versetzen.

Vor allem aber: hätte der Hausierer und Scherenschleifer Jack Gold nicht Anfang der 1890er‐Jahre das für Juden weniger gefährliche New York Richtung New Orleans verlassen und sich noch weiter nach Süden gewagt, um seine vielfältigen Dienste anzubieten. Dann wären etliche Menschen nicht zu Tode gekommen. Der Fluch über Cottoncrest hat nichts Mystisches, er entspringt überholten Normen, falschen Entscheidungen und bösen Taten.

»Die gantseh welt iz ful mit shaidim«, zitiert der Erzähler, ein alter Jude, seinen Urgroßvater Yaakob Gurevitch alias Jack Gold: »Die ganze Welt ist voller Dämonen; man muss sie einfach selber austreiben« – »treib zai chotsh fun zikh arois«. 1961, als er noch Student war, machte er sich auf den Weg zur früheren Baumwoll‐ und Zuckerrohrplantage. Er hat Dokumente und einen Brief im Gepäck, die den derzeitigen Besitzer zu einer weiteren Verzweiflungstat veranlassen.

Dramaturgie Auf drei Zeitebenen – 1893, 1961 und heute – treibt der Autor seine Leser vor sich her. Michael H. Rubin lässt einen Jazzpianisten aus New Orleans auffahren, außerdem einen Medienfachmann, Anwalt und Juraprofessor – er versteht eine Menge von Dramaturgie und Spannungsbögen, aber auch von Forensik und der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung.

Louisiana hatte die Rasentrennung nur formaljuristisch aufgehoben. An Bahnhöfen gab es nach wie vor getrennte Einstiegsbereiche für Weiße und Schwarze, und auch Hotels waren getrennt. 1961 kam es zu einigen provozierenden Aktionen: speziell organisierte gemischte Busfahrten. »Es musste einen Weg geben, Schwarze und Weiße zusammenzubringen«, erinnert sich der alte Mann an seine Beteiligung am zivilen Widerstand gegen die Rassentrennung.

Lebensweisheiten Unmittelbare Zuhörerin ist – neben dem Leser – seine 15‐jährige Enkelin. Ihr erzählt er von der Flucht des Ururgroßvaters aus Bialystok ins Gelobte Land Amerika. Seine Erinnerungen sind mit jiddischen Lebensweisheiten und Geschichten über den Hass gegen »Juden und Nigger«, die abwertend auch »Darkies« genannt wurden, gespickt: »Tsum schlimazel darf men oych hobn mazel – Selbst zum Unglück braucht man Glück.«

Wohl wahr. Auf jeden Fall ist Cottoncrest ein zwar konventionell konstruierter, doch sorgfältig recherchierter und informationsreicher Roman. Im Krimigenre ist eine gute Übersetzung leider nicht selbstverständlich. Darum sei die flotte Lesbarkeit ausdrücklich erwähnt. Nur bei der Schreibweise der jiddischen Sprichwörter sind ein paar eigenartige phonetische Mischwesen entstanden.

Michael H. Rubin: »Cottoncrest«. Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Suhrkamp, Berlin 2016, 415 S., 9,99 €

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