Slowakei

Kuren wie Opa

Vor zwölf Jahren sprach Schimon Schlesingers Arzt in Tel Aviv zum ersten Mal davon, dass er seine Knie wohl bald operieren lassen müsse. Schlesinger humpelte schwer, die Arthrose ließ den Alltag zum Horror werden. Damals erinnerte sich der gebürtige Tscheche daran, dass seine Eltern immer vom Kurort Piestany schwärmten.

»Ein Versuch war es wert«, fand Schlesinger. Gemeinsam mit seiner Frau Ruthi reiste er 2001 das erste Mal in die Slowakei, für eine dreiwöchige Kur mit stark schwefelhaltigem Heilschlamm und Thermalwasser. Das Ergebnis war verblüffend, erinnert er sich: »Ich fühlte mich viel leichter, richtig beschwingt!« Jedes Jahr kommen die Schlesingers seither nach Piestany, lassen drei Wochen die Seele baumeln und den Körper kurieren. »Operiert wurde ich immer noch nicht«, erklärt der 65-Jährige stolz.

So wie den Schlesingers geht es vielen israelischen Gästen. »Wir haben regelrechte Stammgäste aus Israel, die teils schon seit 35 Jahren immer wieder zu uns kommen«, sagt Marketingdirektor Hans Dieter Bergmann. Häufig haben die Kunden, ähnlich wie die Schlesingers, europäische Wurzeln. Schon ihre Vorfahren haben von den slowakischen Heilbädern geschwärmt.

Aber Bergmann fliegt auch mehrmals jährlich nach Israel, um vor Ort die Werbetrommel für das Spa-Ressort zu rühren. Gezielt arbeitet er mit israelischen Reiseveranstaltern zusammen, denn, so Bergmanns Erfahrung, die meisten Israelis kommen in Gruppen. Praktisch für ihn ist, dass auch die Billigflieger den israelischen Markt entdeckt haben und es Direktflüge von Tel Aviv nach Bratislava gibt. Rund 3.600 Israelis zählte die Kurinsel mit ihren Hotels im Jahr 2011 – das sind fast zehn Prozent der Gäste, Tendenz steigend.

rabbinat Diese Bilanz ist auch für Zeev Stiefel erfreulich. Der Chabad-Rabbiner aus den USA finanziert seine Arbeit in Piestany und Umgebung durch Spenden – beispielsweise auch von israelischen Kurgästen. Das Rabbinat in Piestany haben er und seine Frau Bina sich vor sieben Jahren selbst »auferlegt«, wie Stiefel sagt. Der 34-Jährige wollte, wie die meisten Chabad-Rabbiner, dort leben, wo er den meisten Sinn in seiner Arbeit sieht: »Die jüdische Gemeinde in der Slowakei ist klein, sie braucht unsere Hilfe.«

Etwa 25 Gemeindemitglieder zählt Stiefel in Piestany, viele weitere in den teils winzigen Gemeinden im weiteren Umkreis. Ihnen allen will der Rabbi auch fernab der Hauptstadt Bratislava ein jüdisches Leben ermöglichen. Ständig ist Stiefel unterwegs. Er betreut jüdische Studenten in Kosice, hält Beerdigungen ab oder weist Paare, die sich entschlossen haben, jüdisch zu heiraten, in die Bräuche ein.

geschichte Einst hatte Piestany eine stolze jüdische Gemeinde, das edelste Kurhaus der Stadt gehörte der jüdischen Familie Winter. In den besten Jahren gab es zwei Synagogen und zwei Friedhöfe für die orthodoxen und die liberalen Juden in der Stadt, eine Mikwe, mehrere Toraschulen, Jeschiwot und diverse Wohlfahrtsorganisationen. Auch im Stadtrat saßen Juden, 1938 etwa stellte die Nationale Jüdische Partei drei Mandate, die Orthodoxe Demokratische Jüdische Partei hatte zwei Sitze.

Heute ist davon wenig zu spüren. Die meisten Juden aus Piestany wurden im Holocaust ermordet. Dann kam der Kommunismus, und die wenigen, die überlebt hatten, konnten ihr Judentum nicht mehr praktizieren. Eine Synagoge wurde abgerissen, aus einer weiteren wurde ein Kaufhaus. Heute erinnert nur noch ein jüdischer Friedhof an die früheren Glanzzeiten. »Wer konnte, ging weg«, sagt Stiefel, »zurück blieben ein paar Säkulare, und diesem kleinen Rest wurde das Judentum ausgetrieben.«

bräuche Angesichts dessen versteht Stiefel seine Aufgabe vor allem darin, die Menschen zu ermutigen, ihr Judentum zu leben und ihnen ihre Traditionen wieder näherzubringen. »Ich versuche nicht zu bekehren, sondern stelle das Judentum eher als eine Art kulturelles Event vor«, erklärt er. An Schawuot etwa hat seine Frau riesige Mengen milchiges Gebäck in 250 kleine Päckchen gepackt und Stiefel hat sie besonders an diejenigen verteilt, die diesen Brauch nicht kennen.

Die israelischen Kurgäste sind für Stiefels Mission eine Bereicherung, denn sie leben den Slowaken ein unverkrampftes, freies Judentum vor. Und wenn der Rabbiner mit ihnen auf der Kurinsel die Feiertage begeht, dann ist ja vielleicht auch der ein oder andere schaulustige Slowake darunter, der an seine jüdische Herkunft erinnert wird.

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