Geschichte

Kühe und das große jüdische Erbe

Die Sonne legt sich über Endingen im Surbtal. In der Küche von Jules und Raymonde Bloch ist es gemütlich. Die Tüte mit den frischen Brötchen liegt noch ungeöffnet da, die Kaffeemaschine macht ihr häusliches Hintergrundgeräusch. Jules Bloch sitzt am Küchentisch und studiert seine Abrechnungen.

»Heute Morgen habe ich vier Kühe gekauft«, sagt er, als wäre es die normalste Sache der Welt. Für ihn ist es Alltag. Er telefoniert, verhandelt, telefoniert wieder. Irgendwann wird er schon einen Käufer finden, der die Tiere nimmt. Das kann zum Beispiel ein Bauer oder der Schlachthof sein. Lange werden sie nicht in Jules Blochs Besitz bleiben. Dann ist der 78-Jährige schon wieder auf der Suche nach neuen Tieren.

Zweifacher Vater, fünffacher Großvater und längst pensioniert

Bloch, zweifacher Vater, fünffacher Großvater und längst pensioniert, geht seiner Leidenschaft nach, als hätte er nie etwas anderes gemacht. »Mein Vater hatte mir davon abgeraten, Viehhändler zu werden. Er wusste, dass dieser Beruf keine Zukunft mehr hat.« So wurde Jules Bloch Banker. Nur zwischendurch kaufte und verkaufte er Kühe, Rinder und Kälber. Als sein Vater 1991 starb, habe er noch die letzten vier Tiere für ihn veräußert, erzählt er. Dann habe alles so nebenbei wieder angefangen, »bis meine Frau zu mir gesagt hat, ich soll das Viehhändler-Patent machen. Man wisse ja nie …«

So ist Jules Bloch doch noch zum Viehhändler geworden, einer der letzten jüdischen in der Schweiz – so wie es sein Vater, Großvater und Urgroßvater und so wie es die Vorfahren vieler Schweizer Jüdinnen und Juden waren, deren Wurzeln im Surbtal liegen, im Nordosten des Schweizer Kantons Aargau nahe der deutschen Grenze. Dazu gehören die Dörfer Endigen und Lengnau.

Die Viehhändler-Tradition ist eng an die jüdische Geschichte der beiden Gemeinden geknüpft. Sie sind die einzigen Orte in der Schweiz, in denen sich Jüdinnen und Juden vom 17. bis zum 19. Jahrhundert dauerhaft niederlassen und Gemeinden gründen durften. In dieser Zeit gehörten die beiden Dörfer zur Grafschaft Baden, einem Untertanengebiet der Eidgenossenschaft, und standen unter der Verwaltung eines Landvogts.

Dieser sowie die Abgeordneten der Tagsatzung, der Kantonsvertretung im Parlament, waren sehr daran interessiert, jüdische Bewohner anzusiedeln, da sie Abgaben von ihnen erheben konnten. Die Juden im Surbtal mussten alle 16 Jahre ihre Aufenthaltsbewilligung – den sogenannten Schutz- und Schirmbrief – erneuern. Dieses Dokument legte sowohl die Bedingungen für ihre Niederlassung als auch das Verhältnis zur christlichen Umgebung fest.

Jules Bloch ist doch noch Viehhändler geworden, so wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater.

Als »fremde Schutzgenossen« war es ihnen untersagt, ein Handwerk auszuüben, Land zu besitzen oder Landwirtschaft zu betreiben. Erlaubt war ihnen lediglich der Handel und der Besuch von Märkten. Viele lebten in Armut und bestritten ihren Lebensunterhalt als Händler von Tüchern, Bändern, Fellen und Häuten oder arbeiteten als Marktfahrer, Hausierer und Lumpensammler. Wer es sich leisten konnte, handelte vor allem mit Vieh und Pferden. Einige vermittelten auch Häuser oder liehen Geld.

Tür an Tür mit ihren nichtjüdischen Nachbarn

Gelebt haben jüdische Familien Tür an Tür mit ihren nichtjüdischen Nachbarn. Das jüdische Leben war jedoch stark von Verboten und Einschränkungen geprägt. So untersagte das »Judengesetz« von 1809 den Besitz von Land und Wohnraum, und das »Judenmandat« von 1776 hatte Juden und Christen verboten, unter demselben Dach zu leben. Obwohl diese Bestimmungen eine Ghettoisierung eigentlich begünstigt hätten, entwickelte sich in Endingen und Lengnau eine andere Form des Zusammenlebens.

Davon zeugen die Doppeltürhäuser, die man heute noch im Dorfkern beider Orte antrifft: historische Gebäude mit zwei gleichartigen Eingängen. Sie weisen auf ein ungewöhnlich enges Nebeneinander von jüdischer und christlicher Bevölkerung hin. Die Doppeltüren sind damit ein architektonisches Zeugnis religiöser Koexistenz. Heute setzt sich der »Verein Doppeltür« dafür ein, dieses Kulturerbe weiterzuführen und lebendig zu halten. In Lengnau ist für 2028 ein Begegnungs- und Vermittlungszentrum dazu geplant.

Im gesamten Schweizer Raum gibt es kaum eine vergleichbare Dichte jüdischer Baukultur wie im Surbtal. Seit 2009 macht der Jüdische Kulturweg dieses Erbe erlebbar. Wer entlang verschiedener Erklärstationen von Endingen nach Lengnau geht – für die Familie Bloch früher der regelmäßige Spaziergang an Schabbat, da schon seit den 50er-Jahren kein Minjan mehr in Endingen zusammenkam –, erkennt in der Dorfmitte jeweils prominent die Synagoge, die sich von ihrer Umgebung abhebt.

Auffallend dabei ist jeweils die Uhr analog einer Kirchturmuhr. Im Jahr 1750 erhielten die Surbtaler Juden die Erlaubnis, in Lengnau eine Synagoge zu bauen. 1764 wurde auch in Endingen der Bau einer Synagoge gestattet. Damit konnte die bauliche Infrastruktur für ein jüdisches Gemeindeleben entstehen. Beide Synagogen sind Zeugen ihrer Zeit genauso wie die ursprüngliche Mazzebäckerei und die Mikwe, das rituelle Tauchbad.

Wo gelebt wurde, dort wurde auch gestorben

Doch wo gelebt wurde, dort wurde auch gestorben. So findet sich exakt auf halber Strecke zwischen Endingen und Lengnau der jüdische Friedhof. Juden mit Endinger oder Lengnauer Wurzeln nennen den Friedhof zum Teil heute noch auf Surbtaler Jiddisch »beis oulem« (aus dem Hebräischen: »Haus der Ewigkeit«) oder aber einfach den »guten Ort«.

Schlichtheit spricht auch aus den meisten Grabinschriften. Ob auf Hebräisch oder Deutsch, aus der Sprache, den Segenssprüchen und vereinzelt auch aus den Berufsangaben ergibt sich das Bild eines vormals lebendigen Landjudentums.

Ursprünglich mussten die Juden aus dem Surbtal ihre Toten jedoch auf einer Insel im Rhein (dem »Judenäule«) bei Koblenz beerdigen. 1750 erhielten sie die Erlaubnis, an der Surbtalstraße zwischen Endingen und Lengnau Boden für einen Friedhof zu erwerben. Der Kaufpreis für das Gelände betrug 340 Gulden, was heute rund 60.000 Schweizer Franken entspricht. Es ist der älteste jüdische Friedhof in der Schweiz, zählt etwas mehr als 2700 Gräber und wird bis heute genutzt. Seit 1963 steht er unter Denkmalschutz.

Große Namen sind mit dem jüdischen Surbtal verbunden und belegen die internationale Bedeutung dieser Grabstätte. Da ist Meyer Guggenheim, der in Lengnau zur Welt kam und dessen Sohn Solomon der Begründer des gleichnamigen Museums in New York ist, oder William Wyler, Regisseur des berühmten Filmklassikers Ben Hur, sowie der amerikanische Komponist Ernest Bloch oder der Maler Varlin, geboren als Willy Guggenheim, der berühmte Rabbiner Abraham Ris und viele mehr.

Wertvolle Quellen aus einer früheren Zeit

Gemäß jüdischer Bestattungstradition gibt es kaum Grabschmuck. Frauen und Männer sowie Kinder sind getrennt begraben. Einzelne Grabsteine sind längst in Baumstämme eingewachsen, andere erleben Verwitterung und Zerfall und sind daher wertvolle Quellen aus einer früheren Zeit.

Hin und wieder trifft man auf dem Friedhof Charedim, die das Grab von Abraham Ris besuchen. Oder Juden aus aller Welt, deren Familiengeschichte auf das Surbtal zurückgeht und die nun die Gräber entfernter Verwandter besuchen. Wer heute in der Schweiz, in den Vereinigten Staaten oder in Israel Bollag, Braunschweig, Guggenheim, Bloch, Dreyfus, Weil oder Gideon heißt, trägt diese Geschichte nicht nur im Namen, sondern auch in seiner Herkunft.

Von 20 jüdischen Haushalten um das Jahr 1634 wuchs die jüdische Bevölkerung in den Dörfern bis 1850 in Endingen auf rund 1000 Personen und auf etwa 500 in Lengnau. Dies entsprach einem Drittel oder gar der Hälfte der damaligen Dorfbevölkerung. Auf Bestreben einiger kantonaler Politiker und auf Druck aus dem Ausland, unter anderem aus den USA, Frankreich und den Niederlanden, wurde den Juden 1866 durch eine Teilrevision der Bundesverfassung freie Niederlassung und Gewerbefreiheit zugesichert. Doch erst die Totalrevision der Bundesverfassung gewährte 1874 die freie Religionsausübung.

Die Zeiten haben sich geändert. Aber den Wert einer Kuh einschätzen, das müsse man noch können.

Nach der vollständigen Gleichberechtigung von Juden in der Schweiz (1879 im Kanton Aargau) erfolgte eine rasche Abwanderung. Das war die Initialzündung für die Gründung neuer jüdischer Gemeinden in der Schweiz. Die Menschen zogen um, ließen sich in Zentren wie Zürich, Bern, Basel oder St. Gallen nieder und errichteten dort neue Synagogen.
Auch kleinere Gemeinden wie Solothurn, Biel, Burgdorf oder Kreuzlingen erlebten ab diesem Zeitpunkt ihre Blütezeit. Von nun an entwickelte sich das einst konzentrierte jüdische Leben in Endingen und Lengnau nicht mehr so weiter wie bis dahin. Die Schweiz hatte Jüdinnen und Juden die Tore geöffnet, es lockten wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aufstieg.

Während sich die jüdische Gemeinde von Lengnau aufgelöst hatte und die Synagoge in eine Stiftung überging, existiert die Israelitische Kultusgemeinde Endingen, wie die jüdische Gemeinde immer noch heißt, bis heute. Geblieben ist in Endingen auch Familie Bloch. Obwohl sich mittlerweile Kinder und Enkelkinder von Zürich bis Israel verteilt haben und allenfalls zu Besuchen ins Dorf kommen, steht sie für jüdische Kontinuität an diesem geschichtsträchtigen Ort. Vereinzelt wohnen auch andere Juden in Lengnau, wo Esther und David Krammer, Tochter und Schwiegersohn von Jules und Raymonde Bloch das jüdische Altersheim Margoa führen.

An Schabbat und an den Feiertagen regelmäßig Gottesdienste

Hier finden an Schabbat und an den Feiertagen regelmäßig Gottesdienste statt. Dass dieser Ort ein solches Erbe bedeutet, habe sie erst als junge Erwachsene verstanden, erzählt Esther Krammer: »Wir waren hier eine große Familie, und natürlich sind wir alle stolz auf unsere Herkunft. Das große Interesse am Surbtal zeigt auch die Bedeutung des Ortes.«

Doch Esther Krammer ist sich bewusst, dass die Tage des jüdischen Lebens hier gezählt sind. Ihre Kinder sind zum Studieren nach Israel gegangen, und sie hofft, dass sie neue Wurzeln schlagen, dort, wo das jüdische Leben pulsierender sei als im Kanton Aargau.

Ihr Vater Jules hat nie woanders gelebt. Die Wohnung, die er heute mit seiner Frau Raymonde bewohnt, ist der alte Wirtschaftsteil des Gebäudes. Er erinnert sich an seine Kindheit: »Jeden Freitag sind die Herren durch die Stalltür gekommen und haben danach gefragt, was noch nicht verkauft sei. Mein Vater hatte an seinem Jackett eine kleine Tasche eingenäht, wo er das Geld aufbewahrte.«

Die Zeiten haben sich geändert. Aber den Wert einer Kuh müsse er nach wie vor einschätzen können, sagt Jules Bloch. Deshalb blättert er heute das Branchenblatt mit den Angaben zu den Tieren durch und studiert die Preise, »im Gegensatz zu früher, als ich die Finanz-Zeitung las«. Und dann klingelt auch schon wieder das Telefon.

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