Berlin

Kritik an deutschen Behörden

Zwölf Jahre Kampf um Aufklärung, wie und warum ihr damals 22-jähriger Sohn Jeremiah sterben musste, liegen bereits hinter ihr. Nun ist Erica Duggan eigens nach Berlin gekommen, und ihre deutschen Anwälte Serdar Kaya und Christian Noll haben eine Pressekonferenz auf die Beine gestellt, um über den Stand des Verfahrens zu berichten: Da wurde die Staatsanwaltschaft in Wiesbaden aufgefordert, endlich die Ergebnisse eines neuen englischen Expertengutachtens zur Kenntnis zu nehmen, wonach es sich bei dem Tod des jungen Jeremiah definitiv nicht um einen Suizid handeln kann und er auch nicht überfahren wurde.

»Genau das aber behaupteten die deutschen Behörden über Jahre hinweg und behandelten mich wie eine Mutter, die einfach nicht mit dem Selbstmord ihres Sohnes zurechtkommt«, erklärt die resolute Engländerin, deren verstorbener Mann einst als jüdischer Flüchtling von Berlin nach Großbritannien kam.

chronologie In der Tat liest sich die Chronologie des Falls wie ein Krimi, in dem die Ermittlungsbehörden vor allem durch eines auffallen: den Unwillen, sich mit dem Tathergang intensiv zu beschäftigen. Denn dann hätten sie das Umfeld der obskuren Politsekte des Amerikaners Lyndon LaRouche und seiner deutschen Frau Helga Zepp-LaRouche, hierzulande besser bekannt als Bürgerrechtsbewegung Solidarität, kurz BüSo, sowie deren Schiller-Institut unter die Lupe nehmen müssen. Diese fielen bis dato vor allem durch ihren glühenden Hass auf England und Verschwörungstheorien auf. »Und Jeremiah war sowohl Jude als auch Brite.«

Der politisch vielleicht unbedarfte Jeremiah stand mit dieser Gruppierung in Kontakt, bis er merkte, mit wem er es da zu tun hatte. »45 Minuten vor seinem Tod rief mich mein Sohn an und berichtete, dass er sich bedroht fühlte.« Das war am 27. März 2003. Kurz nach dem Telefonat wurde Jeremiah auf der Bundesstraße 455 nahe Wiesbaden tot aufgefunden, angeblich überfahren.

Der zuständige Beamte, der nie eine gerichtsmedizinische Untersuchung angeordnet hat oder Spuren an den Autos sichern ließ, sondern lediglich selbst einen Blick auf das Opfer warf, erklärte den Fall zum Suizid und damit für abgeschlossen. Sogar die Kleidung von Jeremiah entsorgte er.

zeugenaussagen Bei der Wiederaufnahme des Verfahrens 2012 wurde genau dieser Mann erneut mit den Ermittlungen betraut. »Nach 13 Jahren wissen wir nicht einmal, wo Jeremiah seine letzte Nacht verbrachte«, so Rechtsanwalt Kaya. »Alle Dienstaufsichtsbeschwerden blieben erfolglos.« Selbst weitere Zeugenaussagen wie die der Mutter einer namentlich bekannten Person aus dem LaRouche-Dunstkreis, die mit den Worten »Wir haben ihn gehetzt« geprahlt haben soll, hätten die Stellen nicht zu einer erhöhten Aktivität motiviert, so der Anwalt.

Doch Erica Duggan will dranbleiben. »Ich bin heute seine Stimme.« Für sie ist es schlichtweg ein Skandal, dass sich in Deutschland niemand für die ideologischen Inhalte oder Anwerbungsmethoden von Gruppierungen wie BüSo zu interessieren scheint und die Opferseite juristisch wenig Möglichkeiten hat, bei polizeilichem Versagen Beschwerde einzulegen.

Großbritannien

Oberrabbiner Mirvis fordert, den Ruf »Tod der IDF« unter Strafe zu stellen

Oberrabbiner Mirvis hat die Politik seines Landes zu einem schärferen juristischen Vorgehen gegen anti-israelische und antisemitische Hassrede aufgefordert

 01.07.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  30.06.2026

Proteste gegen Kushner-Projekt

Ein Land sieht pink: Albaniens Flamingo-Revolution ist nicht zu stoppen

Flamingos überall - und kein Ende in Sicht: EU-Beitrittskandidat Albanien ist fest im Griff einer Protestwelle. Fällt die Regierung unter der pinken Revolution?

von Markus Schönherr  30.06.2026

Österreich

Rabbiner Yaron Nisenholz wird Wiens neuer Oberrabbiner

Nach einem internationalem Auswahlverfahren übernimmt Rabbiner Yaron Nisenholz die religiöse Führung der IKG Wien

von Nicole Dreyfus  29.06.2026

Venezuela

Jüdische Gemeinde beklagt drei Tote, mehr als 100 Obdachlose

Das Erdbeben in Venezuela hat auch für die rund 5000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinschaft des Landes schwere Folgen

 29.06.2026

Eva Erben

»Oft weiß man gar nicht, wie viel Kraft in einem steckt«

Die 95-jährige Holocaustüberlebende war aus Israel nach Prag gekommen, um bei der Verlegung der »Stolpersteine« für ihre in der Schoa ermordeten Eltern dabei zu sein

von Michael Thaidigsmann  26.06.2026

Frankreich

Gesinnung von der Stange

Antisemitismus und eine feindliche Haltung gegenüber Israel stehen in der Modewelt hoch im Kurs. Längst gehören sie zum ideologischen Accessoire so mancher Marke

von Ute Cohen  25.06.2026

Kolumbien

Knapper Wahlsieg, dramatischer Kurswechsel?

Der knapp zum kolumbianischen Präsidenten gewählte Abelardo de la Espriella will die Beziehungen zu Israel kitten - doch de la Espriella ist wie sein Vorgänger Gustavo Petro sehr umstritten

von Michael Thaidigsmann  24.06.2026

Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan prägte als Chef der US-Notenbank eine 19 Jahre währende Boom-Phase der Börsen und Konjunkturen

von Philip Fabian  23.06.2026