USA

Kol Nidre in der Natur

Möchte die erdbezogenen Traditionen des Judentums wiederbeleben: Gottesdienst der Organisation »Wilderness Torah« Foto: Wilderness Torah

Die Coronavirus-Pandemie hat weite Teile der Vereinigten Staaten auch nach mehr als einem halben Jahr fest im Griff. Deswegen verbringen die meisten amerikanischen nichtorthodoxen Juden die Hohen Feiertage dieses Jahr vor ihrem Computer. Wenn staatliche Gesundheitsämter Präsenzveranstaltungen für Rosch Haschana und Jom Kippur erlauben, dann nur unter Einhaltung strenger Vorschriften und bei reduzierter Teilnehmerzahl.

Für Sarah Chandler, die in einer Reformgemeinde aufgewachsen ist, stellt der Verlust des gewohnten Gottesdienstbesuches kein großes Problem dar. Im Gegenteil. In diesem Jahr der Pandemie hat die Gründerin des Shamir Collective die Not zur Tugend gemacht und mit einer Co-Autorin das Azalel Chapbook herausgegeben.

Das Büchlein, das jeder kostenfrei aus dem Internet herunterladen kann, ist ein Leitfaden für Juden, die ihre Religion allein oder mit wenigen Begleitern in der Natur ausüben möchten.

RITUALE »Wir wollten etwas anbieten, wofür man keine Tickets kaufen, wozu kein Minjan gefunden werden muss und wozu man keinen Rabbiner braucht«, erklärt Chandler. Viele ihrer Bekannten hätten ohnehin ein angespanntes Verhältnis zu Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, an dem viele Gemeindemitglieder 25 Stunden fasten. Die sagten sich: »Na gut, dann mache ich dieses Jahr eben kein Jom Kippur, sondern gehe an den Strand.«

»Unser Buch zeigt Wege auf, sich dabei trotzdem mit der Religion und ihren Ritualen verbunden zu fühlen«, so Chandler, die eine mehrjährige Ausbildung zur sogenannten Priesterin, Kohenet, absolviert hat. Das Chapbook ist nach einer Geschichte aus dem 3. Buch Mose 16 benannt, in der Aharon das Jom-Kippur-Ritual vollzieht. Er hat zwei Ziegen, die eine opfert er, die andere wird als Sündenbock verjagt.

So frei wie die Ziege in der Wildnis sollen sich auch die Leser und Nutzer des Büchleins fühlen, wenn sie allein oder mit gebührendem Abstand in der Natur beten. Der Inhalt folgt den sieben Toren in der Amida aus der Jom-Kippur-Liturgie.

Auszügen aus traditionellen Gebeten wird eine Anleitung zum Handeln gegenübergestellt. Im letzten Teil des Gebets »Unetane Tokef« etwa tauchen Metaphern für den Kreislauf des Lebens von Menschen, Tieren und Pflanzen auf. Die Autoren empfehlen eine Art Schatzsuche, bei der Dinge gesammelt werden, die sich in verschiedenen Stadien des Kreislaufs befinden, wie zum Beispiel Samen oder heruntergefallene Blätter.

Feuer Auch Teilnehmer an Veranstaltungen von »Wilderness Torah« verbringen viel Zeit in der Natur. Vor 13 Jahren gründete eine Gruppe von naturbewussten Juden die Organisation, die erdbezogene Traditionen des Judentums wiederbeleben möchte. Dazu gehört zum Beispiel, an Jom Kippur ein heiliges Feuer anzuzünden – wenn nicht gerade erhöhte Waldbrandgefahr besteht. Dieses Jahr wird Wilderness Torah das Versöhnungsfest mit einer Mischung aus Präsenzveranstaltung und Online-Gottesdienst begehen.

Am Jom Kippur werden sich 100 Leute unter freiem Himmel und mit dem nötigen Sicherheitsabstand auf einem Bauernhof in der Nähe von Petaluma, rund 45 Autominuten nördlich von San Francisco, zum Gottesdienst versammeln. »Wir arbeiten uns durch das ganze Gebetbuch«, sagt Simcha Schwartz, Director of Development and Communication. »Aber wir lesen oft nicht ein ganzes Gebet bis zum Ende«, vielmehr werde ein Satz herausgegriffen und als Gesang wiederholt.


Wilderness Torah bedient sich stark bei der chassidischen Mystik.

Wilderness Torah steht dem sogenannten Jewish Renewal, einer weniger bekannten Strömung des amerikanischen Judentums, nahe, die von Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren gegründet wurde.

mystik »Unsere Inhalte bedienen sich stark bei der chassidischen Theologie und Mystik«, sagt Rabbi Jeffrey Roth. Er lernte den 2014 verstorbenen Schachter-Shalomi im Sommer 1980 kennen. Damals leitete Roth ein jüdisches Summer Camp in Oregon. Das Treffen mit seinem späteren Lehrer beeindruckte ihn so sehr, dass er seinen Job aufgab und nach Philadelphia zog, um von Schachter-Shalomi zu lernen.

Acht Jahre leitete er die noch junge Bewegung gemeinsam mit dem in Wien aufgewachsenen Schachter-Shalomi. Danach gründete Roth, der sich zunehmend für buddhistische Meditation interessierte, ein jüdisches Meditationszentrum. Mittlerweile leitet er Meditationsseminare für jüdische Organisationen auf der ganzen Welt.

So auch an Jom Kippur. Unter dem virtuellen Dach des Awakened Heart Project, wie die Internetseite von Roth heißt, bereiten sich Teilnehmer über mehrere Tage spirituell auf das Versöhnungsfest vor – drei davon in Stille.

liturgie »Unser Ansatz ist viel kontemplativer als in normalen Synagogen«, erklärt der Rabbiner. »Wir haben zwar ein eigenes Gebetbuch, aber die Liturgie ist minimal.« Wie die Anhänger von Wilderness Torah greift Roth oft einen Toravers heraus, um darüber zu meditieren.

Kernbestandteile von Jom Kippur wie das Kol Nidre bleiben unverändert. Andere, wie die wiederholte Rezitation des Sündenkatalogs, werden an die Gepflogenheiten des Jewish Renewal angepasst. »Die Teilnehmer schreiben normalerweise ihre eigenen Sünden und Verfehlungen auf«, sagt Roth. Später werden sie dann anonym verlesen. »Wir bitten also um Vergebung für echte Verfehlungen von echten Menschen«, so der 68-Jährige. »Das macht es viel persönlicher, nicht so abstrakt.«

Wie ein vergleichbares Gefühl der Nähe und Identifikation online hergestellt werden soll, kann er sich aber noch nicht genau vorstellen, gesteht Roth. Auch aus diesem Grund wird Sarah Chandler dieses Jahr Jom Kippur überwiegend im Freien verbringen.

Im Vorwort zu ihrem Minigebetbuch beschreibt die in einer kleinen Wohnung in Brooklyn lebende Kohenet, dass sich bei ihr in den vergangenen Monaten der Pandemie oftmals über Online-Veranstaltungen kein Gemeinschaftsgefühl eingestellt hat. »Doch wenn ich draußen bin, im Wald, im Park oder am Strand, dann fühle ich mich wohl und geborgen«, schließt sie. Die Pflege der Verbindung zu sich selbst und zur Natur hat in diesem Jahr für sie Priorität.

Buenos Aires

Argentinien: Richter ordnet Prozess wegen Terroranschlags von 1994 an

Über 32 Jahre ist es her, dass Terroristen einen Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires verübten. 85 Menschen wurden ermordet. Nun entschied ein Richter, den Prozess gegen die Verdächtigen zu eröffnen

 22.09.2026

Kanada

Schüsse vor Synagoge: Polizist und mutmaßlicher Angreifer schwer verletzt

Der Vorfall ereignete sich am Sonntagabend, während sich rund 25 Menschen in der Sons of Jacob Synagogue zum Jom Kippur versammelt hatten

 22.09.2026

Österreich

Bericht: Wien wird zur Anlaufstelle für deutsche Juden

Wien als sicherer Hafen für Juden? Immer mehr jüdische Familien zieht es dem Vernehmen nach aus Deutschland in die österreichische Hauptstadt. Antisemitismus nimmt aber auch hier zu

 20.09.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026

Synagoge in Mailand (Archiv)

Mailand

»Niemand wird mich hier erniedrigen«

Nach antisemitischer Attacke durch arabische Männer: Jetzt spricht der angegriffene Rabbiner

 17.09.2026 Aktualisiert

Nachruf

Peter Max: Der Künstler hinter den bunten Bildern der Hippie-Ära

Peter Max Finkelstein ist tot. Er wurde in Berlin geboren. Seine Familie und er flohen vor den Nazis nach Shanghai und kamen später über Israel nach Amerika.

 17.09.2026

München

Rabbiner: Plan gegen islamistischen Terror ist Vorbild für Europa

Mit einem Zehn-Punkte-Plan sollen in Deutschland Radikalisierung und islamistischer Terror bekämpft werden. Zustimmung kommt von Rabbinern, die über die Landesgrenzen hinaus denken

von Leticia Witte  17.09.2026