Geschichte

Kofferpacken nach dem Exil

»Die chinesischen Kommunisten standen vor der Tür.« Lebhaft erinnerte sich der 2014 verstorbene Alf Schneider im Gespräch an das Frühjahr 1949. »Es hatte keinen Sinn mehr zu warten; jeder Ort auf der Welt wäre besser als Shanghai.« Adolf Schneider, genannt Alf, war 1926 als jüngster Sohn von Simon und Sally Schneider geboren worden.

Die Eltern führten in Wien ein Schuhgeschäft, doch mit dem »Anschluss« Österreichs endete die bürgerliche Existenz der jüdischen Familie: Obwohl Simon Schneider im Ersten Weltkrieg als Soldat für Österreich-Ungarn gekämpft hatte, entzogen ihm die Nationalsozialisten die Staatsbürgerschaft. Er fand Aufnahme in Shanghai.

Simon verfügte noch über finanzielle Mittel; er konnte ein Haus kaufen und eine wirtschaftliche Existenz aufbauen. Seiner Frau und den beiden Söhnen Georg und Adolf gelang es im Februar 1941 ebenfalls, nach Shanghai zu emigrieren.

VISA Die chinesische Hafenstadt war ab 1938 Zufluchtsstätte für rund 20.000 jüdische Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich. Sie war weltweit der einzige Ort, an dem Emigranten sich ohne ein Visum niederlassen konnten. Ab 1941 wurde Shanghai von den Japanern besetzt – und der Zuzug von jüdischen Flüchtlingen unterbunden.

Trotz Schwierigkeiten gab es Synagogen, Schulen, Zeitungen, politische Organisationen und eine Jeschiwa.

Schon vor der Ankunft europäischer Juden gab es hier jüdische Gemeinden. Mit ihrer Hilfe sowie dem »American Jewish Joint Distribution Committee« wurden Unterkünfte bereitgestellt. Wenige konnten sich etablieren. Alfs Onkel mütterlicherseits, Ignatz und Bernhard Horowitz, gelang es mit einer Weberei und einem Kaffeehaus. In der Textilfabrik fanden auch Alf und sein Vater Arbeit, während der Bruder in einem Laden beschäftigt war.

Trotz Schwierigkeiten gab es Synagogen, Schulen, Zeitungen, politische Organisationen und eine Jeschiwa. Als der Krieg im Pazifik begann, verschlechterten sich die Lebensbedingungen jäh, da die Japaner nun ein Ghetto errichteten, in das die Juden umsiedeln mussten, das man allerdings mit Passierschein verlassen konnte. Im August 1945 zogen US-Truppen in Shanghai ein.

AUSTRALIEN Nun setzte das große Kofferpacken ein; Die meisten Juden wollten in die USA, nach Kanada oder Australien. Gleichwohl mussten sie noch jahrelang ausharren. Erst als der Staat Israel gegründet worden war und die klassischen Emigrationsländer ihre Einwanderungspolitik liberalisierten, konnten die Juden Shanghai den Rücken kehren.

»Da meine Mutter in Polen geboren war und die polnische Quote für die USA schon voll war, kam für uns nur noch Australien in Betracht«, berichtete Alf Schneider. Seine beide Onkel Ignatz und Bernhard Horowitz ergatterten ein Visum für die USA. Anfang 1949 konnten Alf, Georg und Mutter Sally nach Australien. Vater Simon war im Dezember 1944 an der tropischen Ruhr verstorben; er ist in Shanghai begraben.

Exodus Als die Kommunisten unter Mao Tse-tung die Macht in China übernommen hatten und ihre Truppen vor der Stadt standen, begann der finale Exodus. »Wir hatten Glück«, freute sich Alf noch ein halbes Jahrhundert später, »denn nachdem wir unsere Papiere erhalten hatten, fuhr auch gleich ein Frachtschiff in Richtung Australien los.

Innerhalb von 24 Stunden waren wir an Bord.« Im Februar 1949 gelangten die Schneiders nach Sydney. »Endlich hatten wir einen sicheren Zufluchtsort«, berichtete Alf freudestrahlend. »Denn in Shanghai gab es keine Zukunft für uns.« Die letzten Juden, zumeist Alte und Kranke, verließen Shanghai im Herbst 1950, sie wurden mit Schiffen der »International Refugee Organization« nach Israel gebracht.

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