Niederlande

Keine Judenkekse mehr

Noch im Laden: eine der letzten Packungen Foto: Tobias Müller

Niederlande

Keine Judenkekse mehr

Nach mehr als 130 Jahren wird die Gebäckspezialität »Jodenkoeken« umbenannt – jüdische Organisationen sind irritiert

von Tobias Müller  06.03.2021 18:53 Uhr

Die Nachricht löste auf dem niederländischen Gebäckmarkt einige Turbulenzen aus: Jodenkoeken (»Judenkekse«), eine traditionelle Sandteigspezialität aus der Provinz Nordholland, sollen künftig »Odekoe­ken« (»Ode-Kekse«) heißen.

»Wir leben in einer Zeit, in der Gleichheit und Inklusivität wichtige Werte sind. Anders als Diversität unterstreicht Inklusivität nicht die Unterschiede zwischen Menschen, sondern es geht um gegenseitige Verbundenheit.« Mit dieser für einen Süßwarenhersteller recht elaborierten Erklärung begründete die Firma Davelaar, die die Kekse seit 1883 produziert, ihre Entscheidung. Aus einer Umfrage unter Kunden, berichtet die Rundfunkanstalt Nederlandse Omroep Stichting (NOS), sei hervorgegangen, dass sich gerade jüngere Verbraucher an dem Namen störten.

Herkunft Woher die Bezeichnung kommt, lässt sich nicht genau sagen. Oft wird behauptet, ein jüdischer Bäcker aus Amsterdam habe die runden, handtellergroßen trockenen Kekse erfunden. Nach einer anderen Erzählung erinnert der Name an die notgeborene Gewohnheit armer Juden, den Teig besonders dünn auszurollen. Wieder andere schreiben die Kekse einem Bäcker zu, der zufällig De Joode hieß, aber kein Jude war.

Was auch immer dahintersteckt, die jüdische Dachorganisation Centraal Joods Overleg (CJO) empfand den Namen nie als anstößig oder verletzend. »Wir hatten kein Problem mit den Jodenkoeken«, zitiert die Website jonet.nl den Vorsitzenden Eddo Verdoner. Der Name habe keine negative Assoziation hervorgerufen, deshalb sei von jüdischer Seite nicht darum gebeten worden, ihn zu ändern.

Woher die Bezeichnung kommt, lässt sich nicht genau sagen. Oft wird behauptet, ein jüdischer Bäcker aus Amsterdam habe die runden, handtellergroßen trockenen Kekse erfunden.

Auch Alfred Edelstein, Direktor des jüdischen Rundfunk-Programms Joodse Omroep, hält den neuen Namen für unnötig: »Ich habe nie gehört, dass irgendjemand in der jüdischen Gemeinschaft damit ein Problem hätte. Der Name hat sich eingebürgert, genau wie ›Drentse Oudewijvenkoek‹ (›Altweiberkuchen aus der Provinz Drenthe‹). Aber in unserem Teil der Welt wird Identität immer wichtiger, und wir ahmen Amerika darin nach, damit immer weiter zu gehen.«

Der Schritt sei angesichts des steigenden Antisemitismus rein kosmetisch, betont Edelstein im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen und verweist auf die rechtspopulistische Partei Forum voor Democratie (FvD), aber auch auf islamische und die traditionelle Judenfeindschaft in der niederländischen Gesellschaft. »Dies ist der eigentliche Elefant im Raum, und Jodenkoeken tragen zum Antisemitismus nicht bei. Es wäre schön, wenn das wirkliche Problem mit einem solchen Schritt zu beheben wäre.«

Konkurrenz In der Backwarenindustrie wirft der Plan der Firma Davelaar derweil die Frage auf, wie sich die Konkurrenz nun verhält, die auch entsprechende Kekse im Sortiment hat. Der Rundfunksender Omroep Brabant meldete, auch Lotus Bakeries erwäge, sein Produkt Echte Enkhuizer Jodekoek umzubenennen, weil der Name »in der heutigen Zeit womöglich zu Sensibilitäten führen kann«. Wann darüber entschieden werde, sei aber noch nicht bekannt.

Unterdessen hat auch die jüdische Satire-Website »De Schpeld« reagiert. Kurz nach Bekanntwerden der Namensänderung erklärte sie, dass die niederländische Mazzen-Fabrik Hollandia ihr Produkt pünktlich zu Pessach als »Jodenkoeken« verkaufen werde.

De Schpeld zitiert den Direktor wie folgt: »Dies ist mein Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte um Polarisierung. Es ist meschugge, dass der Name eines Produkts geändert wird, weil er möglicherweise an eine Bevölkerungsgruppe erinnert. Jodenkoeken sind lecker und verkaufen sich gut. Es ist doch gut, wenn die Leute Juden mit etwas Leckerem assoziieren, gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus zunimmt. Ich hoffe, dass meine Mazzen, jetzt Jodenkoeken, ein Gegengewicht dazu bilden.«

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