Griechenland

»Kein Licht am Ende des Tunnels«

Diego Ornique Foto: diego@Barcelona

Herr Ornique, Sie sind kürzlich in Athen gewesen. Wie kommt die dortige jüdische Gemeinde mit der Krise zurecht?
Die Menschen haben es schwer – und das seit Jahren. Aber sie gehen bewundernswert mit der Krise um. Die Gemeinde tut, was sie kann, es ist sehr viel Solidarität zu spüren, die Mitglieder unterstützen einander. Aber etliche haben Angst vor dem, was noch alles auf sie zukommt – denn man sieht ja noch lange kein Licht am Ende des Tunnels. Alle wissen: Die Zukunft der Gemeinde ist unmittelbar mit der Zukunft des Landes verbunden.

Wie viele Mitglieder sind derzeit auf die Hilfe der Gemeinde angewiesen?
In Athen kommen rund 330 nicht allein über die Runden. Das sind mehr als zehn Prozent der Mitglieder – und es werden immer mehr.

Was tun Sie für die Gemeinden?
Wir unterstützen sie auf zweierlei Art: Erstens helfen wir schon seit einigen Jahren mit Geld. Wir haben zwischen 2012 und 2014 knapp eine Million Euro zur Verfügung gestellt. Und in diesem Jahr sind es bereits 360.000 Euro, die wir als Nothilfe nach Griechenland geschickt haben: Geld für Lebensmittel, Medikamente, Umschulungen, Stipendien und vieles mehr.

Was tun Sie über die finanzielle Unterstützung hinaus?
Wir versuchen, der Gemeindeführung zu zeigen, wie sie eigene Ressourcen besser nutzen kann, wie sie wohlhabende Gemeindemitglieder dazu bewegt, mehr zu spenden, und wie sie eine Art Stipendienwesen ins Leben ruft, sodass auch Kinder aus ärmeren Familien auf der jüdischen Schule bleiben können. Wir geben den Gemeinden Tipps, wie man unter den schwierigen Umständen den Armen besser helfen kann und wie sich auch mit begrenzten Mitteln Sozialdienste aufrechterhalten lassen. Außerdem helfen wir bei der Haushaltsplanung – das ist schwierig in solchen Zeiten.

Sie verfügen über die Expertise, denn Ihre Organisation hat jahrzehntelange Erfahrungen im Umgang mit Krisen.
Ja, manche Entwicklungen in Griechenland erinnern mich an die Argentinien-Krise vor rund 15 Jahren. Als in Athen vor zwei Wochen wegen der geschlossenen Banken das Bargeld knapp wurde, haben wir der Gemeinde vorgeschlagen, Supermarktgutscheine zu kaufen und an bedürftige Mitglieder zu verteilen. So kann man ihnen auch ohne Bargeld helfen. Inzwischen bereiten wir uns auf den Fall vor, dass es in den Geschäften nicht mehr genügend Lebensmittel zu kaufen gibt. Wir hoffen zwar, dass es nicht so weit kommt, aber wir schaffen gemeinsam mit der Gemeinde eine Infrastruktur für diesen Notfall.

Hat Ihre Organisation in Griechenland auch eigene Strukturen aufgebaut?
Nein, das tun wir nie. Wir arbeiten immer mit den Gemeinden vor Ort zusammen. Zurzeit ermitteln wir gemeinsam den Hilfsbedarf. Das ist schwierig, denn wer weiß schon, was die nächsten Wochen bringen? In Griechenland kann sich zurzeit alles sehr schnell ändern.

Mit dem Europa-Direktor des Jewish Distribution Committee (JOINT) sprach Tobias Kühn.

Philanthropie

Lauder-Stiftung lässt Förderung jüdischer Schulen in sieben europäischen Städten auslaufen

Zum Abschluss der jahrzehntelangen Förderung stellt die Ronald S. Lauder Foundation noch einmal 75 Millionen Dollar bereit. Die Strategie: Hilfe zur Selbsthilfe

 21.08.2026

Yotam Ottolenghi (l.) und Anthony Bourdain

Kulinarisches

Als Yotam Ottolenghi mit Anthony Bourdain einmal in der Wüste landete

Der israelisch-britische Koch erinnert sich zum Filmstart von »Tony« an seine Begegnung mit seinem berühmten amerikanischen Kollegen

von Katrin Richter  21.08.2026

Schweiz

»Death to Zionism«: Anti-Israel-Demo sorgt in Basel für Unruhe

Ausgerechnet am Jahrestag des Ersten Zionistenkongresses soll eine Kundgebung stattfinden, bei der die Vernichtung Israels propagiert wird

 20.08.2026

Wien

Sieben Tage vermisst

Das Verschwinden zweier Israelinnen löste eine groß angelegte internationale Suchaktion aus. Die Geschichte aus realer Angst, einer Nachrichtensperre und wilden Gerüchten hat zwei Versionen

von Sophie Albers Ben Chamo  20.08.2026

Block-Prozess

Verteidiger: Ermittlungen zum Fall Block waren zu einseitig

Die Chefermittlerin im Fall Block hat ihre Zeugenbefragung abgeschlossen. Nur einer, ein 37-Jähriger aus Israel, hat die Vorwürfe eingeräumt

 19.08.2026

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  19.08.2026

Debatte

Zentralrat der Juden übt scharfe Kritik an Itamar Ben-Gvir

Israels rechtsextremer Minister Ben-Gvir wirbt unverhohlen für Tötungen im Gazastreifen. Das sorgt international für Entsetzen - auch beim jüdischen Dachverband in Deutschland

 18.08.2026 Aktualisiert

Portugal

Staatsanwaltschaft soll Antisemitismus-Vorwürfe an Universität Coimbra untersuchen

Auch auf dem Campus im Coimbra wird offenbar antisemitische Propaganda verbreitet. Ein jüdischer Student soll Todesdrohungen erhalten haben

 18.08.2026

USA

Die berühmteste Nähmaschine der Welt

Vor 175 Jahren ließ Isaac M. Singer seine »Sewing Machine« patentieren – und löste damit in der Textilindustrie und in Privathaushalten eine Revolution aus

von Sarah Thalia Pines  17.08.2026