Schweden

Kalte Heimat

»Kindermörder Israel«: Pro-Palästina-Demonstrantin Ende Juli in Stockholm Foto: dpa

Auswandern kann ich später immer noch», sagt Victor Borslëv (22). «Jetzt habe ich andere Dinge zu tun.» Der Vorsitzende des jüdischen Jugendverbands in Schweden feilt gerade an seiner Rede zur Kippawanderung am Sonntag in Stockholm. Zusammen mit der jüdischen Gemeinde organisiert er die Kundgebung gegen Antisemitismus. «Wir wollen ein Zeichen setzen», sagt er.

Borslëv ist in Göteborg geboren. Angst, sich als Jude erkennen zu geben, hatte er bislang nicht. Doch seit diesem Sommer ist das anders. «Beschimpfungen gegen Juden haben grobe Formen angenommen», sagt er, «viele meiner Freunde erhalten im Netz Morddrohungen. Wie soll man da nicht ans Auswandern denken?» Bei Aktionen wie der Kippawanderung geht es für Borslëv daher schlichtweg um Aufklärung. Die scheint bitter nötig. Denn der Sprachgebrauch im Internet habe sich seit dem Israel-Gaza-Konflikt verändert, sagt Ingrid Lomfors, Generalsekretärin der jüdischen Gemeinde Stockholm: «Es ist, als sei in den sozialen Medien ein Damm gebrochen.»

angst Viele Juden fühlen sich verunsichert. Die Anzahl der antisemitischen Vorfälle sei deutlich gestiegen, so Lomfors. «Hinzu kommen beunruhigende Bilder von antisemitischen Demonstrationen in anderen Ländern Europas. Unsere Geschichte lehrt uns, aufmerksam zu bleiben.» Aber: «Es ist zu früh, um vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Die Angst darf uns nicht steuern.»

Das findet auch Gabrielle Lewinowitz. Sie will auf jeden Fall zur Kippawanderung gehen, Schweden sei schließlich ihr Zuhause, sagt sie – doch zum ersten Mal denkt sie über Alternativen nach: «Ich will nicht, dass meine Kinder in Schweden festsitzen – falls sich der Antisemitismus langfristig hier einnistet.» Es habe auch vor dem neuen Konflikt zwischen Israel und der Hamas Antisemitismus in Schweden gegeben, sagt sie. Aber jetzt? «Wer sich heute als Antisemit outet, bleibt trotzdem gesellschaftsfähig, denn Israelkritik ist für viele plausibel geworden», meint sie.

Die Organisatoren der Kippawanderung bitten deshalb darum, israelische Flaggen zu Hause zu lassen. Doch gehört Israel nicht zur jüdischen Identität? «Natürlich ist Israel Teil unserer Kultur», sagt Borslëv. Es müsse legitim sein, als schwedischer Jude zu Israel zu stehen. «Doch jetzt geht es vor allem darum, für unsere Rechte als schwedische Juden einzutreten.»

Wahlen Ingrid Lomfors setzt weiterhin auf einen ständigen Dialog mit Politikern und der Polizei. Doch taugt Antisemitismus als Wahlkampfthema für die Parlamentswahlen im September? Wohl kaum. «Unsere Politiker tun sich noch immer schwer damit anzuerkennen, dass auch Einwanderer Rassisten sein können», meint Borslëv. «Wenn jetzt nichts passiert, haben wir in 20 bis 30 Jahren hier keine Zukunft mehr», fürchtet Gabrielle Lewinowitz. «Denn was sind 20.000 Juden im Vergleich zu einer halben Million wahlberechtigter Muslime?»

Dabei bereitet ihr nicht nur die Gewaltbereitschaft radikaler Islamisten Sorgen, sondern auch der wachsende Einfluss importierter Konflikte auf die schwedische Öffentlichkeit. «Ich liebe Israel, doch ich lebe hier, ich bin schwedische Jüdin. In Israel habe ich kein Wahlrecht und kann die Politik nicht beeinflussen. Trotzdem wird uns hier eine Kollektivschuld zugeschrieben für alles, was in Israel passiert», empört sie sich.

Viele Schweden würden zwischen Israel und Juden kaum unterscheiden, sagt sie: Israel gleich Verbrecherstaat – diese Formel bestimme die öffentliche Wahrnehmung. «Selbst bei der letzten Pride Parade in Stockholm tauchten plötzlich anti-israelische Plakate auf – dabei ist Tel Aviv die Schwulenmetropole schlechthin!» Auch die Haltung vieler schwedischer Politiker befremdet sie. «Linke, Sozialdemokraten und Grüne verbrüdern sich mit der Hamas, die Frauen und Kinder unterdrückt. Wo bleibt da der schwedische Sinn für Gleichberechtigung, Emanzipation und Kinderrechte?»

Kippawanderung Anne Kalmering hingegen wird nicht zur Kippawanderung gehen. Das braucht sie auch nicht, denn sie ist die Stimme schlechthin, wenn es um jüdische Kultur in Schweden geht. Konzerte und Festivals – für die Schauspielerin und Sängerin gehört Öffentlichkeit zum Job. «Wenn man sich nicht zeigt, kann man auch keine positiven Erfahrungen machen, dann trifft man nicht all die Menschen, die sehr wohl unterscheiden zwischen Israels Politik und schwedischen Juden», so ihre Erfahrungen in diesem Sommer.

Kalmering ist optimistisch, dass die Stimmung wieder abflaut, sobald sich die Lage in Nahost beruhigt. Dennoch ist sie froh, dass ihre Kinder einen anderen Nachnamen tragen als sie. Denn zum ersten Mal fühlt auch sie sich unbehaglich. Doch sich verstecken? Auf keinen Fall! «Jeder schwedische Jude muss zu sich stehen dürfen!» Deshalb tritt Kalmering auch in Schulen auf. Sie zeigt, dass man Schwedin sein und zugleich eine andere Kultur haben kann. Auch Begegnungen mit muslimischen Jugendlichen erlebt sie dabei als positiv.

Bei Victor Borslëv stößt die Künstlerin damit auf offene Ohren. Unermüdlich kurbelt er Dialogforen und Demokratieprojekte an, hält Kontakt zu Schulen und zum «Verein junger Muslime gegen Antisemitismus». «Die Schüler sollen sehen, dass ich ein ganz gewöhnlicher Göteborger bin und kein Mossad-Agent. Ich trinke Bier, spiele Fußball und bin Jude. Ich will zeigen, dass Judesein etwas Positives ist.» Victor Borslëv klingt beunruhigt, aber entschlossen. Er will dranbleiben. Genau das wird er am Sonntag auch bei der Kippawanderung sagen.

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

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