Belgien

Junge Familien wollen weg

Vor jüdischen Einrichtungen stehen Soldaten, wie hier vor einer Synagoge in Antwerpen. Foto: dpa

Belgien

Junge Familien wollen weg

Der Terror von Paris verunsichert die Gemeinden im Nachbarland

von Adonia Moscovici  01.12.2015 12:45 Uhr

Mit einigem zeitlichen Abstand zu den Terroranschlägen von Paris hat man in Belgien angefangen, die längerfristigen Folgen der Schreckensereignisse zu betrachten. Die Attentate haben das Land zutiefst erschüttert, obwohl es nicht direkt davon betroffen war.

Es kam aber wie ein Schock, wenngleich für viele auch nicht völlig überraschend, dass die Mordtaten von Brüssel aus geplant und gesteuert wurden. Zudem stellte man fest, dass es konkrete Anschlagspläne auch für Ziele in Belgien gegeben hat. Das führte in Brüssel zur Ausrufung der höchsten Sicherheitsstufe, die das Leben in der Hauptstadt mehrere Tage lang erheblich einschränkte.

Die Reaktionen in Belgiens jüdischer Gemeinde, die immerhin 40.000 bis 50.000 Mitglieder zählt, sind durchaus geteilt. Die Attentate selbst haben vielfach zunächst, wie in anderen Ländern auch, zum trotzigen »Jetzt erst recht!« geführt.

Nach der entsprechenden Warnung der Sicherheitsbehörden blieben am Schabbat nach den Anschlägen und auch eine Woche danach rund 80 Prozent der Synagogen geschlossen. Michael Rosenblum von der Europäischen Synagoge im Herzen des Europaviertels in Brüssel sagte der Jüdischen Allgemeinen hingegen: »Wir hatten an den beiden Schabbatot geöffnet, und wir werden auch weiter offen bleiben. Wir müssen ein Licht in der Welt sein.«

Der Vorsitzende der sefardischen Gemeinde Antwerpen, Maurice Tal, stimmt ihm zu: »Sicherheitsprobleme hat es immer gegeben. Man darf sich davon nicht schwächen lassen.«

Zukunft Viele aber sind verunsichert. Brüssels Oberrabbiner Avraham Guigui sagte in einem Interview kurz nach den Anschlägen: »Die Menschen beten jetzt vielfach alleine oder kommen zum Minjan in Privathäusern zusammen.« Sein Fazit: »Die Leute erkennen, dass es für Juden in Europa keine Zukunft gibt.«

Sehr pessimistisch ist inzwischen auch die frühere Vorsitzende der Belgischen Zionistischen Organisation, Betty Dan. Sie sagte in einem Interview mit dem Londoner »Telegraph«, dass immer mehr jüdische Familien darüber nachdenken, Belgien zu verlassen und nach Israel, in die USA oder nach Kanada auszuwandern. Jeden Tag riefen im Durchschnitt fünf Menschen an, um sich bei ihr über die Alija, die Auswanderung nach Israel, zu informieren.

Bis vor einigen Jahren seien es vor allem Rentner gewesen, die nach Tel Aviv oder Haifa auswandern wollten, sagt Dan. »Aber inzwischen sind es junge Familien, die ihre Häuser verkaufen und alles zurücklassen. Sie haben Angst.«

Ihre Tochter, sagt Ban, habe früher niemals darüber nachgedacht, Belgien zu verlassen. »Doch jetzt fragt sie sich, was für eine Zukunft ihr Sohn wohl in Europa haben wird. Wir fühlen uns hier eben nicht mehr sicher.«

Bedrohung Auch der Rabbiner der Europäischen Synagoge, Avi Tawil, ist entsetzt über den alltäglichen Judenhass in Belgien. »Ich bin in Argentinien aufgewachsen und habe dort manches an Antisemitismus erlebt«, sagt er. »Aber das ist nicht zu vergleichen mit dem, was meine Kinder in Europa im Jahr 2015 durchmachen müssen.« Er selbst, erzählt er, werde auf der Straße immer wieder beschimpft, beleidigt und bedroht. All das werde regelmäßig begleitet von »Allahu Akhbar«-Rufen oder von Flüchen auf Arabisch.

Trotzdem wird in der Öffentlichkeit immer wieder hervorgehoben, dass es zahlreiche, auch muslimische Initiativen gibt, die der Verständigung dienen und Vorurteile abbauen sollen. Das entspricht ganz und gar dem traditionell toleranten gesellschaftlichen Klima in Belgien. Dort pflegen Flamen und Wallonen seit jeher eine innige Abneigung gegeneinander, aber es hat so gut wie nie gewaltsame Auseinandersetzungen gegeben.

Ein prominentes Beispiel für jüdisch-muslimische Kontakte war die Teilnahme von Serge Rozen, dem Vorsitzenden des Belgischen Koordinationskomitees der Jüdischen Gemeinden (CCOJB), an der Feier des Iftar-Festes im letzten Sommer. Außerdem gibt es immer wieder gemeinsame Aufrufe zur Besonnenheit.

Auch die Position des belgischen Staates ist eindeutig. Es war Premier Charles Michel, der den Satz prägte: »Belgien ohne Juden wäre nicht mehr Belgien. Europa ohne Juden wäre nicht mehr Europa.« Zwar meinen manche, die Politiker beließen es zu oft nur bei Lippenbekenntnissen. Doch Philippe Markiewicz, der Vorsitzende des Zentralen Israelitischen Consistoriums Belgiens, der offiziellen Vertretung der belgischen Juden, sagt, man wisse in den Gemeinden die Maßnahmen des Staates zum Schutz jüdischer Einrichtungen sehr zu schätzen.

Seit Monaten werden jüdische Schulen, Synagogen und Gemeindezentren von Polizei und Soldaten bewacht. »Juden können immer und überall Opfer werden«, sagt Markiewicz. »In Belgien tut der Staat viel, um dem entgegenzuwirken.«

Das begrüßt auch Maurice Tal, dessen Kinder in Antwerpen zur Schule gehen. Dort stehen Soldaten vor dem Eingang und schützen das Haus und die Kinder: »Was kann man mehr verlangen?«, fragt Tal.

Doch die belgischen Juden sind in der Wahrnehmung der Gegenwart und der Zukunft tief gespalten. So beunruhigt genau diese Präsenz von Sicherheitskräften manches Gemeindemitglied. Eine Frau, die vor einigen Monaten eine Alija-Messe in Brüssel besuchte, sagte: »Erst standen vor den Schulen nur Wachen. Jetzt haben wir die Armee. Wohin soll das noch führen?«

Bergen-Belsen

Holocaust-Überlebender Tomi Reichental gestorben

In Irland gehörte er zu den prominentesten Zeitzeugen des Holocaust. Tomi Reichental überlebte als Kind das KZ Bergen-Belsen. Jetzt ist er gestorben

von Karen Miether  01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026

Erinnerung

Jugendliche im Anne Frank Haus in Amsterdam - Ein Besuch

Rund eine halbe Million Jugendliche aus aller Welt besuchen jährlich das Anne Frank Haus in Amsterdam. Was denken sie, wenn sie das Versteck sehen? Und was ist ihr Eindruck vom vielleicht bekanntesten Tagebuch der Welt?

von Nina Schmedding  01.06.2026

Nachruf

Edgar Morin gestorben: Stimme des kritischen Denkens verstummt

Der französische Philosoph, Soziologe und Publizist wurde 104 Jahre alt

 01.06.2026

Kulinarisch

Ein Michelin-Stern für die Safta

Tränen, Konfetti und ein Stück Geschichte: Das Restaurant »Mutra« des Israelis Raz Shabtai erhält als erstes koscheres Lokal weltweit die legendäre Auszeichnung

von Sabine Brandes  31.05.2026

Barcelona

Kein Saunazutritt mit Davidstern?

Zwei Jüdinnen soll der Zutritt zu einer LGBTQ-Sauna verweigert worden zu sein. Die Betroffenen haben Anzeige bei den zuständigen Behörden erstattet

 31.05.2026

Meinung

Fertig Idylle!

Am Mittwoch sticht in der Winterthurer Innenstadt ein Mann auf vorbeilaufende Passanten ein und schreit »Allahu Akbar« – ein Weckruf für die Schweiz

von Nicole Dreyfus  28.05.2026

Warnung

Steven Spielberg will keine KI nutzen

Der Filmemacher sieht einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung.

 28.05.2026

Interview

»Das ist nicht normal«

Regina Sluszny überlebte die Schoa, weil sie von katholischen Belgiern versteckt wurde. Angesichts des Strafverfahrens gegen Mohalim fragt sich die Vorsitzende des jüdischen Dachverbands FJO, ob es für Juden in Belgien noch eine Zukunft gibt

von Michael Thaidigsmann  27.05.2026