USA

Juden helfen Migranten

Migrantenfamilien aus Texas bei der Ankunft am Port Authority Bus Terminal in New York City Foto: picture alliance / abaca

Es war eine der perfidesten Aktionen von Trump und seinen Vasallen in den grenznahen Bundesstaaten: Geflüchtete »nach New York« zu schicken. Sollte die von ihnen so verhasste liberale Stadt doch die Elenden aus Südamerika aufnehmen, die skrupellose Schleuser über die Grenze nach Arizona oder Texas gebracht hatten. So wurden Busladungen voller Menschen an die Ostküste geschickt – mehr als 100.000 sind seit dem Frühjahr auf diesen oder anderen Wegen nach New York gekommen. Zum Glück wartete dort jemand auf sie.

Eindrücklich schildert Julia Gergely von der »Jewish Telegraphic Agency« (JTA), wie jüdische New Yorkerinnen und New Yorker den Migranten zur Seite stehen und helfen.

Vor einer kürzlich eröffneten Unterkunft, die rund 2000 Menschen in Brooklyns Navy Yard beherbergen soll, sind zwei bescheidene Zelte aufgebaut, in denen Freiwillige das Nötigste wie Lebensmittel, Handtücher und Toilettenartikel verteilen, aber auch Dinge zum Zeitvertreib wie Karten, Schachspiele und Bücher ausgeben.

Eine Charity für koschere Notversorgung

Das alles wird bereitgestellt von »Masbia Relief«, einer kommunalen jüdischen Hilfsorganisation, die zum Masbia-Netzwerk gehört, einer Charity für koschere Notversorgung. Die begann 2005 als Suppenküchen-Angebot für Notleidende. Gegründet wurde sie von zwei orthodoxen Juden aus Brooklyn, einer davon ist Alexander Rapaport. »Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem alle vier Großeltern Holocaust-Überlebende waren«, sagte Rapaport der »New York Jewish Week«. »Da war immer dieser Gedanke: Wo waren alle anderen? Wo war der Rest der Welt, als das alles passierte? Für mich kann man eine Situation wie diese nicht ignorieren.«

Eines der Zelte ist mit einer amerikanischen Flagge geschmückt und einem Schild, auf dem »Welcome to NYC«, »Bienvenidos« und »Shalom Aleichem« steht. Auf dem anderen sind Zeilen aus »The New Colossus« zu lesen, dem berühmten Gedicht der sefardischen Jüdin Emma Lazarus, das in den Sockel der Freiheitsstatue eingraviert ist.

In der Übersetzung der 2020 gestorbenen Schriftstellerin Ruth Klüger lautet der Passus: »An unser meerumspültes Tor gerückt steht eine mächt’ge Frau, die Mutter der Migranten, den Blitz als Fackel in der starken Hand, ein Leuchtturm, der zwei Städte überbrückt. Sie ruft: Behaltet den berühmten Tand und euren Pomp an euren alten Küsten. Schickt mir stattdessen eure Mittellosen, die Heimatlosen, hoffnungslos Zerlumpten, vom Sturm Gebeutelten, die Abgestumpften, die Müden, die trotzdem nach Freiheit dürsten.«

Anfeindungen von Einwanderungsgegnern

Rapaport und sein Team sind seit August vergangenen Jahres vor Ort, um die Neuankömmlinge in New York City willkommen zu heißen. Damals schickte der texanische Gouverneur Greg Abbott seine erste Busladung mit Migranten zum Port Authority Bus Terminal in Manhattan, und Masbia begrüßte sie mit kostenlosen Schuhspenden.

Anfang dieses Sommers stieß aber auch Masbia an Grenzen, als Hunderte von Migranten gezwungen waren, auf dem Bürgersteig vor dem Roosevelt Hotel in Midtown zu schlafen, einem behelfsmäßigen Aufnahmezentrum der Stadt, das seine Kapazität längst erreicht hatte. Als Reaktion darauf wurden in den kommenden Wochen mehrere zusätzliche Notunterkünfte eröffnet, darunter große, zeltartige Bleiben, die auf Fußballfeldern wie auf Randall’s Island im East River und auf dem Parkplatz des staatlichen Creedmoor Psychiatric Center in Queens eingerichtet wurden.

Auch in Brooklyn wurden einige dieser Notunterkünfte eröffnet, darunter im Sunset Park Recreation Center, im McCarren Park Play Center und in einem zuvor leerstehenden Gebäude namens The Hall in der 47 Hall Street in der Navy Yard. Bürgermeister Eric Adams, der seit einem Jahr auf die humanitäre Krise hinweist, fordert staatliche Hilfe in Höhe von zwölf Milliarden Dollar, um dem Zustrom von Migranten in den kommenden drei Jahren begegnen zu können.

»Dies ist eine humanitäre Krise, keine politische Frage.«

Aktivistin Judith Bass

Viele Menschen – und vor allem auch New Yorks Juden – sind trotz logistischer Probleme und Anfeindungen von Einwanderungsgegnern weiterhin entschlossen, den Neuankömmlingen zu helfen. Die Synagogue Coalition on the Refugee and Immigration Crisis (Synagogen-Koalition zur Flüchtlings- und Einwanderungskrise), eine Gruppe von 36 Synagogen und jüdischen Non-Profit-Organisationen, hat sich zusammengeschlossen, um eine starke Front zu bilden.

Zu den teilnehmenden Einrichtungen gehören die Synagogen B’nai Jeshurun und Ansche Chesed, T’ruah: The Rabbinic Call for Human Rights und die Marlene Meyerson JCC Manhattan. Diese Koalition, so die Co-Vorsitzende Judith Bass, »gibt uns als Teil der jüdischen Gemeinschaft eine Stimme und eine Präsenz, um unsere Unterstützung für die Asylsuchenden und Migranten zum Ausdruck zu bringen«.

Die Gruppe wurde 2016 mit Unterstützung von HIAS, der jüdischen Hilfsgesellschaft für Einwanderer, als Reaktion auf die syrische Flüchtlingskrise gegründet. Zusätzlich zur Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und der Hilfe beim Ausfüllen von Behördenpapieren beteiligen sich Mitglieder und Unterstützer der Koalition an freiwilligen Aktionen wie der Begrüßung von Migranten und der Durchführung von Lebensmittel- und Kleidersammlungen.

»Wir sind dankbar, dass sie uns helfen«

Seit dem Sommer sind Rapaport und zwei weitere Masbia-Freiwillige in den Zelten vor The Hall, der neuen Notunterkunft im Navy Yard. Carlos, ein Mann um die 30, der seinen Nachnamen nicht nennen will, war vor sechs Monaten aus Venezuela gekommen. Er nahm ein Handtuch, Seife, Deodorant und einige Pfirsiche aus den Zelten mit. »Im Moment läuft es nicht sehr gut«, sagte er der New York Jewish Week. »Ich kann nicht sagen, dass es uns gut geht, aber wir können New York nicht die Schuld für das geben, was hier passiert. Wir sind dankbar, dass sie uns helfen.«

Er sei, wie viele der Menschen, denen es so geht wie ihm, nach New York gekommen, um vor der Wirtschafts- und Menschenrechtskrise in Venezuela Asyl zu suchen. Carlos war dort fast zwei Jahre lang ins Gefängnis gesperrt worden, weil er an einem Protest gegen die Regierung teilgenommen hatte, so der Bericht. Er sei zwar dankbar für die Hygieneartikel, betonte aber, dass er vor allem Arbeit brauche. Seine Hoffnung sei, dass er, sobald er Papiere habe, seine Mutter und seine drei Kinder in die Vereinigten Staaten bringen kann. »Ich werde jede Art von Arbeit annehmen – was auch immer gebraucht wird.«

»Dies ist eine humanitäre Krise, keine politische Frage«, sagt Judith Bass von der Synagogue Coalition. »Und darauf müssen wir reagieren, als Juden, als New Yorker und als besorgte Menschen.«

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