USA

Jom Kippur in Leningrad

Toralesung in einer Synagoge in Leningrad, 1981 Foto: All Rights Reserved @ Bill Aron 2019

Das sogenannte Wende Museum in Culver City am Rand von Los Angeles sammelt Relikte der ehemaligen Ostblockstaaten aus der Zeit des Kalten Krieges. Unlängst wurde in einer Ausstellung an das jüdische Leben in der ehemaligen Sowjetunion erinnert. Im Zentrum standen unter anderem Werke des amerikanischen Fotografen Bill Aron.

Aron reiste 1981 in die damalige So­wjet­union, um das soziale und religiöse Leben der unterdrückten jüdischen Minderheit in Moskau, Leningrad und Minsk zu dokumentieren. Eine Nachbarin, die aktiv in der Gemeinschaft der russischsprachigen Juden in Los Angeles war, brachte Aron mit sogenannten Refuseniks zusammen, deren Ausreiseanträge nach Israel oder Amerika abgelehnt worden waren.

Das Ergebnis seiner Reise sind intime Schwarz-Weiß-Porträts dieser Welt im Spannungsfeld von Religion, Zionismus, Politik und Assimilation. Viele der Bilder wurden Teil des Fotobandes From the Corners of the Earth (1986), in dem Aron jüdisches Leben in Kuba, der UdSSR, Jerusalem, New York und Los Angeles dokumentiert.

Refuseniks Das Bild der Hand einer älteren Frau, die mithilfe einer Lupe versucht, ihr Gebetbuch zu entziffern, war das erste Foto auf dieser Reise. »Ich war kurz vor Jom Kippur in Leningrad angekommen«, erinnert sich Bill Aron, der heute 81 Jahre alt ist. Er wollte in einer Synagoge von der Empore, von der aus die Frauen den Gottesdienst verfolgten, mit seiner Arbeit beginnen.

»Ich setzte mich neben die Frau, griff nach meiner Kamera – und erstarrte«, erzählt er. Er war so besorgt gewesen über seine Einreise in die Sowjetunion – er hatte Kameras, Filme und drei Jeans im Gepäck, die er Refuseniks schenken wollte, damit sie diese auf dem Schwarzmarkt verkaufen konnten –, dass er nicht bedacht hatte, dass er ja am höchsten jüdischen Feiertag natürlich nicht fotografieren darf.

»Doch schnell wurde mir klar, dass ich keine Alternative hatte. Nicht zu fotografieren, wäre eine Verschwendung meiner Zeit und Energie gewesen«, sagt Aron. Also schoss er das Foto und noch einige weitere. Es kam zu einem kleinen Tumult unter den Betenden, den Aron jedoch ignorierte.

sorgen Nach dem Gottesdienst sprach ihn die Frau mit der Lupe an und sagte: »Machen Sie sich keine Sorgen. Wir dachten zuerst, dass Sie vom KGB sind. Doch dann sahen wir Ihre Kleidung und wie Sie sich unter uns bewegten – da wussten wir, dass Sie aus Amerika kommen und über unsere Situation berichten.«

Die Refuseniks, die der damals schon für seine Fotografien jüdischer Gemeinden bekannte Aron vor die Linse bekam, erhofften sich von der russisch-jüdischen Gemeinschaft in Amerika Hilfe. Schätzungen zufolge liegen heute die Wurzeln von zehn bis 15 Prozent der Juden in Los Angeles in Russland.

»Bill war ungemein wichtig für die Anliegen russischer Juden insbesondere in den Vereinigten Staaten. Denn er gab mit seinen Fotos dem Leiden ein Gesicht und eine Stimme«, sagt Edward Robin, Vorstandsmitglied des Wende Museums und einer der finanziellen Unterstützer des neuen, nach ihm benannten Robin Center for Russian-Speaking Jewry.

ausreiseantrag Einen Ausreiseantrag zu stellen, war in der Sowjetunion eine heikle Angelegenheit. Wurde der Antrag abgelehnt, was sehr häufig der Fall war, dann verloren die Antragsteller ihre Arbeit. Doch keiner Erwerbstätigkeit nachzugehen, war illegal. So wurden aus Ingenieuren, Ärzten oder Hochschullehrern Hausmeister und Straßenkehrer. Die Kinder der Refuseniks wurden in der Schule oft gehänselt oder gleich ganz vom Unterricht ausgeschlossen.

Für den damals 40-jährigen Aron war die Reise in die Sowjetunion ein Abenteuer: »Ich liebte die Gelegenheit, dort zu fotografieren, wo niemand sonst fotografieren durfte«, sagt er.

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

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