Ungarn

Israel an der Donau

Das Holzhaus vor dem Abbau im Kibbuz Parod Foto: Zsolt Sári

Zehn Jahre ist es her, da beschloss die Leitung des ethnografischen Freilichtmuseums im Donaustädtchen Szent­endre nördlich von Budapest, neben heimischen Gebäuden auch Häuser aus der ungarischen Diaspora zu zeigen. Dabei möchte man nicht nur die Behausungen der Emigranten vorstellen, sondern auch die Beweggründe ihrer Auswanderung und ihren neuen Lebensstil.

Zurzeit arbeitet man unter anderem an Wohnstätten aus Pennsylvania und Argentinien. Demnächst soll ein einfacher Holzbau aus dem von ungarischen Juden gegründeten Kibbuz Parod am See Genezareth hinzukommen. Das Gebäude diente früher als Kinderhort.

Viele ungarische Juden konnten Ungarn nach dem Holocaust nicht mehr als ihre Heimat betrachten und wanderten nach Eretz Israel aus. Dies hatte sowohl politische als auch gesellschaftliche und kulturelle Gründe. Zsolt Sári, Kurator und stellvertretender Generaldirektor des Museums in Szent­endre, will all dies dem Publikum anhand persönlicher Schicksale zeigen. Dazu hat er mehrere Interviews geführt, unter anderem mit Marica Berkó. Sie gehört zu den letzten noch lebenden Gründern des Kibbuz. Wie Sári erfuhr, sei sie nicht wegen der Schoa ausgewandert, sondern weil sie das Gefühl hatte, dass ihre Mitmenschen sie nach ihrer Rückkehr weiterhin ausgrenzten.

Identität »Bei uns im Museum soll im Mittelpunkt stehen, wie diese Menschen fern von Ungarn unter gänzlich ungewohnten Umständen ein neues Leben begannen und trotz ihrer schrecklichen Erfahrungen ihre ungarische Identität behielten.« Die heute 93-jährige Marica Berkó verließ Ungarn, das Land, in dem sie aufwuchs, 1946 voller Bitterkeit. Doch sie betont, dass sie sich nach wie vor als eine jüdische Ungarin betrachtet.

Das Freilichtmuseum möchte den Besuchern die Grundidee des Kibbuz, der genossenschaftlichen Siedlung, in der es kein Privateigentum gab und wo das tägliche Leben gemeinsam organisiert wurde, vor Augen führen, sowie den Alltag ungarischer Juden in Israel.

Auf die Frage, warum gerade ein eher bescheidenes Objekt ausgewählt worden ist, antwortet Sári: »Ein Freilichtmuseum leitet alles vom Gebäude ab. Das ausgewählte Holzhaus symbolisiert sehr gut die damalige Zeit: Es herrschte praktisch Krieg im Land. Man musste schnell und mit einfachen Mitteln bauen.«

Was er früher nur aus Filmen und Büchern kannte, habe er durch individuelle Erzählungen nun hautnah erlebt, sagt der 46-jährige nichtjüdische Ethnologe. Er frage sich, »ob man drei, vier Generationen nach den furchtbaren Ereignissen noch irgendeine Verantwortung zu tragen hat«. Als Forscher habe er »die Pflicht festzulegen, was von der ungarischen Geschichte des 20. Jahrhunderts vorgestellt wird«, fährt er fort. »Ein Museum muss sich auch mit den dunklen Perioden der Geschichte auseinandersetzen. Wenn wir das nicht tun, dann wird dies in der Gesellschaft dauerhaft zu Spannungen führen.«

UNTERSTÜTZUNG Viel Zuspruch erhielt das Projekt von Politikern sowohl in Ungarn als auch in Israel. Die ungarische Staatspräsidentin Katalin Novák, die im November 2022 zu einem Besuch in Israel war, unterstützt das Vorhaben. Zur Vorbereitung hat auch ein kleines Privatmuseum der ungarischen Einwanderer in der israelischen Stadt Safed beigetragen.

Mitte Januar wurde mit der Demontage des Gebäudes im Norden Israels begonnen. Bald soll es nach Ungarn transportiert und dort wiederaufgebaut werden. Wenn alles gut klappt, wird das Gebäude ab Sommer 2024 in Szentendre zu besichtigen sein. Ein guter Zeitpunkt, weil dann in der ungarischen Stadt der Kongress des Verbands europäischer Freilichtmuseen stattfinden soll – unter dem Motto: »Reflexionen der gesellschaftlichen und historischen Traumata in Freilichtmuseen«. »Unser Projekt passt sehr gut in das Konzept der Tagung«, sagt Zsolt Sári, es könne »ein ausgezeichnetes internationales Beispiel sein«.

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