Österreich/Schweiz

»Ins Juden Virtel einmashieren«

Simulierter Raketenalarm: Flashmob am 24. Juli in der Wiener Innenstadt Foto: Screenshot JA

Es sind Töne, wie sie in der Schweiz bisher nicht an der Tagesordnung waren: »Wir müssen die Juden ausrotten« oder »Ich wünsche mir, dass Hitler zurückkehrt und weitermacht«. Diese Wortmeldungen müssen Vertreter des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) in E-Mails und in sozialen Netzwerken zur Kenntnis nehmen – zu Dutzenden, ja Hunderten.

Zürich Im Vorfeld einer Pro-Palästina-Demonstration in Zürich forderten kürzlich einige des Deutschen offenbar nur teilweise mächtigen Sympathisanten, der Protest solle nicht wie angekündigt in der Innenstadt, sondern »im Juden Virtel« stattfinden, wo man »einmashieren und den Juden die Fresse polieren« könne. Die Demo selbst verlief dann – unter massivem Polizeiaufgebot – relativ friedlich, allerdings hinterließen einige Teilnehmer antisemitische und anti-israelische Graffiti. Ähnlich war es einige Tage später bei einer Demo in Lausanne.

All dies trieb SIG-Präsident Herbert Winter, der sich mit Stellungnahmen zum Nahostkonflikt sonst eher zurückhält, in die Öffentlichkeit. Solche »Ausdrücke des Hasses und Aufforderungen zur Gewalt gegen Juden in der Schweiz« habe es vorher nicht gegeben, erklärte er. Der Staat sei jetzt aufgerufen, zu handeln: »Er muss mehr machen, um Rassismus und Antisemitismus zu bekämpfen«, sagte Winter.

Wien Vielen Beobachtern bereitet Sorge, dass die aggressivsten judenfeindlichen Vorstöße häufig von jungen Menschen mit Migrationshintergrund kommen: aus Bosnien, dem Kosovo oder der Türkei. Ähnliches ist ebenso in Österreich festzustellen. Auch hier, so sagt Raimund Fastenbauer, Geschäftsführer der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, kämen die heftigsten Proteste gegen Israel aus der »Ecke der Zuwanderer«. Aber es sei »immerhin ein Trost«, so Fastenbauer, »dass die österreichische Öffentlichkeit und auch die Politik das im jetzigen Gaza-Konflikt, im Gegensatz zu früher, auch so zur Kenntnis nimmt«.

Spätestens seit den Attacken türkischstämmiger Migranten beim Fußballspiel von Maccabi Haifa gegen den französischen Verein OSC Lille in Bischofshofen vergangene Woche rückte das Thema auch in Österreich ins Zentrum des Interesses. Bei einer großen Pro-Palästina-Demonstration vor zwei Wochen in Wien sei es zwar mehrheitlich friedlich geblieben, berichtet Raimund Fastenbauer. Doch wie in vielen anderen Städten auch kam es im Umfeld zu antisemitischen Angriffen und Beschimpfungen. So wurde bei einer Anti-Israel-Kundgebung in Innsbruck eine Frau, die eine Israel-Fahne mit sich trug, von Demonstranten verletzt und die Fahne verbrannt.

Flashmob Die jüdische Gemeinschaft im Land zeigt sich nicht gewillt, das alles hinzunehmen: In der Wiener Innenstadt organisierten Jugendliche einen Flashmob, bei dem sie mit mitgebrachten Sirenen einen Raketenalarm simulierten, wie ihn Israelis seit Wochen hinnehmen müssen – eine Aktion, die durchaus Beachtung fand. Und die IKG organisierte im Anschluss an den Erew-Schabbat-Gottesdienst eine Solidaritätskundgebung.

Meinung

Sauna der Toleranz - aber nur ohne Davidstern

Zwei Frauen werden in Barcelona wegen eines jüdischen Symbols verhört, als »Zionistinnen« aussortiert und schließlich hinausgeworfen – im Namen einer Offenheit, die sich selbst ad absurdum führt

von Sabine Brandes  02.06.2026

Essay

Wenn ein Platz nicht schweigt

Gedanken zum 85. Jahrestag der Zerstörung der alten Synagoge von Esch-sur-Alzette durch die Nationalsozialisten

von Andreas Albrecht  02.06.2026

Hintergrund

»Lady Gaza« kommt in die Schweiz

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hat die umstrittene französische Europaabgeordnete Rima Hassan nach Bern eingeladen und damit Empörung ausgelöst. Erste Stimmen fordern nun ein Einreiseverbot

von Nicole Dreyfus, Michael Thaidigsmann  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026

New York

Ronald Lauder: »Israel verliert den globalen Informationskrieg«

»Wenn man die Mainstream-Presse liest, muss man sich fragen, wie der einzige jüdische Staat zur meistgehassten Nation der Erde werden konnte«, sagt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses

 02.06.2026

Bergen-Belsen

Holocaust-Überlebender Tomi Reichental gestorben

In Irland gehörte er zu den prominentesten Zeitzeugen des Holocaust. Tomi Reichental überlebte als Kind das KZ Bergen-Belsen. Jetzt ist er gestorben

von Karen Miether  01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026

Erinnerung

Jugendliche im Anne Frank Haus in Amsterdam - Ein Besuch

Rund eine halbe Million Jugendliche aus aller Welt besuchen jährlich das Anne Frank Haus in Amsterdam. Was denken sie, wenn sie das Versteck sehen? Und was ist ihr Eindruck vom vielleicht bekanntesten Tagebuch der Welt?

von Nina Schmedding  01.06.2026

Nachruf

Edgar Morin gestorben: Stimme des kritischen Denkens verstummt

Der französische Philosoph, Soziologe und Publizist wurde 104 Jahre alt

 01.06.2026