Pittsburgh

»In unserer Synagoge wird geschossen«

Trauer vor der »Tree of Life«-Synagoge in Pittsburgh Foto: dpa

Judah Samet war spät dran. Um 9.49 Uhr parkte der 80‐Jährige am vergangenen Schabbat seinen Wagen auf einem Behindertenparkplatz vor der »Tree of Life«-Synagoge in Pittsburgh. »Jemand klopfte an meine Scheibe, ein Mann, sehr ruhig und respektvoll«, berichtete Samet dem Magazin »Forward«. »Der Mann sagte zu mir: ›Fahr’ lieber los, in unserer Synagoge wird gerade geschossen!‹«

Samet brauchte eine kleine Weile, um das Gesagte zu realisieren. Der gebürtige Ungar hatte seinen achten Geburtstag im KZ Bergen‐Belsen erleben müssen. Doch auch das Massaker in der »Tree of Life«-Synagoge mit seinen elf Toten konnte Samet überleben. Obwohl er in die Schusslinie von Polizei und Angreifer geriet, gelang es Samet, unverletzt zu entkommen.
Ein Wunder inmitten des Grauens. Das Attentat erschüttert nicht nur die Vereinigten Staaten. Es ist der bisher blutigste Angriff auf Juden in der amerikanischen Geschichte.

täter Der Schütze, der 46‐jährige Robert Bowers, war bisher nicht »auffällig« geworden, wie es im Polizeijargon heißt. Das allerdings ist durchaus relativ. Auf der Website gab.com, einer populären Plattform der rechtsextremen Altright‐Bewegung, die wiederum ein wichtiger Teil rechter Unterstützer des US‐Präsidenten Donald Trump ist, hatte Bowers unter anderem ein Foto von drei Pistolen einer österreichischen Waffenschmiede gepostet, der er als seine »Glock‐Familie« bezeichnete. »Juden«, so schrieb Bowers dort weiter, »sind die Kinder Satans.«

Auch von der jüdischen Hilfsorganisa­tion HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society) schien Bowers, der als Lkw‐Fahrer arbeitete und in einer schäbigen Wohnung eine halbe Autostunde von der Synagoge entfernt lebte, geradezu besessen zu sein. In seinem letzten Post auf »Gab«, kurz vor dem Überfall auf die Synagoge, schreibt Bowers: »HIAS bringt Invasoren ins Land, die unsere Menschen töten. Ich kann nicht dasitzen und zusehen, wie meine Mitmenschen abgeschlachtet werden. Scheiß auf eure Meinung, ich gehe jetzt da rein.«

tat Bowers machte seine Ankündigung wahr. Neben seiner »Glock‐Familie«, das sind drei Pistolen der Sorte .357, hatte er noch ein Sturmgewehr AR‐15 bei sich, als er um kurz vor zehn Uhr morgens in die Synagoge stürmte. Laut Zeugenaussagen schrie er: »Alle Juden müssen sterben«. Und er begann, wahllos auf Menschen zu schießen.

Kurz zuvor, um 9.45 Uhr, hatte der Schabbat‐Gottesdienst begonnen, auch eine Brit Mila war an diesem Sonnabend in dem Gotteshaus vorgesehen. Die »Tree of Life«-Synagoge im jüdischen Stadtteil Squirrel Hill von Pittsburgh stammt aus dem Jahr 1946 und ist Heimat zweier konservativer Kongregationen sowie der progressiven Dor‐Hadash‐Gemeinde.
Rund 20 Minuten lang schoss Bowers um sich, ehe die Polizei eintraf. Als der Attentäter das Gebäude verlassen wollte, stellte sich ihm ein Beamter in den Weg. Bowers schoss ihn nieder und flüchtete vor der anrückenden Polizei in die Synagoge zurück.
Judah Samet, der Schoa‐Überlebende, der auch den Pittsburgher Angriff überleben konnte, hat die Schusswechsel aus nächster Nähe erlebt. Er sah einen Polizisten, der für einen Moment den Schutz einer Wand verließ und schoss. Dann sah Samet einen Mann, der eine automatische Waffe hatte und in seine Richtung zielte. »Er hat auf den Polizisten geschossen, der gut einen Meter von mir entfernt war«, berichtete Samet.

Bowers hatte sich in einem Raum im dritten Stock der Synagoge verschanzt. Drei weitere Beamte wurden verletzt, ehe sich der von mehreren Polizeikugeln getroffene Bowers ergab. Ihm droht nun die Todesstrafe.

Elf Menschen hat er in der kurzen Zeit erschossen, ermordet. Samet, der oft die Morgengottesdienste geleitet hatte, kennt alle Opfer.

Joyce Fienberg etwa, die 74 Jahre alt wurde. »Sie war eine echte Dame«, sagte Samet. »Sie hat ihr ganzes Leben der Synagoge gewidmet, seit ihr Mann gestorben ist.« Bis zu ihrer Pensionierung hatte Fienberg an der Universität von Pittsburgh über Lernverhalten in Schulen und Museen geforscht.

Richard Gottfried ist ebenfalls unter den Ermordeten. In einem ergreifenden Tweet würdigte sein Neffe Jacob den 65‐Jährigen: »Heute habe ich eine sehr wichtige Person in meinem Leben verloren. Mein Onkel wurde ermordet, während er tat, was er liebte – zu Gott zu beten. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich als Jude um mein Leben fürchten muss. Ich danke allen bei der B’nai B’rith Jugend für die Unterstützung und hoffe, dass so etwas nie wieder passiert. #Pittsburgh Strong.«

Rose Mallinger hatte keinen einzigen Gottesdienst verpasst – und ihre 97 Jahre sah ihr niemand an. Chuck Diamond, ehemaliger Rabbiner bei »Tree of Life«, sagte der »Washington Post«, sie sei immer da gewesen – »egal, wie viele Leute sonst im Gottesdienst waren«. Mallinger, die noch täglich im örtlichen Lebensmittelladen einkaufte, »gehörte zum Inventar unserer Gemeinde«, sagte Brian Schreiber, Präsident des Jewish Community Center of Pittsburgh. »Ich habe noch nie eine lebhaftere 97‐Jährige gesehen. Sie war so voller Leben und Energie.« Mallingers Tochter, Andrea Wedner, besuchte auch den Gottesdienst und wurde verletzt.

Jerry Rabinowitz
war Hausarzt – »der beste weit und breit«, wie sich ein ehemaliger Patient auf Twitter erinnert. Rabinowitz habe sich in den 80er‐Jahren bespmders um die damals noch stigmatisierten HIV‐Patienten verdient gemacht – ohne Berührungsängste und Gummihandschuhe, wie sein früherer Patient Michael Kerr schrieb. »Bevor es ein wirkungsvolles Mittel gegen HIV gab, war Rabinowitz derjenige, der uns am längsten am Leben hielt.« Rabinowitz wurde 66 Jahre alt. Er gehörte der Reformgemeinde an, die im selben Gebäude von »Tree of Life« untergebracht ist. Zu Jom Kippur blies er immer den Schofar in seiner Gemeinde.

David und Cecil Rosenthal (59 und 54) waren bei jedem Gottesdienst zugegen. Die beiden Männer mit einer angeborenen geistigen Entwicklungsstörung waren wegen ihrer »ansteckenden positiven Haltung« zwei feste Säulen im Gemeindeleben, ist über sie zu erfahren. »Keiner der beiden trug auch nur ein Gramm Hass in seinem Herzen. Sie liebten ihre Gemeinde, wie die sie liebte«, heißt es.

Bernice und Sylvan Simon wurden 84 und 86 Jahre alt: Im Dezember 1956 hatte das Ehepaar in der »Tree of Life«-Synagoge geheiratet. »Sie hielten immer Händchen und strahlten – und er hielt ihr immer die Türe auf, sie verkörperten wirklich all das, was man von anderen erwartet«, erzählt Heather Graham, eine Nachbarin. »Sie waren jedem gegenüber großzügig und freundlich.« Judah Samet berichtet, dass Sylvan in der US‐Armee Fallschirmjäger gewesen war – wie er in Israel.

Daniel Stein hatte jahrzehntelang einen Handel für Klempnerbedarf betrieben. Der 71‐Jährige lebte mit seiner Frau in Squirrel Hill. »Er war beim Gottesdienst wie jeden Sonnabend – und dann liest du plötzlich etwas von einem Schützen in der ›Tree of Life‹-Synagoge. Wir konnten ihn nicht erreichen«, berichtete Steins Neffe Steven Halle in der Lokalzeitung. »Er hat einfach nicht abgehoben.«

Melvin Wax
war stets der Erste, der in seiner »New Light Congregation« erschien – und der 88‐Jährige war dann auch derjenige, der das Licht wieder ausmachte. Wax war ein Gemeindefreund von Daniel Stein. »Er hat praktisch alles bei uns gemacht – bis auf den Kantor«, berichtet ein Gemeindemitglied. »Nach Ende des Gottesdienstes erzählten wir uns immer Witze«, sagt Myron Snider, ausgerechnet Vorsitzender der Friedhofskommission seiner Gemeinde. »Meistens waren das anständige Witze. Meistens. Nicht immer, aber meistens.«

Irving Younger war gerade erst von einer Operation genesen. Der Großvater wirkte in seiner Freizeit als Amateur‐Baseball‐Coach. 69 Jahre wurde er alt.

Judah Samet, der 80‐Jährige, der überlebte, weil er vier Minuten zu spät kam, fühlte sich an diesem Schabbat in Pittsburgh an seine Kindheit im Ungarn der 40er‐Jahre erinnert, als die Nazis seine Familie folterten und ermordeten.

Am Sonntagnachmittag wollte er in einer Kirche in der Nachbarschaft von seiner Kindheit während der Schoa berichten. Wie die Familie im Zug nach Auschwitz saß, wie slowakische Partisanen die Eisenbahnlinie sprengten, und wie es seiner Mutter gelang, trotz der mörderischen Gefahr, die Kinder zu behüten.

Der Reporter des »Forward« fragte Samet, was seine Mutter, Rachel Samet, über das Massaker am Samstag gesagt hätte. »Es endet einfach nie«, lautete Judahs Antwort.

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