80 Jahre WJC

In schwierigen Zeiten

Begrüßte die rund 600 Delegierten aus aller Welt: Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses Foto: WJC

Edward Luttwak ist ein gefragter Mann. Regierungen und Organisationen rund um die Welt zahlen dem Politikwissenschaftler aus Washington viel Geld für seinen Rat. Der Londoner Guardian hat den Leiter des Center for Strategic and International Studies einst den »Machiavelli aus Maryland« genannt – niemand kann so gut wie Luttwak beurteilen, wie man sich in schwierigen Zeiten zu verhalten hat.

So war denn Luttwak Anfang der Woche auch zur 15. Plenarsitzung des Jüdischen Weltkongresses (WJC) nach New York eingeladen worden. Dort trafen sich Repräsentanten jüdischer Organisationen aus aller Welt. Deutschlands jüdische Gemeinden wurden von Zentralratspräsident Josef Schuster, seinen beiden Vizepräsidenten Mark Dainow und Abraham Lehrer sowie vom Geschäftsführer des Zentralrats, Daniel Botmann, vertreten.

Feinde Luttwaks Empfehlung in Zeiten radikal-islamischen Terrors, erstarkendem Rechtspopulismus und einer immer explosiveren Lage im Nahen Osten war überraschend simpel: »Ihr müsst genau wissen, wer eure Freunde sind.«

Man hätte den Ruf zur präzisen Differenzierung auch als Motto des Treffens nehmen können. In einer Mehrzahl der Sitzungen und Workshops ging es darum, in einer sich rasch verändernden Welt herauszufinden, worauf und auf wen man sich noch verlassen kann.

So begrüßte WJC-Präsident Ronald S. Lauder geradezu euphorisch die beiden Ansprachen, die zum Auftakt der Vollversammlung gehalten wurden. UN-Generalsekretär António Guterres wandte sich persönlich an die Delegierten, die Rede von Donald Trump wurde per Video eingespielt. Der US-Präsident sagte angesichts des bevorstehenden Jom Haschoa: »Wir trauern, wir gedenken, wir beten und wir geloben: Nie wieder!« Im Gedenken an die Toten müsse man heute Vorurteile und Antisemitismus ausmerzen.

Lauder lobte die beiden emphatischen Bekundungen der Solidarität. Gefallen hat ihm und den rund 600 Delegierten, die sich in einem Hotel in Midtown Manhattan zusammenfanden, vor allem die Rede von Guterres. Der gelobte, alles in der Macht der Vereinten Nationen Stehende zu tun, um den Antisemitismus auszurotten, und garantierte, dass alle seine Mitarbeiter kompromisslos gegen Antisemitismus eintreten werden. Vor allem aber bekräftigte Guterres das Existenzrecht Israels und verurteilte jedes Infragestellen als antisemitisch.

Guterres sprach als erster UN-Generalsekretär vor dem Jüdischen Weltkongress. Seine Ansprache erfolge zu einer Zeit »der wachsenden Sorge über Vorurteile gegen Israel in den UN«, hieß es im Vorfeld in einem Statement des WJC. Die anti-israelische Haltung der Vereinten Nationen unter Guterres’ Vorgänger Ban Ki-moon war lange ein Dorn im Auge des WJC. Er sei es leid, dass Israel als »Apartheid-Staat« hingestellt und geächtet werde, sagte Lauder bei der Vollversammlung. Er nahm kein Blatt vor den Mund und begrüßte es, dass die Ära Moon nun endlich zu Ende ist: »Ich kann nur sagen: Gott sei Dank!«

Der als Israel-Kritik getarnte Antisemitismus sei mit dem Ende der Amtszeit von Ban Ki-moon jedoch nicht aus der Welt. Lauder nannte diese Form von Judenhass die »größte Bedrohung unserer Zeit«.

Neonationalismus Die drei Tage der Vollversammlung standen auch unter dem Eindruck der französischen Wahlen und des wachsenden Rechtspopulismus in Europa. So zeichnete Moshe Kantor, der Präsident des Europäisch-jüdischen Kongresses, in seiner Rede das bedrohliche Bild eines weltweiten Neonationalismus, der katastrophale Auswirkungen auf Juden überall habe. »Heute ist keine jüdische Gemeinde mehr vor Antisemitismus sicher.«

Scharf artikulierte Kantor das Gefühl einer Bedrohung neuen Ausmaßes, das die gesamte Vollversammlung in New York begleitete. Die Zeiten der globalen Friedfertigkeit und Stabilität, die das Ende des Kalten Krieges 1989 eingeleitet hatten, seien endgültig vorbei – und das bekämen Juden besonders deutlich zu spüren.

Zentralratspräsident Josef Schuster hob hervor, die Vollversammlung zeige, wie fest die weltweite jüdische Gemeinschaft zusammensteht. »Gemeinsam wenden wir uns gegen den wachsenden Antisemitismus in vielen Staaten.«

An Jom Haschoa gedachten die Delegierten der sechs Millionen ermordeten Juden. »Wir richten zugleich unser Augenmerk auf heutige Bedrohungen durch Rechtsextremisten und eine verbreitete Israel-Feindlichkeit«, sagte Schuster.

Der Zentralratspräsident begrüßte, dass Lauder als WJC-Präsident im Amt bestätigt wurde: »Mit ihm haben die Juden in der Diaspora eine wirkmächtige Persönlichkeit an ihrer Spitze.«

Sorge Anders als Lauder hatte Kantor in seiner Rede nicht ausgespart, dass der Antisemitismus im Gastgeberland USA bedrohlich zunimmt. Der versichernden Worte Trumps an den WJC zum Trotz sei die Zahl antisemitischer Vorfälle in den USA stark gestiegen. Und wie überall, so Kantor, verstärkten »Isolationismus und nativistische Rhetorik« diese Tendenzen.

Umso dankbarer nahmen die Delegierten in Manhattan den Bericht der Koordinatorin zur Bekämpfung von Antisemitismus der Europäischen Kommission, Katharina von Schnurbein, auf. Die Deutsche hat das Amt seit Ende 2015 inne, als es neu geschaffen wurde, und führt seither auf allen Ebenen einen Kreuzzug gegen Antisemitismus – von der multinationalen Gesetzgebung und deren nationaler Implementierung bis hinein in Schulen und Kommunen. Schnurbein legt eine Entschiedenheit für diese Aufgabe an den Tag, die die Delegierten in New York spürbar beeindruckte.

Für ihre Versicherung, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht allein Sache von Juden sein könne, sondern dass es um die Grundwerte unserer Gesellschaften und um die Seele Europas gehe, bekam Schnurbein lang anhaltenden Beifall. Die Frage, ob sie und mit ihr die EU in schwierigen Zeiten Freund oder Feind sind, hatte sie offenbar klar beantwortet.

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