Italien

In der Todesfalle des »Duce«

Antisemitisches Plakat (1938) Foto: dpa

Italien

In der Todesfalle des »Duce«

Michele Sarfattis Studie über die Juden unter Mussolini liegt jetzt auch auf Deutsch vor

von Olaf Glöckner  10.08.2015 17:47 Uhr

Lange Zeit galt Italien als eines der wenigen europäischen Länder, in denen es vergleichsweise wenig Antisemitismus gibt. Stolz auf ihre Heimat, prägten zahlreiche Juden das Geschehen in Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft, Kunst und sogar Politik mit. Selbst während der ersten Jahre von Mussolinis Diktatur sahen sich viele von ihnen in Italien gut aufgehoben. War der »Duce« am Ende vielleicht doch kein Judenfeind? Und gab es möglicherweise reale Chancen, die Deportation und Vernichtung der italienischen Juden komplett zu verhindern?

Der Mailänder Historiker Michele Sarfatti hat sich dieser Frage schon vor Jahren intensiv gewidmet. Inzwischen ist sein auf umfangreichem Quellenmaterial beruhendes Standardwerk Gli ebrei nell’Italia fascista in deutscher Übersetzung unter dem Titel Die Juden im faschistischen Italien bei de Gruyter erschienen. Anschaulich beschreibt Sarfatti die prekäre Lage der Juden unter Mussolini und zeigt auf, wie während der 30er-Jahre zuerst die bürgerlichen und dann die politischen Rechte schwanden, bis im Sommer 1943 die Deportation in die deutschen Vernichtungslager begann.

Inhalt Im ersten Teil des lesenswerten Buches erfährt man viel über die lange Zeit der erfolgreichen Integration der italienischen Juden ins öffentliche Leben. Anders als die NSDAP hatte Mussolinis Nationale Faschistische Partei (Partito Nazionale Fascista, PNF) kein antisemitisches Programm. Vermutlich aus diesem Grund hatte die PNF lange Zeit auch jüdische Mitglieder. Doch der radikale Judenhass, der im benachbarten Deutschland tobte, färbte zunehmend auf Italien ab. Schon 1934 fordert der »Duce« die jüdische Bevölkerung auf, sich restlos zu assimilieren. 1938 werden alle Juden aus der PNF ausgeschlossen. Ende des Jahres treten rigide Rassengesetze in Kraft – das alles, wohlgemerkt, ohne deutsches Zutun.

Dennoch gestalten sich auch die folgenden Jahre anders als in Hitlerdeutschland. Die Behörden arbeiten mit Hochdruck daran, die jüdische Bevölkerung zur Emigration zu zwingen – Vertreibung statt Tötung, Zwangsarbeit statt Mord. Mitte 1943 leben die meisten Juden immer noch im Land, die Behörden zählen mehr als 30.000 Frauen, Männer und Kinder.

Aus deutschen Informationen an die Italiener vom Sommer 1942, so Sarfatti, sei zweifellos hervorgegangen, dass Deutschland die osteuropäischen Juden inzwischen systematisch ermordete. Mindestens eine dokumentierte Bemerkung belegt Mussolinis Zustimmung. Am 8. März 1943 schrieb er an Hitler: »Feuer und Schwert werden (die) Krankheiten heilen, die die plutokratischen Demokratien und das Judentum der Menschheit zugefügt haben.«

Deportationen Erste Deportationen – die nun NS-Deutschland forderte – wurden für Juli 1943 geplant, doch die zwischenzeitliche Amtsenthebung des »Duce« verhinderte zunächst das Schlimmste. Die Nachfolgeregierung Badoglio probierte ihrerseits einen skurrilen diplomatischen Spagat zwischen den Krieg führenden Mächten – was zur Rettung der Juden wenig beitrug.

Mit der deutschen Besetzung Italiens im Oktober 1943 schnappte die Todesfalle schließlich zu. Etwa 9000 italienische Juden wurden bis Dezember 1944 vor allem nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Andere spürten deutsche Einsatzgruppen in Norditalien und an der Adriaküste auf und erschossen sie. Mussolinis faschistischer Satellitenstaat in Norditalien arbeitete den deutschen Mördern zu. Doch immerhin Tausende Juden konnten sich in den bereits befreiten italienischen Süden retten.

Michele Sarfattis Buch räumt mit einigen Mythen auf – nicht zuletzt damit, dass die »normale« Akzeptanz der Italiener den verfolgten Juden in kritischen Situationen wirklich geholfen habe. Teils endlose Fußnoten und eine mitunter holprige Übersetzung erschweren die Lektüre allerdings an einigen Stellen.

Michele Sarfatti: »Die Juden im faschistischen Italien: Geschichte, Identität, Verfolgung.« De Gruyter, Berlin und Boston 2014, 358 S., 99,95 €

New York

Ronald Lauder sucht Nachfolger

Der WJC-Präsident, Unternehmer und Philanthrop wirbt außerdem dafür, dass sich eine neue Generation wohlhabender Juden stärker für jüdisches Leben engagiert – durch Investitionen in Bildung

 15.07.2026

David Baddiel

»Inzwischen kann man Messi in den Griff bekommen«

Der britische Autor über das Halbfinale England vs Argentinien, seinen legendären Fußball-Song »Three Lions« und warum er immer noch glaubt, dass England gegen Argentinien gewinnen wird

von Katrin Richter  15.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  15.07.2026 Aktualisiert

Schweiz

Die gegen den Hass sprüht

Inna E. fühlt sich dem jüdischen Volk verbunden und macht gegen anti-israelische Graffitis mobil. Wenn die Behörden nicht reagieren, auch mit Farbe

von Peter Bollag  14.07.2026

Monaco

Zweitjüdischste Nation der Welt

Die kleine jüdische Gemeinschaft im Stadtstaat wächst. Immer mehr Jüdinnen und Juden entscheiden sich für das luxuriöse und sichere Fürstentum

von Mark Feldon  13.07.2026

New York

Jüdischer Vertreter kritisiert Bürgermeister Mamdani für Stadtkarte

Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA hat New York eine Karte zu unterschiedlichen migrantischen Prägungen seiner Stadtteile herausgegeben. Juden wurden dabei offenbar nicht berücksichtigt

 12.07.2026

Maccabia

Zwischen Medaillen und Menschlichkeit

Für die Schweizer Delegation ist klar, das Spiel ist wichtig, aber neue Freundschaften sind wichtiger

von Nicole Dreyfus  10.07.2026

Niederlande

»Juden ins Gas«-Rufe nach Marokkos WM-Niederlage

In Den Haag kam es in der Nacht zu Ausschreitungen und antisemitischen Sprechchören

 10.07.2026

Einzelbild, Single image: Erling Haaland Norway, 9 FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball 2026: Brazil v Norway 05 July 2026, FIFA World Cup 2026: Brazil v Norway Round of 16 at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA. *** Single image: Erling Haaland, Norway FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, July 5, 2026 FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, Round of 16, at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA Copyright: HMBxMedia/xMarcoxBader

Verschwörungsmythen

Norwegens WM-Star Erling Haaland im Visier von Antisemiten

Samstagabend spielt der Angreifer von Manchester City mit Norwegen gegen England. Die ehemalige Hamas-Geisel Omer Shem Tov wird ihm dabei die Daumen drücken. Israelfeinden gefällt das nicht.

von Elke Wittich  10.07.2026