USA

Ignoranz trifft Selbsthass

»Die Auswanderung von Juden aus der Sowjetunion ist kein Ziel der amerikanischen Außenpolitik. Auch wenn sie Juden in Gaskammern stecken, ist das keine amerikanische Angelegenheit. Vielleicht ist es eine humanitäre Angelegenheit.« Dies sagte der Nationale Sicherheitsberater und spätere US-Außenminister Henry Kissinger am 1. März 1973 in einem Gespräch mit seinem Boss, Präsident Richard Nixon.

Faustschläge Auf dem Tonband hört man übrigens, dass er dabei mit den Fäusten auf den Tisch schlug. Dass Nixon privat Rassist und Antisemit war, dass er »Neger« für dumm hielt und Juden nicht mochte, war schon bekannt. Dass Kissinger keine Probleme damit hatte, Diktaturen in Lateinamerika zu unterstützen, wenn sie ihm in sein außenpolitisches Konzept passten (Metternich! Gleichgewicht der Kräfte! Nur nicht schaukeln! Keine Veränderung! Menschenrechte sind uns wurscht!), ist ebenfalls keine echte Überraschung. Und natürlich wussten wir längst, dass Nixon seinen nationalen Sicherheitsberater mit der schwarzen Intellektuellenbrille gelegentlich »Judenjunge« zu nennen pflegte. Aber Kissingers ekelhafte Äußerungen sind neu. Vieles hatten wir ihm bisher zugetraut; dieses dann doch nicht.

Was ist der historische Hintergrund für Kissingers Wutausbruch? Er und sein Boss hatten damals gerade die Entspannungspolitik erfunden. Zu diesem Behufe war Nixon, von seinem Sicherheitsberater in allen Details exakt instruiert, 1972 nach China geflogen und hatte dort dem Massenmörder Mao mit zähnefletschendem Grinsen die Hand geschüttelt. Die Sowjets sahen es mit Grausen und hatten keine andere Wahl mehr, als sich mit den Amerikanern zu verständigen. Es eröffnete sich nun also die große Chance – so sah es jedenfalls Kissinger –, die Sowjetunion als einen ganz normalen Nationalstaat mit legitimen Interessen zu behandeln. Doch dann kam dem Herrn Sicherheitsberater etwas dazwischen: die Juden.

Nach dem Sechstagekrieg 1967 hatten immer mehr sowjetische Juden Ausreiseanträge gestellt, um nach Israel zu emigrieren. Die Behörden im Sowjetreich packten sofort den polizeistaatlichen Hammer aus: Hausdurchsuchungen, Gebrüll, Verhaftungen. Das berühmteste Opfer der antizionistischen Kampagne war Nathan Scharansky, der neun Jahre lang – bis Februar 1986 – im Gulag saß, ehe er endlich freigelassen wurde. Viele Juden in Amerika versuchten, den Brüdern und Schwestern jenseits des Eisernen Vorhangs zu helfen. Sie schmuggelten Mazza und Gebetbücher und demonstrierten in bitterer Kälte vor dem Gebäude der Vereinten Nationen in New York.

Nie wieder! In der Zeit des Zweiten Weltkrieges, so fühlten damals viele, hatten ihre Eltern versagt, hatten nicht laut geschrien, als die europäischen Juden nach Auschwitz und Treblinka deportiert wurden. Noch mal sollte ihnen so etwas nicht passieren. Diesmal würden die amerikanischen Juden nicht erlauben, dass ihr Vaterland wegschaute, während anderswo eine Falle zuschnappte. Am Ende setzten sie sich mit ihrer Kampagne durch. 1974 verabschiedete der Kongress in Washington das Jackson-Vanik-Amendment, das der Sowjetunion den Status als gleichgestellter Handelspartner verweigerte, solange sie ihren Bürgern das Recht auf Ausreise vorenthielt. Kissinger schäumte vor Wut. »Ich glaube, dass die jüdische Gemeinschaft sich in dieser Frage verantwortungslos benimmt«, sagte er zu Nixon nach seinem Kommentar über die Gaskammern. »Sie benimmt sich verräterisch.«

Wer über Kissinger fassungslos ist, sollte freilich auch wissen, wer damals ein enger Mitarbeiter des demokratischen Abgeordneten Henry M. Jackson war, der dem Jackson-Vanik-Amendment seinen Namen gab: Richard Perle, der Vordenker der verteufelten Neocons, auch bekannt unter dem Spitznamen: Fürst der Finsternis.

Der amerikanische Neokonservatismus hat sich – jedenfalls auch – im Widerstand gegen Henry Kissinger herausgebildet. Kissinger wollte in der Sowjetunion nur einen weiteren Nationalstaat sehen, im Grunde eine konservative Macht, mit der man sich auf Einflusssphären einigen und arrangieren konnte. Die Neocons sahen in der Sowjetunion etwas ganz anderes: ein feindliches, totalitäres Imperium, das zu jedem Verbrechen fähig war – auch einem Massenmord an den sowjetischen Juden. Leisetreterei würde die Betonköpfe in Moskau nur ermutigen, noch brutaler zu sein.

Jenseits aller Empörung: Wer hatte in diesem Streit denn nun ganz pragmatisch recht? Heute wissen wir: Drei Wochen nach Kissingers Wutausbruch, am 20. März 1973, traf sich in Moskau das Politbüro. Breschnjew erklärte dort, wegen der zionistischen Kampagne und dem Jackson-Vanik-Amendment habe man leider keine andere Wahl, als die sowjetischen Juden gehen zu lassen. Herr Kissinger hat sich damals also nicht nur als jüdischer Selbsthasser geoutet, sondern er hat auch die falsche Außenpolitik vertreten.

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