Kindertransporte

»Ich lebe in Frieden mit mir selbst«

Frau Barnett, Sie wurden Anfang 1935 in Berlin geboren und kamen im Februar 1939 mit einem »Kindertransport« nach England. Können Sie sich an die Pogromnacht im November 1938 erinnern?
Nein. Ich war erst drei Jahre alt, fast vier, und ich war an diesem Abend bei meiner Großmutter. Aber mein Vater war mit meinem Bruder Martin, der damals sechs Jahre alt war, auf den Straßen unterwegs. Sie hielten sich am Rand der Menge auf, weil das der sicherste Ort für Juden war. Denn niemand hätte sich vorstellen können, dass sich ein Jude in der Menge aufhielt, die jüdisches Eigentum angriff.

Glauben Sie, dass Ihr Vater auch beobachten wollte, was passierte?
Ich weiß es nicht. Aber wenn er zu Hause geblieben wäre, wäre er festgenommen worden. Denn die Gestapo hat in vielen jüdischen Wohnungen Männer festgenommen und in Konzentrationslager gebracht. Mein Vater ist überhaupt sehr viel draußen spazieren gegangen. Er wurde 1933 als Richter entlassen und war viel unterwegs, bis er Berlin 1939 verlassen konnte. Er war oft im Wald unterwegs und hat Martin zu diesen Spaziergängen mitgenommen. Er hatte immer einen gepackten Rucksack mit notwendigen Dingen, Essen und Trinken, und er verschwand jedes Mal, wenn er dachte, es würde etwas passieren.

Nach der »Kristallnacht« ist Ihr jüdischer Vater, Robert Michaelis, zum Christentum konvertiert. Ihr Bruder Martin und Sie wurden getauft, so steht es in Ihrem Buch »Nationalität: Staatenlos …«.
Das hat mir Martin erzählt, aber ich kann mich daran überhaupt nicht erinnern. Ich denke eigentlich, ich sollte mich daran erinnern können, aber ich habe das nicht abgespeichert.

Ihre Eltern haben alles getan, was sie konnten, um Sie und Martin zu retten. Deshalb wurden Sie beide schließlich zusammen nach England geschickt. Dort mussten Sie mehrfach die Pflegefamilie wechseln. Sie hatten eine sehr schwierige Kindheit …
Ja, aber heute lebe ich in Frieden mit mir selbst und fühle mich wohl mit meiner Identität. Ich habe aber erst 1989 angefangen, meine Vergangenheit zu bewältigen, als ein erstes Treffen der Kinder aus den Kindertransporten in London stattfand. Etwa 1000 Menschen kamen zu diesem 50. Jahrestag der Kindertransporte. Bis dahin kannte ich nicht einmal das Wort »Kindertransport«, und ich dachte wirklich, dass nur mein Bruder und ich aus Deutschland nach England gekommen waren.

Sie wussten nicht, dass Tausende von Kindern das gleiche Schicksal teilten?
Nein, und ich war verblüfft, dass es so viele waren. Zuvor wurde einfach nicht darüber gesprochen, auch nicht in meinen drei Pflegefamilien. Wir wurden genauso behandelt wie englische Kinder, wir hatten überhaupt keinen deutschen Akzent, er wurde uns gezielt abtrainiert. Niemand konnte uns als deutsch oder als jüdisch identifizieren.

Wie erinnern Sie sich an die Reise nach London?
Ich kann mich an nichts erinnern, außer an meine Mutter, meinen Bruder und mich.

Was hat Ihr Bruder erzählt?
Mein Bruder hat nicht darüber gesprochen. Aber es war nicht nur so, dass Menschen über die Vergangenheit nicht sprechen wollten. Es wollte auch niemand zuhören. In unserer Kindheit hat kein Erwachsener das, was in Deutschland passierte, jemals erwähnt.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten Ihre deutsche Herkunft 50 Jahre lang verleugnet …
Ja, die britische Propaganda gegen Deutschland war sehr stark. Und ich habe mich geschämt, überhaupt etwas mit Deutschland zu tun zu haben. Nur einmal haben die Kinder in meiner Schule herausgefunden, dass ich aus Deutschland komme, und sie haben mir auf dem Spielplatz den Hitlergruß gezeigt. Ich habe gesagt: »Ich kann kein Nazi sein, ich bin doch nicht einmal Deutsche. Ich bin jüdisch.« Und von diesem Moment an habe ich eine jüdische Identität entwickelt – indem ich verleugnet habe, deutsch zu sein. Das hat meine Identität natürlich total durcheinandergebracht.

Ihre Mutter war keine Jüdin. Nachdem Sie Ihren jüdischen Mann in England kennengelernt hatten, sind Sie zum Judentum konvertiert. Warum?
Weil ich jüdisch sein wollte, nicht deutsch.

Aber Sie waren nicht religiös.
Ich wurde christlich erzogen. Alle Pflegeeltern, die ich in England hatte, waren Christen.

Sie hatten also keinen Bezug zur jüdischen Tradition …
Nein, überhaupt nicht. Aber ich war interessiert an jüdischem Wissen, und ich habe gelernt und mich damit auseinandergesetzt. Ich denke übrigens, dass ich so oder so konvertiert wäre, auch ohne meinen Mann. Ich war sehr interessiert an meinen jüdischen Wurzeln. Aber erst, als ich später zur Psychotherapeutin ausgebildet wurde, habe ich auch meine deutschen Wurzeln wieder für mich entdeckt. Und jetzt bin ich eine britische Jüdin mit deutschen Wurzeln. Ich fahre sehr gerne nach Deutschland, vor allem nach Berlin, wo ich geboren bin. Und ich lebe in Frieden mit mir selbst. Leider haben es viele Flüchtlinge nie geschafft, eine komplette Identität zu entwickeln, bei der sie nichts verstecken und nichts abwehren müssen.

Haben Sie versucht, wieder die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen?
Ja, und es stellte sich heraus, dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft bereits besitze, weil meine Eltern sie erneut beantragt hatten. Ich habe jetzt ein Dokument, das beweist, dass ich Deutsche bin. Ich brauche nur noch einen Pass. Und den werde ich auch beantragen, denn ich weiß nicht, was der Brexit mit sich bringt, und ich möchte Deutschland weiterhin drei‐ bis viermal im Jahr besuchen.

Haben Sie vor, in der nächsten Zeit nach Berlin zu reisen?
Ja, ich warte auf eine Einladung Anfang 2019 in Zusammenhang mit dem Jahrestag von »80 Jahre Kindertransport«.

In ihrem Buch »Landgericht« hat Ursula Krechel Ihre Familiengeschichte verarbeitet – aber ohne Sie oder Ihren Bruder nach Ihrer Version zu befragen.
Ja, aber ich habe es sofort begrüßt, dass sie die Geschichte aufgeschrieben hat – als fiktive Geschichte der Familie des Richters Richard Kornitzer. Ursula Krechel hat etwas, das zuvor nur sehr wenige wussten, bekannt gemacht. Denn viele Menschen denken, dass man zur Normalität zurückkehren kann, wenn ein Krieg beendet ist. Aber in Wirklichkeit dauert es viele Jahre, um die Folgen eines Krieges zu bewältigen. Und es schaudert mich, wenn ich daran denke, was passieren wird, wenn die Kämpfe in Syrien aufhören. Es ist ein solches Chaos. Einst war ganz Europa ein Chaos, und der Einfluss der Nazis war noch über zwei Jahrzehnte zu spüren, weil so viele Nazis und ihre Sympathisanten auf ihren Posten blieben. Das war das, was auch mein Vater nach dem Krieg feststellen musste: dass 80 Prozent der Juristen immer noch auf ihrem Posten waren.

Wie ist Ihr Vater, der in Shanghai überlebte und dann nach Deutschland zurückkehrte, damit fertiggeworden?
Zuerst hat man ihm einen Job verweigert, weil er staatenlos war und man zunächst Arbeitsplätze für alle Deutschen finden wollte, die aus dem Ausland zurückkamen. Also musste er dafür kämpfen, dass er seine Staatsangehörigkeit zurückbekam – was natürlich absurd war.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie schwierig es für Sie war, wieder bei Ihren Eltern in Deutschland zu leben, nachdem Sie mehr als zehn Jahre von ihnen getrennt waren. Hat sich die Beziehung später verbessert?
Ja und nein. Ich wurde 1949 als 14‐Jährige gegen meinen Willen gezwungen, wieder nach Deutschland zu kommen. Und das kollidierte in mir mit der Erfahrung, als ich als Vierjährige weggeschickt wurde. Ich konnte mit Deutschland nicht umgehen, ich war zu verängstigt und zu wütend. Dieses Jahr in Deutschland war das schlimmste Jahr meines Lebens. Ich brauchte lange Zeit, um damit klarzukommen. Unglücklicherweise habe ich das nicht geschafft, während meine Eltern noch am Leben waren. Wir konnten gemeinsam eine wunderbare Zeit verbringen, solange niemand die Vergangenheit erwähnte. Aber wenn man zehn Jahre seines Lebens tabuisieren muss, dann bleibt die Beziehung oberflächlich. Leider habe ich niemals eine tiefe Beziehung zu meinen Eltern aufbauen können, besonders nicht zu meiner Mutter. Aber ich habe eine wunderbare Beziehung zu meinen Kindern und zu meinen Enkeln. Und das ist sehr, sehr kostbar für mich.

Sie haben über Ihr Leben auch ein Theaterstück geschrieben …
Ja, als Antwort auf die deutsche TV‐Verfilmung von »Landgericht«.

Wie fanden Sie den Film?
Es ist ein brillanter Film, mit Top‐Schauspielern und einer wunderbaren Regie, aber es ist Fiktion. Ich wollte die wirkliche Geschichte für Menschen verfügbar machen. Denn ich wurde schon mehrmals eingeladen, um in Deutschland über mein Buch zu sprechen. Weil die Menschen den Film »Landgericht« kannten, hatte ich ein großes Publikum – als »Kornitzers Tochter«. Das hat Leute angezogen, aber sie wollten über den Film sprechen, nicht über mein Buch. Ich fand, dass die wirkliche Geschichte erzählt werden muss. Mein Sohn hat mir vorgeschlagen, ein Theaterstück zu schreiben. Und dann habe ich ihm einen Deal vorgeschlagen: Ich schreibe das Stück, und er produziert es. Er hat das Stück tatsächlich produziert, in diesem Mai mit seiner Amateurtheatergruppe in Liverpool. Ich wiederum habe ein Buch des Stücks produziert, und ich hoffe, dass viele Menschen es lesen werden.

Soll das Theaterstück ins Deutsche übersetzt werden?
Ich hoffe es. Einige Richter am Berliner Landgericht sind ziemlich interessiert daran, das Werk in Berlin auf die Bühne zu bringen.

Sie waren 2017 bei »Limmud« in Deutschland und haben in Ihrem Workshop darüber gesprochen, dass jeder Mensch in sich selbst etwas Gewalttätiges trägt, das er kontrollieren muss.
Ja, ich denke, das ist sehr wichtig. Ich fordere auch die Kinder, zu denen ich in Schulen spreche, mit dieser Überzeugung heraus. Ich frage sie: »Wo beginnt Krieg?« Denn man kann nichts stoppen, wenn man nicht weiß, wo es angefangen hat. Meine Ansicht ist: Jedes Mal, wenn zwei normale Menschen sich streiten und anfangen, sich zu schlagen, anstatt ihren Konflikt auszudiskutieren, tragen sie dazu bei, die Gewalt in der Gemeinschaft zu vergrößern. Und die Gemeinschaften in unserer Welt sind so sehr mit Gewalt aufgeladen, dass sie jeden Moment explodieren können. Das ist meiner Meinung nach der Beginn von Krieg. Wenn man es nicht kontrolliert, bevor es außer Kontrolle gerät, dann kann es zum Krieg führen.

Sie haben auch den IS in Zusammenhang mit den Nazis erwähnt …
Man kann den IS und die Nazis nicht wirklich vergleichen, sie sind sehr unterschiedlich. Aber beide basieren auf einer pathologischen Ideologie und sind innerhalb der zivilisierten Welt inakzeptabel. Ich sehe die menschliche Rasse als nur zum Teil zivilisiert an. Wir haben einen langen Weg hinter uns, seit wir in Höhlen gelebt haben, aber wir haben auch noch einen langen Weg vor uns.

Im heutigen Europa werden häufig Paral­lelen zu den 30er‐Jahren gezogen. Was sagen Sie dazu?
Ich denke nicht, dass Vergleiche sehr hilfreich sind. Aber wir müssen aus der Geschichte lernen, wie Gewalt gewachsen ist und wohin sie geführt hat. Die Zukunft wird jedes Mal anders sein. Aber wir können lernen, und wir können in die Vergangenheit zurückschauen und sehen, wo es angefangen hat. Denn wenn wir Kriege nicht schon im Keim ersticken, werden sie die menschliche Rasse auslöschen – weil wir heute dazu die Mittel haben.

Mit der Zeitzeugin, ehemaligen Lehrerin und Psychotherapeutin sprach Ayala Goldmann.

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