Organhandel

»Humanität ist unteilbar«

Herr Matas, Sie arbeiten seit vielen Jahren als Anwalt für Flüchtlinge. Wie ist es dazu gekommen?
Ich war als junger Mann bei einer Kanzlei tätig und bekam all die Mandate zugeschoben, die kein anderer übernehmen wollte. Niemand hatte Lust, sich mit Flüchtlingsfragen zu beschäftigen.

Hat Ihr familiärer Hintergrund die Berufswahl beeinflusst?
Ich bin zwar jüdisch, aber ich habe keine Angehörigen im Holocaust verloren. Meine Großeltern kamen, wie die ganze Familie, vor dem Ersten Weltkrieg nach Kanada.

Die Verbrechen der Nazis waren also nicht für Ihre Berufswahl ausschlaggebend?
Doch! Natürlich! Und zwar in dem Sinne, dass ein Großteil meiner Arbeit der Versuch ist, Lehren aus dem Holocaust zu ziehen und dementsprechend zu handeln. Eine Verpflichtung lautet: gegen alle Menschenrechtsverletzungen zu protestieren. Der Holocaust hat uns gelehrt, dass Humanität unteilbar ist.

Sie haben viele Bücher über NS-Kriegsverbrecher in Kanada geschrieben.
Ja, und ich bin nach wie vor damit beschäftigt, Nazi-Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen.

Derzeit beschäftigen Sie sich hauptsächlich mit dem illegalen Organhandel in China. Ein weltweites Problem. Was macht China zu etwas Besonderem?
In China ist der Staat Komplize des illegalen Handels. Dort wird der Verkauf von Organen zudem genutzt, um eine Minderheit zu unterdrücken, die als Bedrohung für das herrschende System gesehen wird: Falun Gong. Den Anhängern werden bei lebendigem Leib gezielt Organe wie Herz und Leber entnommen. Das kann niemand überleben. Also wird ihr Tod bewusst in Kauf genommen.

Ihr Bericht über chinesischen Organhandel, den Sie kürzlich bei der EU vorgestellt haben, klingt für viele ungeheuerlich.
Es ist immer die Frage, inwieweit die Möglichkeit besteht, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Sieht der Westen weg, wenn es um Menschenrechtsverletzungen in China geht?
Das hat mit den Strukturen zu tun. Die Verbrechen in Darfur konnten vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gebracht werden, weil keiner der fünf Staaten im Weltsicherheitsrat sein Veto einlegte. Im Fall von Falun Gong würde China sofort Nein rufen. Ich glaube nicht, dass der Westen hier wegsieht, ihm sind die Hände gebunden.

Hängt es vielleicht auch damit zusammen, dass die Wertschätzung der Menschenrechte abnimmt?
Ich würde sagen, es geht hier um eine Perversion des Begriffs Menschenrecht. Die einzige Regierung, die die Achtung der Menschenrechte komplett ablehnt, ist die irani- sche. China dagegen akzeptiert das gängige Vokabular und die Institutionen. Aber Peking setzt alles daran, Fakten zu verdrehen und zu entstellen.

Sie haben auch ein Buch über Antizionismus und Antisemitismus geschrieben und darin erläutert, warum Ihrer Meinung nach die Palästinenser kein Rückkehrrecht nach Israel haben. Wie passt das zu Ihrem Engagement als Flüchtlingsanwalt?
Man kann kein Rückkehrrecht der Palästinenser konstatieren ohne ein Rückkehrrecht für alle Menschen. Offenkundig gibt es ein solches nicht. Meine Urgroßeltern kamen aus Litauen, der Ukraine und Rumänien. Ich habe weder ein Recht, in diese Länder zurückzukehren, noch sollte ich ein solches haben. Die Vorstellung, dass jeder einen Anspruch darauf hat, dorthin zurückzukehren, wo die Vorfahren einst lebten, ist Unsinn.

Mit dem Anwalt für Menschenrechte und Justiziar von B’nai Brith Kanada sprach Sabine Pamperrien.

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026

Norwegen

Wenn die Sonne weder unter- noch aufgeht

Warum der Schabbat und manche Feiertage im hohen Norden eine Herausforderung sein können

von Elke Wittich  12.06.2026

Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte, Häftlinge konnten kurz dem Lageralltag entfliehen

von Matthias Thüsing  09.06.2026

WM 2026

Schweizer Fußball-Stars begeistern jüdische Kinder

Kinder und Jugendliche einer jüdischen Schule in San Diego haben mit der Schweizer Nationalmannschaft Fußball gespielt

von Nicole Dreyfus  09.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026

Frankreich

Shosanna rennt weiter

»Inglourious Basterds«-Star Mélanie Laurent ist zurück – und nimmt in »Fauda 5« Rache

von Sophie Albers Ben Chamo  07.06.2026

Großbritannien

Grünen-Chef will Ermittlungen gegen Briten, die in Israels Armee dienen

Zack Polanski gehört ebenso wie Jeremy Corbyn zu den Unterstützern einer Kampagne, die sich gegen britische Staatsbürger im israelischen Militär richtet

 05.06.2026

Meinung

Entlarvte Gesinnung

Ausgerechnet jener Schweizer Politiker, der sich im Parlament gegen das Hamas-Verbot stellte, lädt die französische Abgeordnete und Israelhasserin Rima Hassan nach Bern ein

von Nicole Dreyfus  04.06.2026

Großbritannien

Unterhausabgeordneter unterstellt Israel »Blutdurst«

In einer Parlamentsdebatte zu Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon verstieg sich ein Parlamentarier zu antisemitischen Aussagen

 04.06.2026